Harburg

Kein Kitaplatz für Kurt

Stefanie Kreutzer verbringt die Vormittage mit ihrem Sohn Kurt und Töchterchen Käthe im Spielzimmer. Doch spätestens im März 2020 braucht sie einen Kitaplatz für beide Kinder. 

Stefanie Kreutzer verbringt die Vormittage mit ihrem Sohn Kurt und Töchterchen Käthe im Spielzimmer. Doch spätestens im März 2020 braucht sie einen Kitaplatz für beide Kinder. 

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Die Kreutzers zogen im November nach Buchholz, weil sie für ihre Kinder das Beste wollten. Seitdem warten sie auf einen Kitaplatz für ihren Sohn.

Buchholz . Sie hatten sich alles so schön ausgemalt: Das Häuschen im Grünen, die Kita in Fußläufigkeit, die Schule nur ein paar Minuten von daheim entfernt. Mit dem Gedanken daran, dass ihr vier Jahre alter Sohn Kurt und ihre drei Monate alte Tochter Käthe im Umland der Metropole Hamburg eine behütete Kindheit haben sollten, hatten Stefanie Kreutzer und Martin Bendig-Kreutzer im November ihre Wohnung im Hamburger Zentrum gegen das Reihenhaus in Buchholz eingetauscht. Hier wollte die Familie Fuß fassen, Freunde finden, heimisch werden. Doch dass ihnen der Start in der Nordheidestadt so schwer gemacht werden würde – damit hatten sie nicht gerechnet.

Sieben Monate leben die Kreutzers inzwischen in Buchholz. Und ebenso lange suchen sie verzweifelt nach einem Kitaplatz. Doch es gibt keinen für ein zugezogenes Kind. Alle 24 Einrichtungen in der Stadt sind voll. Frühestens im August 2020 kann die Familie mit einem Ganztagsplatz rechnen. Dann wird Kurt fünfeinhalb Jahre alt sein. Stefanie Kreutzer braucht aber spätestens zum Februar 2020 eine Betreuung für beide Kinder. Denn dann möchte die Prüfungsmanagerin wieder in den Job zurückkehren. Sollte sie bis dahin keine Zusage von einer Kindertageseinrichtung bekommen, wird sie die Stadt für ihren Verdienstausfall haftbar machen müssen.

Trotz 1710 Betreuungsplätzen gibt es Wartelisten

Doch dieser sind offenbar die Hände gebunden. Jüngsten Informationen der Stadtverwaltung zufolge fehlen der größten Stadt des Landkreises ab August etwa 54 Krippen- und 61 Plätze im Elementarbereich für Kinder von drei bis sechs Jahren. Und die Situation wird sich im Laufe des Jahres weiter verschärfen. So werden sich die Wartelisten im Laufe des neuen Kindergartenjahres voraussichtlich nochmals um 78 Krippen- und 61 Anmeldungen für den Elementarbereich erweitern. Und dass, obwohl die Stadt in den vergangenen Jahren rund 200 Krippen- und mehr als 100 Kindergartenplätze geschaffen hat. Aktuell stehen insgesamt 1710 Betreuungsplätze zur Verfügung, hiervon sind 445 Krippenplätze sowie 1265 Elementarplätze. Und dennoch gibt es Wartelisten.

Die Stadt tut was sie kann, heißt es aus der Stadtverwaltung. So werden zum 1. August kurzfristig weitere 45 Elementarplätze durch die Einrichtung von zwei zusätzlichen Gruppen in städtischer Trägerschaft geschaffen, hiervon eine Ganztagsgruppe mit 24 Plätzen sowie eine Nachmittagsgruppe mit 21 Plätzen. „Darüber hinaus wird auf Initiative der Stadt und mit entsprechender finanzieller Unterstützung eine Großtagespflegestelle mit zehn Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren im Herbst 2019 in Betrieb gehen“, sagt Sozialdezernent Dirk Hirsch. „Parallel dazu steht die Stadt in intensiven Gesprächen mit Grundstückseigentümern und Kita-Trägern, um nach Möglichkeit kurzfristig für das Kitajahr 2019/2020 weitere Betreuungsplätze zu schaffen.“

Plätze werden zum August eines Jahres vergeben

Sorge bereitet der zweifachen Mutter nicht nur die Tatsache, dass ihre Kinder ausgeschlossen sind, es schwierig ist, Freundschaften zu knüpfen. Sie ärgert sich auch darüber, wie die Stadt Buchholz mit der Vergabe von Kitaplätzen umgeht. Als sie im November im Familienbüro der Stadt anfragte, wann sie mit einem Betreuungsplatz rechnen könne, hieß es, dass Plätze grundsätzlich zum August eines Jahres vergeben würden. „Ich habe gedacht, dann wartet Kurt eben bis nach den Sommerferien“, sagt sie. Sie meldete ihren Sohn über das zentrale Kitaportal der Stadt bei fünf Einrichtungen an. Doch als sie auch im März noch immer im Unklaren war, machte sie erneut im Familienbüro auf ihre Situation aufmerksam. Erst am 18. März, vier Monate nach Anmeldung im Kita-Portal, bekam die Familie Post. In der „Negativbescheinigung“ des Familienbüros hieß es: „Leider kann Ihnen bis zum heutigen Zeitpunkt keine Einrichtung, bei der Sie Ihr Kind angemeldet haben, einen Betreuungsplatz ab dem 2. November 2018 anbieten.“ Daraufhin bat das Ehepaar die Behörde um einen rechtsmittelfähigen Bescheid, dass für ihren Sohn bis August 2020 kein Betreuungsplatz zur Verfügung steht. „Wir wollten etwas in der Hand haben, um notfalls einen Platz einklagen zu können“, sagt Stefanie Kreutzer. Doch laut Verwaltung gibt es für die Bearbeitung von Betreuungsanträgen keine festen Fristen. „Die Dauer des Prozesses hängt von verschiedenen Faktoren, insbesondere vom Datum der Anmeldung, dem gewünschten Aufnahmetermin sowie auch der Verfügbarkeit entsprechender Plätze ab“, heißt es von Seiten der Stadt.

Statt einer Zusage gab es ein Willkommenspaket

Für betroffene Familien wie die Familie Kreutzer ein unhaltbarer Zustand. „Wie soll man denn planen können, wenn man immer in der Schwebe gehalten wird“, sagt Stefanie Kreutzer. Um Klarheit zu bekommen, bat sie im Familienbüro im Mai erneut um verbindliche Informationen. Doch statt einer Antwort bekam sie ein Willkommenspaket für ihre im März geborene Tochter Käthe. In dem Begrüßungsschreiben der Stadt heißt es: „Zu einem guten Start ins Leben gehört ein familienfreundliches Umfeld. Dieses bauen wir in Buchholz stetig aus. So wurden in den vergangenen Jahren für rund 360 Kinder im Alter von null bis drei Jahren Krippenplätze geschaffen. Weitere Krippenplätze werden folgen… Um ihr Kind für einen Betreuungsplatz anmelden zu können, steht Ihnen ab sofort das Kita-Portal Buchholz zur Verfügung… Das Familienbüro Buchholz möchte Ihnen bei Ihrem neuen Lebensabschnitt mit Kindern zur Seite stehen.“

Stefanie Kreutzer fühlte sich auf den Arm genommen. „Ich hätte heulen können“, sagt sie. „Manchmal habe ich mich gefragt, ob der Umzug von Hamburg nach Buchholz die richtige Entscheidung war. Dort hatten wir einen tollen Kitaplatz und keine Probleme.“ Sie hofft, dass sich die Dinge auch in Buchholz noch irgendwie für sie zum Guten wenden. Immerhin hat das Familienbüro ihrem Sohn kurzfristig einen Platz in einer Nachmittagsgruppe von 13.30 bis 17.30 Uhr vermittelt.

Noch besteht Hoffnung auf eine Lösung

Doch die Sorge bleibt, dass damit der Anspruch auf die notwendige Vormittagsbetreuung erlöschen könnte.

Sozialdezernent Dirk Hirsch geht davon aus, dass sich eine Lösung finden wird. „Die Aufnahme von Kindern ist grundsätzlich während des gesamten Kitajahres möglich“, sagt er. Zudem werde in Kürze mit dem Neubau der Kindertagesstätte in der Klaus-Groth-Straße begonnen, mit deren Fertigstellung im Sommer 2020 zu rechnen sei. „Durch diese Maßnahme werden rund 50 zusätzlich Krippen- und 40 zusätzliche Elementarplätze geschaffen“, so Hirsch. Insgesamt sollen 90 Krippen- und 70 Elementarplätze im Jahr 2020 neu geschaffen werden. Darüber hinaus wurden die Planungen für die Errichtung einer weiteren Kindertagesstätte mit voraussichtlich insgesamt rund 120 Betreuungsplätzen (Krippe- und Elementar zusammen) aufgenommen. Mit einer Fertigstellung wird im Jahr 2021 gerechnet.

Das Kitaportal

Kitaplätze werden in Buchholz online über das sogenannte „Kita-Portal“ dargestellt. In dem Portal sind alle 24 Einrichtungen in der Stadt Buchholz mit sämtlichen Plätzen gelistet.

Das Portal wird mehrmals täglich aktualisiert, die Aktualität der Daten hängt dabei von den jeweiligen Kita-Einrichtungen ab, da diese ihre Daten selbst und eigenverantwortlich pflegen.

Die grünen Punkte stellen freie Plätze in der Einrichtung dar, die gelben Punkte geben an, dass mehr Anmeldungen als verfügbare Plätze vorliegen und das rote Kreuz signalisiert, dass in der jeweiligen Kita keine freien Plätze zur Verfügung stehen.

Die Vergabe der Plätze erfolgt nicht zentral durch die Stadt Buchholz, sondern durch die jeweiligen Kitas selbst. Diese haben hierbei zunächst die gesetzlichen Anforderungen aus dem Niedersächsischen Kindertagesstättengesetz zu beachten, insbesondere hinsichtlich einer ausgewogenen Zusammensetzung der Gruppen.

Darüber hinaus spielen das Alter des Kindes, die Berufstätigkeit der Eltern, Alleinerziehend, das Anmeldedatum, der Wegfall einer bisher vorhandenen Betreuung (z.B. Tagespflegeperson), die Wartezeit, Geschwisterkinder sowie auch andere soziale bzw. pädagogische Gründe (persönliche Notlagen, Feststellungen des Jugendamtes, ärztliche Empfehlungen) usw. eine Rolle.

Bei Fragen können sich Betroffene auch direkt an das Familienbüro in der Steinstraße 2 wenden. Die Mitarbeiterinnen Ute Loos und Annika Harms sind erreichbar unter Telefon: 04181 - 214 318 oder 04181 - 214 555.