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SV Eichede – nur noch brav statt brave?

Die Regionalligafußballer nennen sich Bravehearts, Mut zur Courage ist ihr Leitbild. Doch im Abstiegskampf schlägt die Stimmung im Dorfclub um

Steinburg. „Wann sollen wir gewinnen, wenn nicht gegen Wilhelmshaven?“ Diese rhetorische Frage hatte Oliver Zapel vor dem letzten Spiel des SVEichede aufgeworfen. Der Trainer wollte seinem Fußballteam damit den Ernst der Lage vor Augen zu führen – wohl wissend, dass solch eine Bumerang-Formulierung Risiken birgt. Denn ein bisschen klang das natürlich nach Endspielstimmung, nach letzter Chance im Abstiegskampf der Regionalliga Nord. Und nun, nach der 0:1-Niederlage gegen den SV Wilhelmshaven? Bereut er diesen Satz? „Das war ja nur eine Frage. Die Antwort darauf ist: gegen Hannover.“ Den Fragen der Reporter weicht Zapel also auch in Krisenzeiten wie diesen noch locker aus.

Eben diese Zeiten, darum geht es an diesem Sonntag im Auswärtsspiel gegen Hannover 96 II (14 Uhr, Beekestadion, Mühlenholzweg), müssen ein Ende haben. Auch wenn sie es in Eichede nicht mehr hören können, regelrecht wütend werden, wenn mal wieder jemand vorrechnet, seit wie vielen Spielen (13) oder Tagen (160) die erste Herrenmannschaft des Vereins kein Pflichtspiel mehr gewonnen hat.

„Ich glaube an den Charakter jedes einzelnen Spielers“, sagt Kapitän Jan-Ole Rienhoff. An seiner direkt nach dem Wilhelmshaven-Spiel geäußerten Kritik aber hält er fest. Es sei nicht das Nonplusultra gewesen, vom Einsatz her, hatte der Innenverteidiger festgestellt. Einige Spieler seien wohl gehemmt gewesen – und andere hätten die Situation noch nicht verstanden.

Wie aber kann das sein, angesichts der eigentlich unmissverständlichen Tabellensituation? „Man begreift so etwas als junger Spieler manchmal sehr spät“, sagt Rienhoff. Er spricht aus Erfahrung. Vor sechs Jahren stieg er als 21-Jähriger mit dem SVE aus der ehemaligen Verbandsliga Schleswig-Holstein ab. Der damalige Trainer André Laß hatte sich 2008 einmal sinngemäß genau so geäußert wie nun der Kapitän.

Zitate ähneln sich im Abstiegskampf. Ob 2008 oder 2014, ob ambitionierter Großstadtclub oder bescheidener Dorfverein. Weil sich die Mechanismen ähneln. Misserfolg fühlt sich letztlich überall gleich an und wirkt sich überall negativ auf die Stimmung aus.

Wenn Spiele mit 0:6 und 0:7 verloren werden (gegen Wolfsburg II) und selbst ein geschwächtes Team wie Wilhelmshaven drei Zähler aus Stormarn entführt, weil die Gastgeber in Abwehr und Sturm schlicht einen Qualitätsmangel offenbaren, vergessen viele schon mal schnell, wo ein Verein herkommt. Und das ist es, über das sich Zapel im Moment vielleicht noch mehr ärgert als über die Niederlagen oder die wiederkehrenden strittigen Schiedsrichterentscheidungen.

Trainer Zapel nimmt erstmals auch einzelne Spieler in die Pflicht

Es entstehe gerade eine völlig falsche Stimmung rund um den Verein, meint Zapel. „Vor einem Jahr haben uns die Leute eine zehnprozentige Aufstiegschance zugesprochen. Dann haben wir innerhalb von zwei Monaten aus zehn Prozent 100 Prozent gemacht. Und wiederum zwei Monate darauf haben wir Standing Ovations bekommen. Und genau diese Leute sagen jetzt, bei uns ginge alles drunter und drüber.“

Drunter und drüber geht es beim SVE nicht, erst recht nicht in Fragen, die den Gesamtverein betreffen. Aber es läuft eben auch längst nicht alles rund im Regionalligateam. Das ist abzulesen an den Zahlen, die sie in Eichede nicht mehr hören möchten, das ist seit Monaten erkennbar an den Aussagen des Kapitäns und auch des Trainers. Und es ist sichtbar auf dem Platz.

Bei der Suche nach Gründen für die Pleite gegen Wilhelmshaven nennt der Trainer dann auch Namen, das macht er selten. Abou Khalil sei gegen seinen Ex-Verein mit zu viel Emotionen in die Partie gegangen, habe fast alles falsch gemacht. Nico Fischer habe seine Rolle als Außenverteidiger viel zu offensiv interpretiert. „Und Moritz Hinkelmann hatte in der Innenverteidigung viele Abstimmungsprobleme und ist auch körperlich noch nicht bei 100 Prozent.“

Vereinspräsident Gehrken kündigt Veränderungen im Trainerstab an

Natürlich müssen auch die Namen André Kossowski und Torge Maltzahn fallen. Weil es so unfassbar ist, hat Zapel Screenshots von ihren vergebenen Großchancen ins Internet gestellt. Dort stehen die beiden nun seit Tagen wie ein Mahnmal mit dem linken Fuß auf der Linie des Fünfmeterraums und versuchen, mit rechts den Ball ins leere Tor zu schießen. Das Resultat ist bekannt.

Wie emsig, aber auch mitunter verzweifelt der Aufsteiger seine eigene Rolle in der neuen Liga sucht, zeigt auch die zurückhaltende Spielweise, die der Fanclub Alkatras mit einem Transparent („Brav statt Brave? Kämpfen, SV Eichede!“) auf den Punkt brachte. Um die Flut an Gelben und Roten Karten zu stoppen, ziehen Rienhoff und die anderen Fußballer das Bein lieber zurück. Was das für eine gefährliche Gratwanderung ist, zeigte sich vor dem entscheidenden Gegentreffer am vergangenen Sonntag nicht zum ersten Mal.

In dem Punkt, dass nicht alle Spieler alles gegeben hätten, will Zapel seinem Kapitän übrigens nicht zustimmen. Einige Spieler hätten aber persönlich andere Pläne. „Da fehlt die Konfrontation mit der Situation und die hunterprozentige Identifikation mit dem Verein.“ Gemeint sein dürften einige der Neuzugänge, die noch nicht für die kommende Saison zugesagt haben. Der Coach reagiert mit einem Ultimatum: „Sie müssen sich zeitnah vertraglich an den Verein binden. Tun sie das nicht, werde ich Maßnahmen ergreifen.“

Auch um den Chefcoach herum könnte es demnächst anders aussehen. Vereinspräsident Olaf Gehrken sagt: „Unter der Leitung von Oliver Zapel wird es im Trainerstab sicherlich Veränderungen geben.“