Woods Art Institute

Im Portrait: Wie der Sachsenwald ihre Kunst beeinflusst

| Lesedauer: 5 Minuten
Susanne Tamm
Lena Schmidt (39) zeichnet mit einer Feder in ihrem Atelier im Wentorfer Woods Art Institute (WAI) auf einer alten aufgestellten Spanplatte.

Lena Schmidt (39) zeichnet mit einer Feder in ihrem Atelier im Wentorfer Woods Art Institute (WAI) auf einer alten aufgestellten Spanplatte.

Foto: Susanne Tamm

Atelierbesuch bei Lena Schmidt im Wentorfer Woods Art Institute. 39-Jährige arbeitet am liebsten nachts im Park und im Wald.

Wentorf. In der jüngsten, kalten Vollmondnacht ist Lena Schmidt hinausgegangen, alles war noch vereist. Die Parklandschaft des Woods Art Institute (WAI) lag völlig verwunschen vor ihr: „Alles sah aus wie in einen Glitzertopf getaucht und dann heulte noch eine Eule: wow!“, erzählt die Künstlerin.

Momente wie diese sind wie für sie und ihre Kunst gemacht. Die 39-Jährige bezog ihr Atelier im August vergangenen Jahres auf dem WAI-Gelände in Wentorf. Sie hatte bewusst etwas Neues mit Zugang zur Natur gesucht.

Ihre Kunst? Düster, rätselhaft, aber faszinierend

Eine Sehnsucht, die in den Motiven ihrer Zeichnungen hervorsticht: Hatte sie in früheren Jahren vor allem Industriebrachen und verlassene Hinterhöfe auf alten Spanplatten gezeichnet, kommen nun immer mehr Landschaften und Bäume vor.

Oft monochrom in starkem Hell-Dunkel-Kontrast, an einigen Stellen schimmert die rohe Holzmaserung durch, manchmal weicht der feine Zeichenstrich Gravuren oder gar Axthieben im Holz. Die Wirkung: häufig düster, rätselhaft, oft geht von den Zeichenstrichen ein Sog aus, der ins Bild hineinzuziehen scheint.

Häufig übernachtet die gebürtige Bremerin im Atelier

Die gebürtige Bremerin hat Kunst an der Hochschule für Bildende Kunst (HfBK) sowie an der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Design studiert. Heute lebt sie in Hamburg, übernachtet aber häufig im Atelier.

„Denn ich arbeite häufig abends und nachts, sobald es draußen dunkel wird“, erzählt Lena Schmidt. „Dann kann ich mich richtig in meine Kunst versenken.“ Entstanden ist die bevorzugte Arbeitszeit ebenfalls auf der Suche nach Ruhe: „Als das anfing, habe ich in einer stressigen Sechser-WG in Hammerbrook gewohnt“, erzählt sie.

Angst allein im dunklen Wald hat sie nicht

Die Nacht fasziniere sie noch immer. „Das ist so ein Paralleluniversum, sie eröffnet mir eine andere Welt und symbolisiert für mich auch das Unterbewusste“, erklärt die Künstlerin. „Dort einzutauchen und das zu erspüren, das hält mich gefangen. Jetzt schon seit 15 Jahren.“

Angst habe sie nicht allein im dunklen Wald: „Das war in Hamburg anders, da habe ich oft gefürchtet, dass unheimliche Gestalten um die Ecke kommen und immer nur schnelle, kurze Skizzen gemacht. Manchmal war nur Zeit für ein Handyfoto.“

Auch das Sammeln ist Teil ihrer Kunst

In Wentorf habe sie mehr Ruhe gefunden für ihre Skizzen, ihre Erinnerungsstützen im Atelier. „Da kommt höchstens mal ein Wildschwein vorbei“, sagt sie lachend. Ihre Zeichnungen setzt sie auf ihren Fundstücken um: Ob alte Spanplatten, am Straßenrand liegende Pfosten oder Abschnitte aus den Latten des neuen Rolltores vor dem Park des Instituts – alles kann einmal als Material für ihre Kunst dienen.

Auch das Sammeln sei Teil ihrer Kunst: Denn sie sammelt nicht nur Materialien, sondern auch Inspirationen, so hat sie jahrelang Bilder der „Tagesschau“ abfotografiert, wenn diese über Naturkatastrophen, besonders Waldbrände und Erdbeben, aber auch zerstörte Städte und Straßen berichtete.

Ausstellung mit 3000 bearbeiteten Fotos

Außerdem hat sie aus dem Internet rund 3000 Fotos von anthropomorphen Figuren – von Reborn-Puppen, die aussehen wie Neugeborene, bis zu Sexpuppen – gesammelt und daraus etwa 300 ausgewählt. Die Kunst darin liege nicht in den einzelnen Fotografien, die von anderen Autoren stammen, sondern in ihrer Zusammenstellung.

Was bedeutet „Kunst“ für sie? „Oh, nein, das möchte ich nicht sagen!“, ruft sie aus, versucht aber doch eine Beschreibung: „Kunst ist eine Form der Kommunikation, die außerhalb der verbalen Sprache liegt. Sie hat viel mit dem Unsagbaren und Poesie zu tun.“ Das Spannende daran sei für sie der Funke, aus dem die Idee entsteht. „Plötzlich ist sie da, aber woher sie tatsächlich kommt, weiß ich nicht. Von Orten habe ich mich immer inspirieren lassen.“ Auch das Material spielt eine Rolle in ihrem Werk.

Designarbeiten helfen finanziell durch die Corona-Krise

In ihrem Atelier stehen gerade zwei Platten an den Wänden, an denen sie arbeitet. Ihr Werkzeug, Federn, Pinsel, aber auch ein Hobel und eine Axt hängen fein säuberlich aufgereiht an der Wand.

Gegenüber ein Schreibtisch mit Bildschirm und Bücherregal für ihren Broterwerb – das Design. „Das eine ist mein Stand-, das andere mein Spielbein“, erklärt die Künstlerin. „Das hat Vorteile, in der Kunst gibt mir mein Nebenberuf mehr Freiheit.“ Während des Lockdowns habe sie finanziell weniger auszustehen als andere Künstler.

„Es ist das Düstere, was mich anzieht“

Die Platten werden zu Malgründen. Aus dem Schwarz aus Acrylbasis wird das Dunkel der Nacht, mit feinen Feder- und Pinselstrichen aus Tusche und den freigelassenen Flecken steht da plötzlich diese leuchtende Laterne im Zentrum, dahinter ihre Lichtreflexe im Geäst der Bäume

„Es ist genau das Düstere, was mich anzieht“, erklärt Lena Schmidt. „Genau das, was ich nicht in Worte fassen möchte. Für mich ist es nicht bedrückend, sondern auch schön und spiegelt mein inneres Empfinden wider.“

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