Wegen Corona

Archäologin verkauft Tierfutter statt zu forschen

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Archäologin Lena-Marie Hewicker wartet darauf, dass endlich ihre Anmeldung zu ihrer Masterarbeit angenommen wird. Weil ihre Doktorandenstelle wegen Corona auf Eis gelegt worden ist, arbeitet sie jetzt als Verkäuferin im Futterhaus.

Archäologin Lena-Marie Hewicker wartet darauf, dass endlich ihre Anmeldung zu ihrer Masterarbeit angenommen wird. Weil ihre Doktorandenstelle wegen Corona auf Eis gelegt worden ist, arbeitet sie jetzt als Verkäuferin im Futterhaus.

Foto: Susanne Tamm

Lena-Marie Hewicker musste sich eine Alternative überlegen, da sie keinen Platz für ihr Promotionsstudium bekam. Ihre Geschichte.

Reinbek. Wer sie an der Kasse des Futterhauses an der Hermann-Körner-Straße in Reinbek trifft, käme nie auf die Idee, dass die junge Frau Sanskrit, die älteste Sprache der Welt, beherrscht. „Wie Latein, nur schlimmer“, sagt Lena-Marie Hewicker (24) grinsend. „Sanskrit ist total spannend, wenn man es nicht gerade lernen muss.“ Sie hat ihren Bachelor in Archäologie mit der Note 1,3 abgeschlossen und hätte jetzt eigentlich ihr Promotionsstudium antreten sollen. Doch mit Corona stand auch ihr vergangenes Jahr unter keinem guten Stern.

Die Stelle ist wegen der Pandemie auf Teilzeit eingedampft worden. Das Geld hätte aber nicht gereicht, weil mittlerweile ihr BAföG ausgelaufen ist und sie noch ein Pferd finanzieren muss. Deshalb arbeitet sie jetzt als Verkäuferin im Futterhaus. „Hier habe ich tolle Kollegen und eine tolle Chefin“, erzählt sie. Ihr Herz gehört den Tieren: „Mit ihnen bin ich groß geworden.“

Wegen Homeoffice: Warten auf einen Master-Studienplatz

Ihre Chefin Michaela Pnischak hat sie zufällig durch ihr Pferd kennengelernt. „Unsere Pferde stehen auf einem Hof nebeneinander“, sagt Lena-Marie Hewicker. „Sie hat mir den Job angeboten.“ Zurzeit arbeitet die Archäologin Vollzeit im Futterhaus, von etwa 19 bis 23 Uhr ist sie bei ihrem Pferd, nachts und in den Pausen recherchiert sie. „Ich bekomme immer zu wenig Schlaf“, sagt sie achselzuckend.

„Mein Pferd lasse ich mir jedenfalls nicht nehmen. Buki ist so ein lieber Kerl“, so die 24-Jährige. Allerdings nicht unterm Sattel. Denn Bukephalos, wie sie ihn nach dem Pferd Alexander des Großen getauft hat, macht seinem Namen alle Ehre: Als sie zum zweiten Mal aufsaß, warf er sie ab, und zwar gegen eine Wand. Dass ihre Hüfte angebrochen war, merkte sie nicht. Sie stieg ein zweites Mal auf, wieder wehrte sich der Wallach und schmiss sie ab. Die junge Frau ging wegen der Schmerzen doch zum Arzt. Der diagnostizierte den Bruch und riet ihr, mit dem Reiten acht Wochen zu pausieren.

Wallach wurde in der Ausbildung misshandelt

Nach vier Wochen saß Lena-Marie Hewicker wieder im Sattel. „Allerdings sitze ich nur drauf“, beschwichtigt sie. „Wir fangen jetzt von vorn an und ich reite ihn neu ein.“ Denn es stellte sich heraus, dass ihr sonst so artiger Wallach in der Ausbildung misshandelt worden war. Sein Unterkiefer war gebrochen. „Offenbar ist er vor dem Probereiten sediert worden“, erzählt sie. Eine Rückgabe kommt für sie aber nicht infrage.

Denn die Doktorandin ist zwar hart im Nehmen, hat aber auch ein großes Herz: „Ich bin mit Hunden und Katzen groß geworden“, erzählt sie. Unbewusst schaffe sie es immer, sich Problemtiere auszusuchen. Auch ihr Kater Kasimir ist ein Findling. Ihr Pferd sei anfangs zu dünn gewesen, „Das war zum Heulen. Dieses arme Tier hatte noch nie Liebe erfahren“, habe sie gedacht und schon war es um sie geschehen. „Um nichts in der Welt, würde ich die beiden wieder hergeben“, sagt Lena-Marie Hewicker.

Keine Grabungen im Mittelmeerraum möglich

Ihr Ziel ist es jetzt, ihren Master abzuschließen, möglichst mit Note 1,1, und irgendwann in Richtung Denkmalschutz zu arbeiten. Seit fast einem Jahr versucht sie nun, sich für ihren Master in Archäologie anzumelden. Doch ihre Anmeldung hängt noch in der Uni-Verwaltung fest. An Grabungen im Mittelmeerraum ist zurzeit ohnehin nicht zu denken. „Wir versuchen seit eineinhalb Jahren, eine Exkursion nach Kambodscha zu organisieren“, berichtet sie. „Keine Ahnung, ob das noch klappt.“ Eine Grabung auf den Kykladen im Ägäischen Meer musste sie aus finanziellen Gründen absagen: „Viel Geld lässt sich damit nicht verdienen“, erläutert die Archäologin. „Im Gegenteil, bei dieser Exkursion hätte ich noch 3000 Euro zahlen müssen.“

Sie ist spezialisiert auf Grabungen im Mittelmeerraum

Die Archäologie hat Lena-Marie Hewicker schon als Kind fasziniert. Auch wenn sie damals noch etwas andere Vorstellungen davon hatte. Lachend erzählt sie: „Als ich als Dreijährige mit meinem Großvater ,Tomb Raider‘ gespielt habe, habe ich ihm erklärt: ,Ich werde Archäologin‘“. Er ist darauf mit ihr und einem Metalldetektor losgezogen. „Wir haben sogar Werkzeuge aus dem 18. Jahrhundert gefunden“, erinnert sie sich, „war aber alles wertlos.“ Doch die Faszination blieb. Als sie ihrem Großvater eröffnete, dass sie Archäologie studieren wolle, fragte der besorgt: „Willst du dir das nicht noch überlegen?“ Heute sei er stolz auf sie.

Dass Ausgrabungen mit Schatzräubern wie in einem Computerspiel nichts zu tun haben, war schnell klar. Zuerst werde mit Hilfe der Geomagnetik bewertet, ob etwas im Boden steckt, was für Archäologen überhaupt interessant sein könnte: Mit Spezialgeräten wird das Gelände abgefahren, deren Strahlen wie ein Radar in den Boden eindringen und Verwerfungen in den Schichten darunter reflektieren.

Archäologin forscht daran, Funde zu interpretieren

„Das Wichtigste für uns ist aber die Stratigrafie“, erklärt sie. Das heißt die Aufeinanderfolge der Gesteinsschichten: An ihnen können die Wissenschaftler ablesen, wie alt ihre Funde sind. Um diese zu heben, sei Feinarbeit nötig. „Da kommen schon mal Pinsel zum Einsatz“, bestätigt sie.

Sie sei Mittelmeer-Archäologin, auf die Zeit Alexander des Großen spezialisiert. Sie forsche heute eher daran, Funde zu interpretieren. Aufgeben ist für Lena-Marie Hewicker auch jetzt keine Option, im Gegenteil: Sie hofft sich im April endlich für ihren Master anmelden zu können. „Für meine Masterarbeit fehlt nur noch der Feinschliff“, sagt sie. Ihr Thema: Artemis und Apollo in der hellenistischen Plastik. Das Zwillingspärchen falle durch seine Gegensätze der Geschlechtsnormen auf. Während Apollo eher feminin dargestellt werde, zeige Artemis männliche Merkmale. Jetzt fehlen noch die Bibliografie für ihre 500 Fußnoten und der Katalog.

Doch Lena-Marie Hewicker ist überzeugt: „Wenn ich etwas will, dann schaffe ich das schon. Schließlich haben auch andere mit der Pandemie zu kämpfen.“