Reinbek

"Die Sache geriet außer Kontrolle"

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Anne Müller

Prozess: 27-Jähriger wegen sexuellen Missbrauchs an einem Kind zu einem Jahr und vier Monaten verurteilt

Mit einem Klick im Internet fing alles an. Manuel F. hatte sich von seiner Freundin getrennt. In der Singlebörse "Finya.de" stieß er auf das Profil einer 19-Jährigen. Ohne Foto. Er blätterte weiter. Die Unbekannte folgte seiner Spur und schickte ihm ein Foto. "Das Bild hat mir imponiert", mailte er zurück. Doch das Mädchen mit den langen braunen Haaren, das beim ersten Treffen in einer viel zu großen Jacke auf ihn zulief, war keine 19, und es war auch nicht ihr Bild, das wurde dem damals 26-jährigen schnell klar. Dennoch ließ er es zu intimen Handlungen mit der erst 13-Jährigen Hamburgerin kommen. Gestern musste sich der Reinbeker wegen schweren sexuellen Missbrauchs an einem Kind vor dem Jugendschöffengericht verantworten.

Beide tauschten Facebook-Adressen aus

Wann er festgestellt hatte, dass Corinna M. (Namen von Red. geändert) keine 19 Jahre war und auch keine 16 oder 14, wie er anfangs annahm, war eine zentrale Frage für das Strafmaß. Mit zwei bis 15 Jahren kann schwerer sexueller Missbrauch an Kindern (bis 14 Jahre) bestraft werden. Insgesamt war es im Mai und Juni vergangenen Jahres zu sechs Treffen zwischen dem Angeklagten und der 13-Jährigen gekommen. Er habe "väterliche Gefühle" entwickelt. "Sie hat mich immer wieder bedrängt, wollte Erfahrungen sammeln", sagte Manuel F. aus, verstrickte sich bei den zeitlichen Angaben, wann das Mädchen letztlich ihr wirkliches Alter offenbart hatte, aber in Widersprüche.

Aufgeregt, mit leicht zittriger Stimme schilderte der junge Mann von dem ersten Treffen auf einem Spielplatz. "Wir haben uns auf eine Bank gesetzt. Ich habe sie gleich nach ihrem wahren Alter gefragt." Dann habe er sie darüber aufgeklärt, dass es gefährlich sei, sich mit fremden Männern zu treffen. Sie versprach, sich bei der Partnerbörse abzumelden, dann tauschten sie ihre Facebook-Adressen aus. "Beim zweiten Treffen im Park gingen wir mit meinem Hund spazieren, redeten über Schule und Familie. Sie hat sich bei mir eingehakt. Ich habe sie dann zum Bus gebracht." Dann ruhte der Kontakt. "Ich war beruflich viel unterwegs auf Montage. Sie rief mich immer wieder an, drängte auf ein erneutes Treffen, stand plötzlich vor meiner Tür, sprach von Liebe." Bei dem nächsten Besuch in seiner Wohnung habe sie ihn geküsst. "Sie war voller Neugier, wollte Erfahrungen sammeln", behauptete Manuel F. "Die ganze Sache ist außer Kontrolle geraten."

Die Darstellung, dass die Initiative allein von Corinna M. ausgegangen sei, überzeugte Richterin Ute Schulze-Hillert nicht. Die Chat-Protokolle aus Facebook, die dem Gericht vorlagen, ließen erkennen, dass auch er ein starkes sexuelles Interesse an dem Mädchen gehabt habe. Eine Anzeige setze am 11. Juni 2012 den Schlussstrich.

Dem Mädchen wurde die Aussage erspart

Corinna M. hatte sich einem Erzieher anvertraut, der die Mutter informierte. Sie forschte nach, druckte die Chat-Protokolle aus.

Der Handwerker, der sich als Existenzgründer selbstständig gemacht hat, gestand, dass er vorm letzten Treffen mit dem schwerwiegendsten intimen Kontakt das Alter wusste.

Strafmildernd hielt ihm das Gericht zugute, dass das Mädchen zum Tatzeitpunkt mit zwei Monaten knapp unter der Schutzaltersgrenze von 14 Jahren war. Auch habe sich eine Beziehung mit Initiative der Geschädigten angebahnt, führte die Richterin aus. Außerdem habe er der jetzt 15-Jährigen mit seinem umfangreichen Geständnis eine Aussage erspart. Es sei anzunehmen, dass es ihm leidtue.

Das Gericht kam letztlich zur Überzeugung, dass hier ein minderschwerer Fall vorliegt. Auch deshalb, weil es nicht zum direkten Geschlechtsverkehr gekommen ist. Aber er habe sich bewusst auf eine beischlafähnliche Handlung eingelassen und es nicht geschafft, sich zu distanzieren, begründete Schulze-Hillert das Urteil von einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung. Der Reinbeker hat eine Bewährungszeit von zwei Jahren und muss ein Bußgeld von 500 Euro an den Kinderschutzbund zahlen.

Corinna M. verfolgte den Urteilsspruch mit Mutter, Freundin und Schwester schweigend. Auf die Plattform war sie über ihren Onkel gestoßen, der bei der Mutter wohnte und darüber Frauen kennengelernt hatte. Vorsichtig blickte sie zur Anklagebank. Der junge Mann mit dem akkurat gestutzten Bart vermied den Blickkontakt.

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