Abzocke

Dreiste "Dachdecker" prellen Witwe um 117.500 Euro

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Anne Müller

Foto: Anne Müller

Reinbek. Ältere Hausbesitzer gehören zu ihren bevorzugten Opfern: Falsche Dachdecker treten auf wie seriöse Handwerker, kassieren aber mit Hilfe von üblen Tricks viel Geld für Pfuscharbeit. Eine Reinbeker Witwe (77) hat sich um 117.500 Euro prellen lassen – und muss nun Tausende Euro aufwenden, um die angerichteten Schäden beseitigen zu lassen.

Gepflegte Vorgärten umrahmen Einfamilienhäuser und Bungalows. Nur selten fährt ein Auto durch die Wohnstraße. In dem Viertel, eingebettet in Wiesen und Felder, baute 1960 die Familie von Frida F. (Name geändert) mit viel Eigenleistung ein Spitzdachhaus. Für die heute 77-jährige Witwe war es mehr als 50 Jahre ein Refugium. Seit falsche Dachdecker an ihrer Tür geklingelt haben, hat das Gefühl von Sicherheit im beschaulichen Neuschönningstedt jedoch Risse bekommen. Nach wenigen Tagen übernahmen die Fremden die Regie im Haus. Wie selbstverständlich spazierten sie über Monate im Wohnzimmer mit dem Fenster zum Garten ein und aus, wurden immer dreister, schenkten Blumen zum Geburtstag – und räumten das Konto.

„Ich wusste nicht mehr, was ich machen sollte, hatte am Ende nur noch Angst“, sagt Frida F. 117.500 Euro haben die vermeintlichen Handwerker der gutgläubigen Frau in sechs Monaten für „Reparaturen“ abgenommen. Immer in bar, bei Geldübergaben wie in einem Krimi, ohne Spuren zu hinterlassen. Sie fuhren mit ihr vor die Bank in Reinbek und kassierten auf in Bündeln aus Geldnoten ihren Lohn.

Eine Rechnung hatte die in Geschäftsdingen unerfahrene Seniorin gefordert, aber nie bekommen. Ihr Mann, ein Oberregierungsrat, hat bis zu seinem Tod stets alles geregelt. Frida F. hatte den seriös auftretenden Wortführern „Pinn Senior“ und „Pinn junior“ nichts entgegenzusetzen. Wie im Selbstbedienungsladen entlockte ihr das Duo eine Reparatur nach der anderen.

Trickreich verschafften sich die gepflegt wirkenden dunkelhaarigen Männer Zutritt: Die „Dachdecker“ fuhren mit einem Transporter mit Firmenlogo in der Straße vor, klingelten und trafen den jüngsten Sohn an, der als Frührentner bei seiner Mutter wohnt. Sie zeigten Visitenkarten vor und erzählten, gerade einen Auftrag in der Nähe erledigt zu haben. Beim Vorbeifahren hätten sie gesehen, dass das Dach undicht sei, behaupteten sie und kletterten mit dem Frührentner auf den Dachboden. Dort holten sie ein Feuchtigkeitsmessgerät heraus und zeigten auf Pfützen am Boden. „Aus einer Wasserflasche“, vermutet der älteste Sohn später. Das Dach müsse dringend abgedichtet werden, rieten die beiden etwa 1,70 großen, korpulenten Männer. Kosten: 12.000 Euro. Vier Wochen später sollten alle Dachpfannen runter. Mündlich wurde ein „Sonderpreis“ von 36.000 Euro vereinbart.

Dann ging alles Schlag auf Schlag. Zeitweise rückten sechs Arbeiter an. Ziegel wurden vom Dach gerissen. Neue verlegt, Fensterrahmen ohne Befestigung eingesetzt, Kanalisationsrohre für 10.500 Euro ausgetauscht, Sturmnägel für 12.500 Euro berechnet, eine Dämmung für 10.000 Euro angebracht. Andernfalls könne das Haus seine Stabilität verlieren und einstürzen...

77-Jährige in den Wald gefahren und unter Druck gesetzt

Als die hilflose Rentnerin nicht mehr zahlen wollte, wurden sie und ihr Sohn unter Druck gesetzt. „Die Männer haben mich ins Auto verfrachtet und in den Wald gefahren. Ich hatte Angst um mein Leben, wusste nicht, was sie mit mir vorhaben.“ Sie wurde genötigt, einen Blankovertrag für weitere Leistungen zu unterzeichnen und schwieg weiter: „Ich wollte meine Kinder nicht da reinziehen“.

Bis ihre Tochter nach neun Monaten feststellte, dass auf dem Konto viel Geld fehlt und nachhakte, was im Haus los ist. Die Bergedorferin schickte ihren Mann nach Neuschönningstedt. Mit seinem Schwager stellte der älteste Sohn die Handwerker im Garten zur Rede und schaltete schließlich die Reinbeker Polizei ein. Die beendete das dubiose Treiben bei einer Geldübergabe, nahm die Personalien auf und leitete den Fall an die Staatsanwaltschaft in Lübeck weiter.

Der freischaffende Architekt Michael Gorten, der auch für die Verbraucherzentrale Hamburg arbeitet, hat den Schaden am Haus der 77-jährigen Reinbekerin begutachtet und ist erschüttert: „Das, was ich da gesehen habe, ist abenteuerlich, da wurde gar nichts fachgerecht ausgeführt.“ Schlimmer noch: Die schadhaften „Reparaturen“ müssen jetzt wieder mit teuren Sanierungen rückgängig gemacht werden.

Zurzeit werde in diesem Fall wegen Wucher, Nötigung und Erpressung gegen drei Männer im Alter von 42 bis 64 Jahren ermittelt, sagt der Sprecher der Lübecker Staatsanwaltschaft, Günter Möller. Die Männer hätten von September 2010 bis Juni 2011 Leistungen erbracht und sich dafür mehr als 100.000 Euro geben lassen, obwohl diese Arbeiten das nicht wert seien, erläutert er den Tatvorwurf des Wuchers (§ 291 Strafgesetzbuch). Sollte es zur Anklage und einer Verurteilung kommen, können die Täter allein dafür mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. In besonders schweren Fällen, wenn jemand die Tat gewerbsmäßig begeht oder durch seine Tat andere in wirtschaftliche Not bringt, sind sechs bis zehn Jahre Freiheitsstrafe vorgesehen.

Die Beschuldigten sind für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Die Firma „Dachbetrieb Pinn & Partner“, die im Gewerbeamt Glinde gemeldet war, ist dort seit einem Jahr abgemeldet, der Einzelunternehmer Timo (Thomas) P. ist unter der ehemaligen Geschäftsnummer nicht mehr zu erreichen. Auch bei der Handwerkskammer Lübeck ist die Firma nicht bekannt. „Die falschen Dachdecker traten zuvor auch unter einem anderen Namen auf“, hat der Sohn herausgefunden. Die geprellte Familie will um ihr Recht kämpfen und sucht jetzt weitere Geschädigte. „Ich weiß von Nachbarn, dass die Betrüger auch hier tätig waren“, so der älteste Sohn. Aus Scham würden viele, so vermutet er, vor einer Anzeige zurückschrecken. Dass sich auch andere Geprellte melden, sei jedoch wichtig, um den geschickt operierenden Tätern nachweisen zu können, dass sie ihre Kunden vorsätzlich betrügen wollten. Hinweise an die Polizei unter Telefon (040) 7277070.

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