St. Adolf-Stift

Indische Ärzte hospitieren in Reinbek

Reinbek (amü). Ihr Arbeitsplatz liegt knapp 10 000 Kilometer von Reinbek entfernt. Dennoch schlüpften Dr. Deepak J. Shinde (38) und sein Kollege Dr. Prakash Hazra (47) jetzt im St. Adolf-Stift in den OP-Kittel.

Die beiden Kardiologen hospitierten bei Prof. Herbert Nägele, der einer Patientin einen Drei-Kammer-Schrittmacher implantierte, was als schwierig gilt, da dessen Elektroden zum Teil in sehr enge Venenkanäle eingeführt werden müssen.

Die 88-Jährige bekam das kleine Gerät, das künftig in ihrem Herzen den Takt angibt, von einem erfahrenen Kardiologen eingesetzt. In Indien müsste sie dafür Privatpatientin sein. "Nur etwa zehn Prozent der Einwohner haben eine private Krankenversicherung", sagt Dr. Hazra. Für Arme ist die etwa 12 000 Euro teure Operation unerschwinglich. Die indischen Mediziner kommen aus Kalkutta und Mumbai (Bombay). Die beiden größten Städte Indiens zählen etwa 40 Millionen Einwohner und haben eine der höchsten Bevölkerungsdichten der Welt.

Mit Deutschland verbinde Dr. Hazra vor allem "Fußball und Pünktlichkeit", sagte er scherzhaft. Aber das Hauptinteresse der beiden Mediziner galt natürlich der Chance, einem Pionier der Implantationstechnik über die Schulter zu schauen. "Herr Nägele ist sehr schnell. Bei uns dauert so eine Operation vier Stunden. Er war nach 50 Minuten fertig", sagten beide beeindruckt. "Es war auch ein unkomplizierter Fall", stapelte Nägele tief, der in seiner Laufbahn bereits etwa 3000 Schrittmacher implantiert hat.

Der Oberarzt in der Reinbeker Klinik hat 1999 erstmals in der Hamburger Universitätsklinik in Eppendorf die sogenannte CRT-Therapie (Kardiale Resynchronisations-Therapie) begonnen. Das Verfahren wird, vereinfacht erklärt, bei einer Herzschwäche eingesetzt, bei der die linke Herzkammer vergrößert ist. Der Einsatz des Herzschrittmachers ist in diesem Fall schwieriger als bei einer Standard-Schrittmacher-Implantation. Prof. Nägele und sein Team nehmen an weltweiten wissenschaftlichen Studien teil. Etwa 300 Schrittmacher und Defibrillatoren werden in der Reinbeker Klinik pro Jahr Patienten eingesetzt. Die Implantation der Geräte bei Herzproblemen erfordere Spezialwissen und ein intensives Training. Leitende Kardiologen aus vier deutschen Kliniken engagieren sich zurzeit für eine qualifizierte Ausbildung indischer Ärzte. Vom 24. bis 28. September haben vier Herzspezialisten aus Indien im laufenden Klinikbetrieb die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und mit den Experten zu diskutieren. Neben dem St. Adolf-Stift sind die Universitätsklinik Kiel und das Herz- und Gefäßzentrum Bad Bevensen Gastgeber.

Prof. Nägele freut sich als leitender Kardiologe des Krankenhauses über den Besuch der Kollegen: "Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, Wissen und Fertigkeiten an Kardiologen aus anderen Ländern weiterzugeben. Durch solche Austauschprogramme profitieren nicht nur Patienten weltweit, sondern auch das gegenseitige Verständnis und der Respekt unter den Menschen wachsen."

Für den letzten Tag des Aufenthaltes ist ein Workshop an der Uniklinik Kiel geplant. In dem Vortrag wird ein erfahrener Implanteur den adäquaten Umgang mit Zwischenfällen bei der Operation darstellen. Unterstützt wird die Hospitation von der deutschen und indischen Niederlassung von Boston Scientific, einem führenden Hersteller von Herzschrittmachern und Defibrillatoren.