Zum Bornbruch

Gastwirt Matthias Lutz trotzt täglich dem Schicksal

Wohltorf. Es gibt Momente, in denen man zum Leben laut und deutlich "Ja" sagen muss. Schon ein Schweigen würde das Schicksal als Nein interpretieren.

Matthias Lutz hat "Ja" zum Leben gesagt. Obwohl ihm das Nein schon auf der Zunge lag. Und da zum Leben nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft gehört, baut der Gastwirt des Hotels "Zum Bornbruch" in Wohltorf ein weiteres Haus. Besser gesagt ein Motel mit fröhlich gelber Fassade und weißen Türen. Ein Heim für die Monteure, die seit Jahren bei ihm und seiner Familie an der Dorfstraße 32 ein und aus gehen. Es ist für ihn auch ein Symbol dafür, dass es im Leben immer weiter geht, wenn man erst mal Ja gesagt hat.

"Vor zehn Jahren hatte ich eine Pistole am Kopf, während meine Frau neben mir mit einem Messer erstochen worden ist", erzählt der heute 53-Jährige die tragischste Geschichte seines Lebens. Er sitzt in blauer Jeans, weinrotem Hemd und schwarzer Lederweste auf einem Barhocker hinter der geschwungenen Holztheke und streicht sich mit der Hand übers Gesicht, auf dem das Leben Spuren hinterlassen hat.

An jenem verhängnisvollen 2. Dezember vor zehn Jahren haben er und seine damalige Frau Besuch von einem befreundeten Ehepaar. Ein Streit eskaliert. Plötzlich hat der Gastwirt eine Pistole an der Schläfe, die Freundin des Hauses, die gleichzeitig auch Hotelangestellte ist, sticht mit dem Messer auf die 24-Jährige ein. Auch der Notarzt kann ihr nicht mehr helfen. Die Täterin hat ihre Haftstrafe verbüßt, die Erinnerungen von Matthias Lutz haben lebenslänglich bekommen. "Das vergisst man einfach nicht. Es ist jeden Tag da", sagt er.

Damals hat er sich selbst die Frage gestellt: Weiterleben? Oder nicht? Der Motelneubau in Wohltorf ist eine der Antworten. Die anderen heißen Ina (37) und Letizia (7). Die beiden Frauen sind "mein Sonnenschein", wie er sagt. Der Grund, auch nach einem Schicksalsschlag weiterzuleben und jeden Tag das Beste draus zu machen.

Seine heutige Ehefrau hat er nach dem tragischen Tod seiner früheren Frau sehr schnell kennengelernt. "Zu schnell für einige. Sie haben es mir übel genommen, dass ich das offizielle Trauerjahr nicht eingehalten habe", erinnert sich Matthias Lutz. Für ihn liegen die Dinge anders. Das Ja zum Leben schließt auch die Liebe mit ein. Und warum dem Glück die Tür vor der Nase zuschlagen, wenn es in schweren Stunden anklopft? "Die Alternative wäre gewesen, dass ich hier an meiner Theke sitze und verrückt werde", sagt er.

Seine Frau Ina hat sehr schnell gemerkt, dass der Wohltorfer Gastwirt ein Mann ist, der die Ärmel hochkrempelt und rackert. Bevor er in Bergedorf seiner Arbeit als Maschinenbauer nachging, deckte er in seinem Hotel für die Gäste noch den Frühstückstisch. Nach der Arbeit gönnte er sich nur eine halbe Stunde Ruhepause, dann ging es weiter - bis spät in die Nacht. Ein Mammutprogramm. Mittlerweile setzt Matthias Lutz ganz auf sein Hotel. Seine Frau, gelernte Erzieherin, hat extra für das Familienunternehmen eine Ausbildung zur Hotelkauffrau absolviert, in angesehenen Häusern in Hamburg Praktika geleistet. Sie kennt die Hotels, in denen die Teppiche farblich zu den Bildern an der Wand und die wiederum zur Käseplatte auf dem Frühstücksbüfett passen. Im Hotel "Zum Bornbruch" ist das anders.

"Unsere Gäste möchten es sauber, ordentlich und rustikal", sagt Ina Lutz. Im Gastraum hängt neben den Hirschgeweihen ein großer, ausgestopfter Elchkopf. Der Reichskanzler Otto von Bismarck schaut erhaben, in Bleistift gezeichnet, auf die Sitzecken herab - ein Dachbodenfund. Die Gastwirtin spricht von Gästen, obwohl diese eigentlich Freunde sind. Man kennt und schätzt sich seit Jahren, immer wieder buchen Firmen das kleine Wohltorfer Hotel für ihre Angestellten.

Ina und Matthias Lutz wissen, wer was gern zum Frühstück isst, wer gerade geheiratet hat oder Vater geworden ist. "Die Männer verbringen fünf Tage der Woche bei uns, nur zwei bei ihrer Familie", erzählt die 37-Jährige. Wenn sie abends ihre Tochter ins Bett bringt, sitzt ihr Mann mit den heimgekehrten Arbeitern an der Theke, zapft frisches Feierabendbier. In großer Runde besprechen die Männer den Tag - vertraute Gespräche. "Die Gäste kennen meine Geschichte, wissen, was passiert ist", erzählt der Gastwirt. Sie kommen trotzdem wieder - seit Jahren. Auf seine Monteure kann er sich verlassen. Der nette Ton des Hauses spricht sich rum. Immer mehr Arbeiter wollen unter der Woche in Wohltorf wohnen. "Viele muss ich wegschicken", sagt der Hausherr. Doch das soll sich jetzt ändern. Zusätzlich zu den 13 Zimmern im Haupthaus, entstehen im Neubau 15 weitere. Am liebsten würde Matthias Lutz schon morgen die ersten Gäste dort empfangen. Da er allerdings alles ohne Kredit selbst finanzieren muss, wird es wohl noch dauern.

Wenn es aber soweit ist, wird der 53-Jährige seinen Gästen und Freunden abends nicht nur Frischgezapftes anbieten, sondern in seiner modernen Küche wieder den Herd anschmeißen und herzhafte Hausmannskost auftischen. "Mein Mann ist leidenschaftlicher Koch", verrät Ina Lutz und streicht ihm stolz über den grauen Drei-Tage-Bart. Mit seinem Neubau hat Matthias Lutz große Zukunftspläne. "Das kannst du später alles übernehmen", sagt er zu seiner Tochter und blickt stolz auf das farbenfrohe Motel.