Hilfe zur Selbsthilfe

200 Kilometer bis zum nächsten Arzt

Reinbek. Ärzte sind in Somalialand etwas ganz besonderes. Nicht selten fahren die Menschen 200 Kilometer mit dem Taxi, um medizinische Hilfe zu bekommen. Viele sterben jedoch an leicht zu behandelnden Krankheiten zu Hause, weil sie weder das Geld für ein Mietauto noch für die teuren Medikamente aufbringen können.

"Das Gesundheitssystem ist mit unserem nicht zu vergleichen", sagt Dr. Jens Stahmer, der im Reinbeker Krankenhaus St. Adolf-Stift als Oberarzt im Bereich Gastroenterologie arbeitet. Für den Verein "Afrika aktiv e.V." war er vier Wochen in Somalialand am Horn von Afrika, um junge Medizinstudenten an der Universität in der Stadt Hargeisa zu unterrichten.

Für die eine Million Menschen stehen in der Universitätsklinik nur 400 Betten bereit. Und das auch nicht in komfortablen Einzel-, oder Doppelzimmern, sondern in großen Sälen. Die Kranken werden von ihren Verwandten versorgt, die nicht selten im Hof ihr Lager aufgeschlagen haben. In seiner Zeit als Austausch-Arzt hat Dr. Jens Stahmer Krankheiten gesehen, die Deutsche Mediziner sonst nur noch aus dem Lehrbuch kennen - Lepra, schwere Hautkrankheiten oder Kinderlähmung beispielsweise. Jedes fünfte Kind wird in diesem Land nicht älter als drei Jahre.

Selbst wenn die Kranken das Glück haben, in der Klinik behandelt zu werden, müssen sie dafür selbst viel Geld aufbringen. "Die Tagesdosis für ein Tuberkulose-Medikament kostet dort beispielsweise drei bis vier Tagesgehälter", hat Dr. Stahmer mitbekommen. Seine afrikanischen Kollegen müssen mit einem Röntgen- und einem Ultraschallgerät auskommen, mehr technische Unterstützung bei der Diagnose gibt es nicht. "Man arbeitet dort unter den einfachsten Bedingungen und muss sich auf seine Erfahrung verlassen", sagt der 52-Jährige.

Beeindruckt hat ihn während seines Aufenthaltes, wie gut die Ärzte und die Nachwuchs-Mediziner mit den Rahmenbedingungen klar kommen. Auch ihre Ausbildung müsse sich hinter der in westlichen Staaten nicht verstecken. "Die afrikanischen Studenten sind unglaublich wissbegierig und aufmerksam. Es hat einfach sehr viel Spaß gemacht, mit ihnen zu arbeiten", sagt der Reinbeker Arzt, der mit Hilfe eines Dolmetschers sein Wissen im Bereich Magen-Darm-Erkrankungen weitergegeben hat.

Die fachliche Hilfe durch den Verein sei deshalb wichtig, weil es in Somalialand selbst kaum Fachärzte gibt, die die jungen Leute unterrichten könnten. Afrika aktiv e.V. bildet neben den Medizinstudenten zudem in Ostafrika auch Schwestern und Hebammen aus. "So befähigen wir die Menschen vor Ort, selbst ihre Lebensumstände zu verbessern", erklärt Dr. Stahmer die Idee des Vereins.

Ab kommender Woche werden zwei Ärzte aus Somalialand in Deutschland zu Gast sein. Neben der Arbeit im Universitätskrankenhaus Eppendorf wird es auch Treffen im St. Adolf-Stift in Reinbek geben. "Ich glaube, die Kollegen aus Afrika haben sicher keine genaue Vorstellung davon, wie Deutschland ist und wie das medizinische System funktioniert. Wir müssen sie sensibel heranführen, damit sie keinen Kulturschock bekommen", sagt Stahmer.

Während seiner Zeit in Afrika habe er zudem eines gelernt: "Religion und Mentalität spielen keine so große Rolle wie man oft denkt. Ich habe junge Afrikaner kennengelernt, die über die gleichen Dinge lachen wie ihre Altersgenossen in Deutschland. Sie sind genauso neugierig, weltoffen und unkompliziert wie Studenten überall auf der Welt."