Dresdner Kreuzchor

"Wir sind ein spezielles Völkchen"

Foto: Susanne Holz

Reinbek. Sie sind locker, witzig, einfach sympathisch. Zudem noch gut erzogen, gebildet, weit gereist. Von ihrem Ansehen können vermeintliche Popstars nur träumen. Und: Sie sind erst 18 und 19 Jahre alt: Absolventen des berühmten Dresdner Kreuzchores.

Der Kreuzchor beruht auf einer sieben Jahrhunderte währenden Tradition. Angestaubt oder altmodisch, das wirken die Jungs, die derzeit ihre Abschiedstournee in Deutschland geben, jedoch keinesfalls. In wenigen Tagen werden sich ihre Wege trennen. Das Konzert in der Reinbeker Maria-Magdalenen-Kirche am Donnerstagabend war eines der wenigen, das die jungen Männer noch gemeinsam bestreiten. Auf Einladung der Kantorei haben Absolventen des Chores zum zweiten Mal ihr beachtliches Können unter Beweis gestellt. Ein Konzert, das Tradition werden soll.

An Nachwuchs wird es dem Kreuzchor dafür nicht mangeln. Selbst Grundschüler wissen, dass es nicht nur eine große Ehre, sondern auch eine große Chance ist, im Chor aufgenommen zu werden. Felix Morgner jedenfalls würde sofort wieder sein Leben ganz der Musik widmen. Wie die meisten seiner Mitschüler wurde der heute 18-Jährige bereits als Drittklässler entdeckt. Spezielle Fachleute besuchen regelmäßig die Schulen rund um Dresden, immer auf der Suche nach neuen Talenten.

Morgners Stimme gefiel, schnell war die Entscheidung gefallen, dass er ein Leben als Kruzianer führen wollte. Fern von den Eltern unterwarf er sich im Internat dem strengen Reglement. Von sieben Uhr morgens bis 20 Uhr abends war der Tag nun durchorganisiert. Heimweh kam so erst gar nicht auf.

Nach dem Aufstehen und dem Frühstück mit Andacht folgte der normale Schulunterricht, dann ging es mit Hausaufgaben und vor allem der musikalischen Ausbildung weiter. Ab der vierten Klasse singen die Jungen drei Stunden pro Tag. Bis zur siebten Klasse im Knabenchor, dann gönnt ihnen der Stimmbruch eine musikalische Verschnaufpause.

Wer nicht mehr mit kindlicher Stimme, sondern mit hellem Tenor oder kräftigem Bass klassische und weltliche Musik interpretiert, steigt in den Männerchor auf. Schon vorher lernen die Kinder jedoch weit mehr als ihre eigene Schule und ihre Hauskirche – die Kreuzkirche in Dresden – kennen.

„Ab der fünften Klasse darf man mit auf Reisen gehen“, erklärt Hermes Helfrich. Der 18-Jährige hat in jungen Jahren schon die halbe Welt gesehen. Argentinien, Brasilien, Uruguay, Japan und Südkorea, Finnland, Polen, Österreich und Frankreich – die Liste der Länder scheint unendlich. „In Japan mussten wir sogar Autogramme geben, in Buenos Aires haben die Menschen im Teatro Colon gar nicht mehr aufgehört zu klatschen“, erinnert sich der Musiker an seine musikalisch schönsten Momente.

Helfrich wird sein Leben weiter der Musik widmen, in Graz und Wien möchte er das Dirigieren von Orchestern studieren. Schon jetzt dirigierte er den Abiturientenchor.

Verantwortung übernehmen, sich der Gemeinschaft in positivem Sinne verpflichtet fühlen – das lernen die Jungen schon von Anfang an. „Wir sind schon ein spezielles Völkchen“, gibt Felix Morgner lachend zu, der in München Latein und Geschichte studieren und sich nur als Hobby einen hochkarätigen Chor suchen wird. Aber ein Völkchen, das genau wie viele andere in der Freizeit am liebsten Fußball spielt, abends am Billardtisch steht, Pop- und Rockmusik hört und, ja – ein Völkchen, das sich auch für Mädchen interessiert. Die schwärmen für die Kruzianer und bitten meist: „Sing mir bitte etwas vor…“