Gewerbegebiet Haidland

Nächtlicher Stopp im Trucker-Paradies

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Susanne Holz und Timo Jann (Fotos)

Reinbek. Für Ingo Rex sind die Parkplätze im Gewerbegebiet Haidland die Malediven für Trucker. Himmlische Ruhe, Ausblick in die Natur, genug Platz für sich und seinen 16,5 Meter langen Lkw.

Enge Parkplätze an Autobahnraststätten - das ist eher wie Mallorca, Ballermann und Bettenburgen. "Ich fahre gern 20 Kilometer aus Hamburg raus, um mich hierher zu stellen. Die anderen Rastplätze sind überfüllt. Zur Ruhe kommt man da nicht, wenn alle Nase lang ein Kollege seinen Motor anschmeißt und losfährt. Hier in Reinbek ist es topp", sagt der 42-Jährige.

Er ist einer der vielen Lkw-Fahrer, die abends und nachts lose verstreut über das Reinbeker Gewerbegebiet in den Parkbuchten die Handbremse anziehen, das Schlafklötzchen unter den Vorderreifen legen, die Gardinen hinter der Windschutzscheibe zuziehen und es sich auf einer Pritsche zwischen Ladung und Fahrersitz bequem machen. Im Winter sorgt die Standheizung abends für mollige Wärme, das Fernsehprogramm vorm Einschlafen flimmert auf einem Bildschirm, halb so groß wie eine aufgeschlagene TV-Zeitschrift. Im Mini-Kühlschrank stehen Getränke und das Frühstück für den nächsten Morgen bereit, Kaffee und Tee werden auf einer mobilen Herdplatte auf dem Bett zubereitet.

Im Sommer wird es geselliger und Rex und sein Trucker-Kollege Andreas Brandt grillen an ihrem Stammplatz vor dem neuen Tierheim Würstchen zwischen ihren Lkw. "Das ist wie Camping", sagt Brandt, alles andere als unglücklich. Während er daheim bei Frau und Kind Komfort zu schätzen weiß, putzt sich der 38-Jährige auf Tour die Zähne selbst bei klirrender Kälte im Freien mit Wasser aus dem Kanister, erledigt Toilettengänge notgedrungen in den Büschen im Gewerbegebiet. "Es wäre schon toll, wenn es hier einen Toilettencontainer geben würde. Duschen können wir bei unseren Auftraggebern, das ist kein Problem", sagt der Fernfahrer. Rex und Brandt arbeiten beide für die Firma Riebe&Staas aus Bentwisch in Mecklenburg-Vorpommern, fahren Fertigteile durch die Lande. Rund 7000 Kilometer sitzen sie pro Monat hinter dem Steuer. Bevorzugte Strecke: Schwerin - Hamburg.

Nicht weit entfernt hat Martin aus der Slowakei am Senefelder Ring sein Nachtlager aufgeschlagen. 28 Stunden war er unterwegs, 17 davon mit dem Fuß auf dem Gaspedal. Mit Händen und Füßen erklärt der 38-Jährige in bruchstückhaftem Deutsch und Englisch, dass er bereits am Vortag auf dem Standstreifen gestrandet ist, direkt vor den Toren der Firma Michaelis. Er warte auf den Anruf seines Chefs und den nächsten Auftrag, sagt er. Wann der kommt? "Keine Ahnung" signalisiert er mit dem weltweit verständlichen Schulterzucken. Bei den Stichwörtern "Essen, Trinken und Toilette" zeigt er freundlich in Richtung Gutenbergstraße. Bis in die Reinbeker Innenstadt schafft er es trotz seiner längeren Zwangspause vermutlich nicht.

Wie die aussieht, dürfte Wolfgang Schöneberg wissen. Der 57-Jährige kommt aus Geesthacht und obwohl er nur wenige Kilometer entfernt in seinem eigenen Bett in die Federn sinken könnte, hat er es sich auf dem Beifahrersitz seines Trucks gemütlich gemacht. "Ich fahre für die Fürst Bismarck-Quelle von Aumühle nach Barsbüttel. Morgen früh muss ich um halb fünf raus. Um meine Frau nicht zu stören, schlafe ich im Wagen", erklärt er. Seit 35 Jahren fährt er mit 460 PS durch die Welt. "Einmal bin ich bis Athen gekommen, das war die schönste Tour meines Lebens. Was ich da alles gesehen habe", erzählt er mit glänzenden Augen.

Auch Ingo Rex möchte seinen Job derzeit mit keinem anderen tauschen. "Wenn ich am Sonntagabend los muss, bin ich schon mittags unruhig." Dann heißt es: Rauf auf die Straße und die große Freiheit spüren. Abends an der Abfahrt Reinbek den Blinker setzen und im Gewerbegebiet Haidland Kurzurlaub machen. Sozusagen.

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