Justitia in Reinbek

"Ein Richter muss Herr im Ring bleiben"

Reinbek. 53 Mitarbeiter helfen im Amtsgericht der Gerechtigkeit auf die Sprünge - vom Richter bis zum Wachtmeister. In einer neuen Serie stellen wir Reinbeks " Justitia" vor.

An diesem Verhandlungstag wird Richter Malte Zickermann seine Robe nur für eine Stunde an die Garderobe hängen können.Um 12.30 Uhr ist eine Mittagspause eingeplant. Mit den Kollegen und Referendar Felix Geppert (26) geht's wie jeden Tag in die Kantine des Krankenhauses. Bis dahin liegen noch dreieinhalb Stunden vor ihm. Es ist 9 Uhr. Der 33-Jährige eröffnet pünktlich die erste Verhandlung im Amtsgericht.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Im 45-Minuten-Takt geben sich Betrüger, Diebe und Verkehrssünder die Klinke in die Hand: 9.45 Uhr Diebstahl, 10.30 Uhr Computerbetrug, 11.15 Uhr fahrlässige Trunkenheit im Verkehr. . . . Gegen 15 Uhr wird der Strafrichter die letzte Akte schließen. Voraussichtlich pünktlich, denn fast alle Angeklagten sind geständig, Zeugen müssen nicht gehört werden.

Der schlanke Jurist lässt sich von dem strammen Terminplan nicht hetzen, bleibt "Herr im Ring". Mit ruhiger, freundlicher Stimme, aber bestimmt, fragt er nach persönlichen Lebensverhältnissen, Beruf, Einkommen der Angeklagten, von denen einige ohne Anwalt ihrer Strafe entgegensehen.

Gefühlsausbrüche, Emotionen, unsachliche Kommentare haben im Gerichtsaal 107 nichts zu suchen. "Ich achte auf eine sachliche, friedliche Verhandlungsatmosphäre", sagt Zickermann, der sich auf jeden Prozess gründlich vorbereitet hat. "Um nicht von einem unerwarteten Antrag der Staatsanwaltschaft überrascht zu werden." Eine Entscheidung fällt er erst im Gerichtssaal: "Ein Richter darf niemals voreingenommen sein", sagt Zickermann. Und ein Urteil sollte nicht hart oder milde, sondern angemessen sein, alles berücksichtigen, was für oder gegen einen Angeklagten spricht.

"Manchmal", so ist er sicher, "ist es wichtiger, Unrecht klar auszusprechen, als eine harte Strafe zu verhängen." So wie bei einem Anfang 20-Jährigen, der geknickt und voller Reue gegen 10.45 Uhr zu Protokoll gibt, dass er in Neuschönningstedt von Mai bis August 14-Mal heimlich Geld vom Konto seiner Freundin abgebucht hatte. Insgesamt 1100 Euro in vier Monaten. Das Geld habe er nur für sich und seine Freundin ausgegeben und wollte es auch wieder heimlich auf das Konto zurückzahlen. Doch dann war das erste Gehalt des Lageristen doch geringer ausgefallen als erwartet. Er flog auf und aus der Wohnung der Freundin. Die Staatsanwältin beantragte 120 Tagessätze a 30 Euro. Zickermann bleibt unter der magischen Strafgrenze bis 90 Tagessätzen. Damit taucht die Strafe nicht im polizeilichen Führungszeugnis auf und der junge Mann hat noch eine letzte Chance, beruflich Fuß zu fassen. Dem Angeklagten gibt er noch auf den Weg: " Sie haben in ganz erhebliKcher Weise Vertrauen missbraucht. Über das Unrecht aus moralischer Sicht haben wir heute nicht zu Urteilen."

Eine Dreiviertelstunde vorher hatte er in einem anderen Fall eine Geldstrafe nicht für ausreichend gehalten und war damit über das Strafmaß der Staatsanwältin hinausgegangen. Bei einem Sicherheitsbeauftragten diagnostizierte er kriminelle Energie. Der Mann hatte in einem Discounter, den er nachts selbstständig bewachte, zur Brechstange gegriffen und drei Spielautomaten geleert. Beute: 700 Euro. Die Strafe: acht Monate auf Bewährung.

"Ein hartes Gewerbe", sagt er in der kurzen Pause und entdeckt beim Blick aus dem Fenster den Angeklagten, der rauchend hektisch telefoniert.

Im Gerichtssaal geht es ohne Pause weiter. Carsten S. (40) tritt ein, verheiratet, drei Kinder. Der Barsbütteler hat sein erhebliches Vorstrafenregister um eine Trunkenheitsfahrt erweitert. Der Anwalt möchte jetzt erreichen, dass die Führerscheinsperre herabgesetzt wird. " Weniger als weitere elf Monate sind nicht drin. Aber ein Tipp: machen Sie rechtzeitig die MPU, dann gibt es vielleicht eine Möglichkeit, die Sperrfrist vorzeitig aufzuheben", gibt er Carsten S. mit auf den Weg.

Am Ende des Sitzungs-Marathons gelingt es ihm dann noch, einen einschlägig vorbestraften Internetbetrüger zu einem Geständnis zu bringen. Der 28-Jährige hatte einen Laptop im Internet verkauft und nicht geliefert. Er ist noch unter Bewährung und kassiert deshalb fünf Monate Haft.

Trotz seiner erst 33 Jahre strahlt Zickermann in der Robe Autorität aus. Seit Mai 2007 ist er als Richter auf Probe Anwärter auf eine Planstelle und musste nicht nur ein ausgezeichnetes Examen, sondern auch soziale Kompetenz für diese Berufung mitbringen. "Ich habe weniger Berührungsängste mit Personenkreisen, mit denen ich vorher nichts zu tun hatte. Das Spektrum dessen, was möglich ist, hat sich für mich verändert. Mein Menschenbild nicht ", sagt Zickermann, der jetzt täglich mit dem Vergehen von Menschen in Berührung kommt.

Mehr als 500 Strafsachen pro Jahr plus Haftvorführungen und Nachlassentscheidungen - das Pensum ist groß, aber für ihn eine Herausforderung: "Ich mag Entscheidungsverantwortung tragen", sagt er. Drei Jahre, neun Monate für eine Einbruchsserie ist bisher die höchste Strafe, die er verhängt hat. Mitleid lässt er dabei außen vor. Es gehe darum, trotz aller Widrigkeiten Grenzen zu setzen. Doch manchmal frustriert ihn auch die ausweglose Situation mancher Menschen. "Wenn jemand mit 20 nicht sagen kann, was er für Perspektiven hat, und auch wenig realistische Aussichten hat, jemals Fuß zu fassen, dann kann das Strafrecht nur noch Kriminalität verwalten, aber nicht bekämpfen", sagt Zickermann. Dennoch rechtfertige das nicht, Unbeteiligte, die für deren prekäre Situation nichts können, Leid zuzufügen. Er wird seiner Aufgabe auch weiterhin gerecht, "Im Namen des Volkes" für Recht sorgen und dafür zwei Tage die Wochen die schwarze Robe anlegen.