Serie: "Justitia"

Wachtmeister mit fesselndem Charme

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Susanne Holz

Reinbek. Schlagstock, schwarze Lederhandschuhe, Handschellen und ein Metalldetektor - Stephan Opelt und Reiner Lehninger sind für alle Fälle gerüstet. Krawall im Reinbeker Amtsgericht? Nicht mit den beiden Wachtmeistern.

Die gute Nachricht: "Bislang sind wir immer ohne all das ausgekommen", betont Lehninger. Seit fast 30 Jahren ist der 52-Jährige dabei, kennt sich aus mit Straftätern, Kleinkriminellen, Steuerhinterziehern und anderen, die Böses im Schilde führten. Menschenkenntnis und ein gutes Bauchgefühl hilft weiter im Job der Wachtmeister, an denen an der Parkallee 6 niemand vorbeikommt. "Einige sind voller Adrenalin, wenn sie ins Amtsgericht kommen. Die wollen einfach nur reden, mal Dampf ablassen. Dann kommen die schon wieder runter", sagt Opelt besonnen. Einigen Älteren flöße auch die Arbeitsuniform - schwarze Hose, blaues Hemd mit Justizabzeichen - noch Respekt ein. Die Devise der Wachtmeister: "An unserem Tresen sind alle gleich."

Eine Einstellung, die auch intern eine gute Arbeitsatmosphäre schafft. Im sogenannten "Sozialraum" treffen sie sich alle - die Wachtmeister, Anwälte, Richter, Notare und Verwaltungsmitarbeiter. Versteckt hinter einem Aquarium, in dem Schleierfische ihre Runden drehen, nehmen sie auf einer kleinen Eckbank Platz, trinken Kaffee, tauschen Informationen aus. "Hier haben sie schon alle gesessen", sagt Lehninger.

Sein Tag und der seines Kollegen beginnt um 6.30 Uhr im Morgengrauen. Ende offen. Wenn in den Gerichtssälen die Verhandlungen länger dauern als geplant, müssen sie im Hintergrund für Sicherheit sorgen. Feierabend um 15.15 Uhr, das geht dann nicht. "Wir haben hier auch schon bis 19 Uhr gesessen", erinnert sich Opelt. Damit die Verwaltungsmitarbeiter ihre Arbeit machen können, müssen zunächst die Wachtmeister ran. Bis neun Uhr verteilen sie stapelweise Akten in den Amtsstuben. Ihr Glück: Es gibt Rollwagen und einen Fahrstuhl. Ansonsten käme ihre Arbeit einem Krafttraining gleich, im Amtsgericht arbeiten 53 Mitarbeiter. "Natürlich kennen wir alle mit Namen und wissen, unter welcher Telefonnummer sie zu erreichen sind", sagt Lehninger.

Ehrensache. Einschreiben, Briefe, Faxe - alles läuft über die braunen Holztische der Wachtmeisterei und wird mit einem Eingangsstempel versehen. Pausenlos klingeln währenddessen die Telefone, Besucher fragen nach dem Weg. "Langweilig wird es hier nie", sagt Opelt. Dass er Schwerverbrecher nicht eigenhändig im Gerichtssaal vorführen muss - wie beispielsweise seine Kollegen in Lübeck - ist ihm ganz recht. "Das muss ich nicht haben", sagt der 45-Jährige. Zum einen, weil es immer ein Sicherheitsrisiko gibt. Zum anderen aber auch deshalb, weil einige Verhandlungen nicht so spannend seien, wie sie auf Außenstehende klingen. "Ich war mal bei einer Sitzung dabei, da wurden den ganzen Tag nur Konten verlesen", erinnert er sich.

Schreiende Angeklagte, wütende Richter, weinende Zeugen, Streit im Zuschauerraum? Nein, das gebe es in Reinbek nicht. Wohl zu viel Fernsehen geguckt, scheinen die Wachtmeister zu denken. Nur einmal, da ging es noch im alten Amtsgericht neben der Polizeiwache hoch her. "Es ging um einen Mord im Krähenwald und Journalisten wollten durch die Fenster klettern." Sie blieben dann doch am Ende draußen. An einem Wachtmeister kommt niemand vorbei.

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