Kindesmissbrauch

"Als ich anfing zu denken, kamen die Probleme"

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Anne Müller

Reinbek. Es ist schon als Unbeteiligter unangenehm zu hören, was Richter Malte Zickermann aussprechen muss. Für Petra S.* ist es ein Martyrium. Bis ins Detail wird im Gerichtssaal 107 des Reinbeker Amtsgerichtes das ans Licht gebracht, was die 17-Jährige fünf Jahre still ertragen hat.

Wie erstarrt sitzt sie neben ihrer Anwältin, mit blassem Gesicht zwischen den halblangen braunen Haaren. Gegenüber nimmt Andreas P.* auf der Anklagebank Platz. Unscheinbar, schmächtig. Der 51-jährige Beamte mit den aschblonden, kurzen Haaren, ist geschieden, hat zwei erwachsene Kinder.

"Es ist alles solange her", sagt er. An vieles könne er sich nicht mehr erinnern. Sein Anwalt hilft ihm auf die Sprünge: "Wie häufig haben sie Ihre damalige Freundin besucht?" Andreas P. lässt sich mit der Antwort Zeit: "Gelegentlich. Es war eine lose, rein sexuelle Beziehung", antwortet er teilnahmslos. Genauso emotionslos schildert er das, was er der Tochter seiner Freundin, Petra S., angetan hat. Sie war erst sechs Jahre alt, als Andreas P. seine pädophilen Neigungen an ihr auslebte. "Wir haben erst getobt und dann gekuschelt. Sie fand das schön" , ist er immer noch sicher, während Petra S. leicht angewidert den Mund verzieht. Die Mutter habe nichts gemerkt. Er nutzte es aus, wenn sie in der Küche war oder geraucht hatte, das Mädchen zu berühren. Als er das sagt, raunt der Vater im Saal seiner geschiedenen Ex-Frau zu: "Du musst doch irgendwas gemerkt haben." "Nein", flüstert sie. Über die Jahre entwickelte sich im Verborgenen das, was im Gerichtssaal als " Schenkelverkehr" bezeichnet wird. Er sei immer nur soweit gegangen, wie Petra es wollte, sagt ihr Peiniger, der sich offensichtlich der Tragweite seiner Handlungen immer noch nicht bewusst ist. Als sie etwas älter war, habe sie ihn dann schon mal weggestoßen. "Hat sie nie deutlich gesagt, sie will das nicht", möchte der Richter wissen. " Nein, meist ging das alles ohne Worte ab, nur einmal habe ich gesagt, sie soll das Zuhause nicht erzählen."

Es hat lange gedauert, bis Petra S. gesprochen hat: "Es kann sich wohl jeder denken, wie ich mich fühle. Ich habe viele Probleme, Schlafstörungen und auch in der Schule Schwierigkeiten. Die kamen, als ich anfing nachzudenken. Mit der Zeit kommt alles hoch", schildert sie ihre Situation und sagt verbittert in Richtung Anklagebank: "Und, wie geht es Dir jetzt." Mit niemanden, auch nicht mit ihrer Mutter hatte sie zuvor über all das gesprochen, sich nur ihrem Freund anvertraut und sich schließlich mit seiner Unterstützung zu einer Anzeige entschieden.

Andreas P. hat ein vollständiges Geständnis abgelegt. Sexueller Missbrauch in 14 Fällen lautet die Anklage. Ein Fall geht zu Lasten seiner leiblichen Tochter, die jetzt 18 Jahre alt ist. Als sie sieben war, hatte er intime Körperstellen gefilmt.

Weil sein Mandant ein Geständnis abgelegt habe und der Fall seiner Meinung nach sonst nicht zur Anklage gekommen wäre, plädierte der Anwalt für eine Bewährungsstrafe. Auch, weil eine Therapie in Angriff genommen wurde.

Das legten auch die Staatsanwältin und der Richter dem Angeklagten positiv aus. Dennoch überwogen ihrer Meinung nach die Intensität und der lange Tatzeitraum sowie die schweren Auswirkungen auf das Opfer. Die Mindeststrafe für sexuellen Kindes-Missbrauch ist sechs Monate. Ab zwei Jahren kann die Strafe nicht zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Staatsanwältin plädierte für drei Jahre und drei Monate. "Eine Bewährungsstrafe halte ich nicht für ausreichend", begründete Richter Zickermann das Urteil, zwei Jahre und zehn Monate. "Sie haben ihre sexuellen Bedürfnisse über das Wohl des Kindes gestellt. Ihre Einstellung zeigt, dass sie immer noch nicht respektieren, dass ein Kind nicht so Nein sagen kann wie ein Erwachsener. An Kindern darf man sich nicht vergreifen." Petra S. sei offensichtlich von dem Geschehen immer noch stark beeinflusst. "Da ist noch viel aufzuarbeiten", sagte er abschließend.

* Namen v. der Red. geändert

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