Arbeitsagentur

"Und, was machen Sie so beruflich?"

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Susanne Holz

Reinbek. Als Matthias Parbs das letzte Mal auf einer privaten Feier eingeladen war, wisperte es plötzlich hinter ihm: "Das ist doch der Mann vom Arbeitsamt." Wenig später hatte ihn die unbekannte Dame in ein Gespräch verwickelt. Es ging um Jobchancen, Ausbildungsplätze und die allgemeine Arbeitsmarktsituation. Genau sein Metier.

20 Mitarbeiter helfen in der Reinbeker Geschäftsstelle bei der Arbeitssuche. Von Mensch zu Mensch.

Der 28-Jährige ist Berufsberater bei der Agentur für Arbeit in Reinbek und weiß: "Arbeit ist ein Thema, das jeden betrifft." Umso frustrierender, wenn man auf die Frage "Und, was machen Sie so beruflich?" antworten muss: "Ich bin leider gerade arbeitslos."

In der Geschäftsstelle in Reinbek kümmern sich derzeit 20 Mitarbeiter darum, dass Arbeitsuchende wieder in Lohn und Brot kommen. Alle von ihnen wissen: Der Gang zur Agentur für Arbeit fällt den meisten Betroffenen schwer. "Viele fühlen sich als Bittsteller", weiß Jasmin Nagel. "Doch das ist völlig unbegründet", fügt sie schnell hinzu. Die 25-jährige Fachassistentin für Arbeitsförderung sitzt am Empfang der Agentur, ist erste Anlaufstelle für alle, die auf Arbeitssuche sind. Der Gesprächsbedarf ist bei einigen Kunden groß. Schon am Empfangstresen beginnen sie, der jungen Frau ihre Lebensgeschichte zu erzählen. "Ich kann das gut verstehen, erkläre ihnen aber freundlich, dass das eigentliche Beratungsgespräch mit einem anderen Mitarbeiter geführt wird", so Nagel.

Während junge Leute mit Matthias Parbs an der Zukunft basteln und gemeinsam einen geeigneten Ausbildungsplatz suchen, leitet Jasmin Nagel Erwachsene beispielsweise an Ina Brockmann weiter. Die 51-Jährige ist Arbeitsvermittlerin und klopft in einem einstündigen Erstgespräch die beruflichen Biografien ihrer Kunden ab. Wer bringt welche Kenntnisse mit, wo besteht Weiterbildungsbedarf, sind die Bewerbungsunterlagen in Ordnung? "95 Prozent der Menschen, die ich betreue, wollen wieder in Arbeit sein. Sie tun vieles, um ihrem Ziel näher zu kommen", so ihre Erfahrung. Faulpelze, die froh sind, wenn morgens nicht der Wecker klingelt und die Arbeit ruft, säßen selten bis nie vor ihr. Brockmann weiß, dass viele beim Stichwort "Agentur für Arbeit" Bauchschmerzen bekommen. "Sie fühlen sich durchleuchtet, haben Angst, nur eine Nummer unter vielen zu sein." Nach dem ersten Gespräch mit der Arbeitsvermittlerin seien die meisten deshalb geradezu erleichtert, wie angenehm und unkompliziert es verlaufen sei.

Joachim Fleigl, Arbeitsvermittler und stellvertretender Leiter der Agentur für Arbeit Reinbek, kann es sogar verstehen, dass die Menschen zunächst Vorbehalte haben. Der 54-Jährige kann sich noch sehr gut daran erinnern, als er selbst auf Jobsuche in einem Hamburger Arbeitsamt saß und sich fühlte wie einer unter Hunderten. Nummer ziehen, warten auf öden Amtsfluren, schnelle Abfertigung - "Eine entwürdigende Situation", so Fleigl, der derzeit an die 270 Menschen betreut. Die gute Nachricht: All das gebe es so nicht mehr. "Individuelle Beratungsgespräche führen wir nach Terminabsprache, Kunden warten höchstens fünf bis zehn Minuten auf ihren Berater", so der Job-Fachmann. Besonders viele Menschen kommen am Anfang oder Ende eines Monats, wenn die Kündigungen im Briefkasten lagen.

Oft müssen sich Kunden zunächst den Kummer über ihre Lebenssituation von der Seele reden, manchmal fließen auch Tränen. "Das muss am Anfang raus, dafür muss in einem Gespräch auch Raum sein", so Fleigl verständnisvoll. In Selbstmitleid verharren, sein eigenes Schicksal in die Hände der Agentur legen - nein, das gehe allerdings nicht. Die Mitarbeiter bewegen sich bei ihrer Arbeit auf einem schmalen Grat zwischen Mitgefühl, Ermunterung und sanftem Druck, bei den Bemühungen um einen neuen Job nicht nachzulassen. Wenn nötig, wird auch schon mal Klartext geredet: Wenn die Kleidung für ein Vorstellungsgespräch nicht angemessen oder das Auftreten allzu brummelig ist. Ein sensibler Bereich, bei dem Fingerspitzengefühl gefragt ist.

Ganz selten richtet sich der Frust über die Arbeitslosigkeit gegen die Mitarbeiter der Agentur. Erst einmal habe ihr ein Mann vorgeworfen, dass sie gar nicht wisse, wie es ihm gehe. Schließlich sitze sie ja auf der sicheren Seite des Schreibtisches, erinnert sich Ina Brockmann. "Doch das stimmt nicht. Ich mache den Job schon seit mehr als 15 Jahren, weiß es jeden Tag zu schätzen, dass ich eine Arbeitsstelle habe."

Sie ahnt, dass auch sie es mit Anfang 50 nicht leicht hätte, auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen, sollte ihr morgen gekündigt werden. "Ich möchte mit vielen Menschen nicht tauschen. Sie sind über 50, haben Kinder, müssen ein Haus abbezahlen. Obwohl sie hervorragend qualifiziert sind, finden sie keine neue Arbeit. Da muss in der Gesellschaft ein Umdenken stattfinden", sagt auch Fleigl.

Die Ansprüche der Unternehmen kennt Manuela Ernst sehr gut. Sie ist bei der Agentur für Arbeit für den Arbeitgeberservice zuständig und sucht für Unternehmen aus dem Pool der Arbeitssuchenden die passenden Kandidaten. "Die Ansprüche sind bei Stellenausschreibungen hoch, viele Firmen wollen davon auch nicht abweichen", so Ernst. Obwohl die wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen im Hamburger Osten besser seien als anderswo, hat die engagierte Mitarbeiterin zuweilen ein Problem: "Während viele Männer und Frauen hochqualifiziert sind und wegen ihres Alters keine Stelle finden, erfüllen wiederum andere die beruflichen Anforderungen erst gar nicht." Wirtschaftskrise, Kurzarbeit und Kündiungswellen machen es nicht leichter. "Wenn die wirtschaftliche Situation sich verschlechtert, bekommen wir das sofort zu spüren. Der Druck wird bis zu uns nach Reinbek weitergereicht. Umso mehr freut es mich, wenn wir einem Menschen helfen konnten", sagt Matthias Parbs.

"Ich mache den Job schon seit mehr als 15 Jahren und weiß es jeden Tag zu schätzen, dass ich eine Arbeitsstelle habe." Ina Brockmann, Arbeitsvermittlerin

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