Unser Adventskalender: 9. Tür

Wo das Herz des Schlosses schlägt

| Lesedauer: 3 Minuten
Anne Müller

Reinbek. Unter den Füßen von Holger Schepler knirschen die mehr als 400 Jahre alten Eichenstufen. Je höher er die Wendeltreppe im sechseckigen Schlossturm emporsteigt, desto lauter wird das rhythmische Ticken. Als würde ein riesiges Herz hinter der Holztür schlagen. Sie verschließt den Weg zur Turmspitze, wo die Zeit nie stehen bleibt.

Wir öffnen die Tür zum Schlossturm und steigen bis zum mechanischen Glockenschlag empor.

Es sei denn, der Hausmeister und ehrenamtliche "Glöckner" vergisst, die Turmuhr aufzuziehen. "Doch das ist noch nicht vorgekommen", versichert der 42-Jährige. Alle drei Tage erklimmen er oder sein Kollege Carsten Kirschke (51) die 66 Stufen und müssen aufpassen, dass sie sich hinter der Tür nicht an dem massiven Querbalken den Kopf stoßen.

Im knapp drei Meter breiten Turmhäuschen ist es feucht und kalt, der Ausblick über den Mühlenteich hat sicher schon der Schlosserbauer Herzog Adolf I von Schleswig-Holstein-Gottorf Ende des 16. Jahrhunderts genossen.

Reinbeks aktueller Turmchef hat mehr Augen für das Wunderwerk mechanischer Technik, das er am Laufen hält und das in einem unspektakulären weißen "Kleiderschrank" fast den ganzen Raum des Turmes einnimmt: eine Standuhr mit unzähligen Zahnrädern. Schepler erklärt, woher der Begriff "Aufziehen" kommt. Mit einer Kurbel werden die beiden schweren, eimergroßen Gewichte, die die Uhr und das Schlagwerk antreiben, heraufgezogen. "Dafür braucht man schon etwas Kraft", gesteht er. Das Uhrpendel unter dem gusseisernen, schwarzen, tischförmigen Gestell schlägt gleichmütig weiter, während Schepler die Zeit auf dem kleinen Kontrollzifferblatt kontrolliert. Es zeigt exakt die Stunden und Minuten wie auch die Uhr mit den römischen Ziffern am Turm. Jede halbe und alle volle Stunde schlägt der Hammer an die kleine Glocke unter der Dachhaube. Er ist mit einer komplizierten Mechanik mit der Uhr verbunden.

Wie lange Reinbekern auf diese wohlklingende Art bereits die Stunde schlägt, kann Schlossherr Bernd M. Kraske aus den Annalen nicht mehr rekonstruieren. Zu viele Kapitel und Umbauten hat das Haus im Laufe der Geschichte durchlaufen. "Vermutlich ist sie für das Hotel eingebaut worden, nachdem Wilhelm Specht das Objekt 1874 ersteigert hatte", sagt Kraske, der nicht glaubt, dass es schon vorher im Schloss eine Uhr gab. Obwohl, vielleicht schlug ja auch schon den Amtmännern, die hier nach den Herzögen residierten, die genaue Stunde. Der Neuschönningstedter Uhrmachermeister Alexander Stürmer, datiert den Bau der Pendeluhr auf den Anfang oder Mitte des 19. Jahrhunderts. Einem Hersteller ist sie nicht zuzuordnen: "Ich habe keine Initialen gefunden." Auseinanderbauen musste er das Uhrwerk noch nicht. Die Räder drehen sich verlässlich, solange man die Gewichte nicht hängen lässt. Aber dafür gibt es ja Reinbeks "Glöckner" und den heimlichen Gehilfen: "Alle Indizien sprechen dafür, das im Turm auch das Schlossgespenst seinen Wohnsitz hat", ist Kraske sicher.

Morgen öffnen wir auf der Wentorfseite das nächste Adventstürchen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Reinbek