Ausstellung

Zu Gast in Bethlehems Stall

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Susanne Holz

Reinbek. Wenn derzeit im Krankenhaus St. Adolf-Stift abends die Lichter in der Eingangshalle ausgehen und die Patienten in die Nachtruhe entschlummern, beginnt für Lothar Obst die schönste Zeit des Tages. "Ich tapse dann im Dämmerlicht allein durch die Halle, stelle meine Krippen auf und bin ganz in meiner Welt", sagt der kaufmännische Direktor.

Der leidenschaftliche Sammler hat in den vergangenen 24 Jahren 120 Stücke zusammengetragen.

Er bettet das Jesus-Kind gemütlich ins Stroh, zupft das Gewand der Maria zurecht, rückt die Hirten näher an die Krippe. 120 christliche Ensembles hat er bislang zusammengetragen, besondere Schmuckstücke sind derzeit in der Eingangshalle des Krankenhauses ausgestellt. Das Besondere: Die Krippen kommen nicht nur aus Deutschland. Zu sehen sind auch Darstellungen der heiligen Nacht aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Obst hat nicht jedes Land bereist, Freunde und Verwandte denken beim Auslandsbesuch an seine Leidenschaft, andere Krippen bekommt er in Spezialgeschäften.

Vor 24 Jahren hat ihn das befallen, was er den "Krippen-Virus" nennt. Ein Gegenmittel gibt es selbst in seinem Krankenhaus in Reinbek nicht. Im Gegenteil, es verbreitet sich unter Liebhabern traditionellen Handwerks immer weiter. "Schon die erste Ausstellung, die ich 1981 für die Schul- und Kulturabteilung der Stadt Mölln organisiert habe, besuchten 17 000 Menschen in sechs Wochen", erinnert sich Obst. Grund genug, weiter interessante Ausstellungsstücke zusammenzutragen. Professionelle Hilfe bekam er von Anfang an von den Bamberger Krippenfreunden. "Meine Frau und ich haben sogar in der Marienkirche in Bamberg geheiratet". Ein Traum für den Norddeutschen, denn diese Kirche ist international für ihre 25 Meter lange und mehrere biblische Szenen umfassende Krippendarstellung bekannt.

Seine Exponate in den Glasvitrinen des Krankenhauses sind weitaus filigraner, aber nicht weniger beeindruckend. Eine Krippe aus Peru zeigt beispielsweise fröhliche Menschen in traditioneller, farbenfroher Kleidung. Das Christuskind ist in buntes Leinen gehüllt. Aus Venezuela stammt eine einfache Krippe aus Ton. "Die fertigen die Menschen noch selbst, malen sie dann an", erklärt Obst. In einer anderen Szene lebt der Orient auf. Männer mit Turbanen und prachtvollen Gewändern bewundern das Jesuskind, das in einem goldenen Körbchen liegt. Doch die Darstellung ist eine kleine Schummelei, sagt der Kenner. "Diese Krippe sieht so aus, wie wir uns den Orient vorstellen. So ist es dort aber nicht", sagt Obst. Eine kleine Lektion für den aufmerksamen Betrachter, die eigenen Vorstellungen an der Realität zu überprüfen. Denn das eigentlich faszinierende an seinen Krippen aus aller Welt sei, dass sich darin jede Kultur widerspiegele. "Es geht schließlich nicht darum, dass man überall auf der Welt die gleiche Krippe nachbaut", sagt der Christ.

Unzählige Stunden hat Obst in Archiven verbracht, alles zusammengetragen, was es über Krippen zu wissen gibt. Es ist nicht wenig, schließlich reicht die Geschichte der Darstellung der Weihnachtsgeschichte mehr als 500 Jahre zurück. In Deutschland konnten Christen die erste Krippe 1601 in Altötting bewundern.

Warum sich an dieser Bewunderung und Anbetung für die Krippen in den vergangenen Jahrhunderten nichts geändert hat, ist für Obst klar: "Ich glaube, das Geheimnis liegt in der Einfachheit." Der Faszination der Figuren aus Olivenholz, Lerche, Ebenholz, Bambus, Speckstein sogar Porzellan könne sich kaum jemand entziehen. Liebhaber geben für manche sogar bis zu 2000 Euro aus. Im Januar wird Lothar Obst sich von seinen Figuren trennen müssen. Dann packt er sie sicher ein, lagert sie auf dem Boden. "Doch spätestens nach den Sommerferien beginne ich zu überlegen, welche Krippen ich Weihnachten wieder ausstelle."

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