Kultur

Tradition, die zur Bürde wird

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Hana Scheltat

Keine Experimente - das muss sich der Autor und Dramaturg John von Düffel gedacht haben, als er Thomas Manns "Die Buddenbrooks" als Bühnenfassung schrieb.

Und seine Rechnung vom puristisch-originalgetreuen Theaterstück geht auf, wie im Sachsenwald-Forum zu sehen war.

Von Düffel bricht die Familiensaga über den Aufstieg und den Verfall einer Lübecker Kaufmannsfamilie auf die Geschwister Antonie (Tony), Christian und Thomas herunter. Alle haben Schwierigkeiten, sich mit den Regeln ihrer traditionsreichen Familie zu arrangieren. Als Leitmotiv nutzt von Düffel die in Leder eingebundene Familienchronik, deren Präsenz sich wie ein roter Faden durchs Stück zieht. Empfinden der heranwachsende Christian und seine ältere Schwester Tony es in der ersten Szene noch als aufregende Abwechslung, im Familienstammbaum zu blättern, wird die Last der Tradition später zur Bürde.

Am schwersten hat es der Jüngste, Christian, gespielt von Jörg Walter. Seine Künstlernatur droht, die Familie in den Ruin zu stürzen. Thomas, nach dem Tod des Vaters, Oberhaupt der Buddenbrooks, verstößt Christian. Tony ist nach ihrer zweiten Scheidung in ihr Geburtshaus zurückgekehrt. In Thomas, überzeugt gespielt von Jan-Hinnerk Arnke, spiegelt sich der finanzielle und gesellschaftliche Verfall der Familie wider. Einst das stärkste und erfolgreichste der Geschwister, bricht er bald zusammen, degradiert zu einem zitternd schwitzenden Haufen Elend.

Manns menschenfreundliche Ironie, mit der er die Charaktere beschreibt, ließen das Publikum an manch einer Stelle auflachen. So parodiert Matthias Engel als Bendix Grünlich mit Leichtigkeit den übertrieben höflichen Hamburger Kaufmann, der hinter all seinem Enthusiasmus Dreck am Stecken hat. Hans Machowiak spielt beeindruckend schwermütig den feinfühligen Medizinstudenten und Tonys vorehelichen Liebhaber Morten Schwarzkopf. Klaus Mikoleit und Heidemarie Wenzel als das alternde Ehepaar Jean und Elisabeth Buddenbrook sind kühl und blind gegenüber der seelischen Zerrissenheit ihrer Kinder. Nadine Nollau brilliert als die bis ins Erwachsenenalter naive Antonie Buddenbrook, neben ihrem Bruder Christian die Einzige, die sich gegen Thomas' rücksichtslose Vorherrschaft zu wehren wagt.

Der Bühnenbildner Rolf Spahn kommt mit wenigen Details aus: ein Tisch, Stühle, ein abschüssiges Podest und ein Fenster. Einige übersprungene Partien des Buches werden als Text an Leinwände geworfen, Stummfilmbilder aus dem Lübeck um die Jahrhundertwende konstruieren Atmosphäre.

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