Vorsorge

Die "Pille danach" gibt es jetzt im Rathaus

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Anne Müller

Die Nähe zum Sachsenwald macht Reinbeks grünen Charme aus. Doch aus der Luft betrachtet wird auch deutlich, dass die Stadt nicht nur von Idylle umgeben ist: 17 Kilometer Luftlinie entfernt ragt der Reaktor des Atomkraftwerks Krümmel ins Bild.

In der Stadt werden für den Fall eines Atomunfalls jetzt Jodtabletten eingelagert.

. Sollte sich jemals dort ein schwerer Unfall ereignen, läge Reinbek in einer kritischen Zone.

Um gesundheitliche Schäden möglichst gering zu halten, würde den Einwohnern empfohlen werden, Jodtabletten einzunehmen. Bisher wurden diese beim Kreis in Bad Oldesloe deponiert. Auf Anraten der Strahlenschutzkommission wurden sie jetzt jedoch an die Stadt geschickt. Im Ernstfall könnten sie so schneller an die Betroffenen verteilt werden. Generell sollten die Jodtabletten zwei bis vier Stunden nach einem Atomunfall eingenommen werden, um die Anreicherung von radioaktivem Jod in der Schilddrüse zu blockieren und Späterkrankungen wie Krebs zu verhindern.

Wie die Verteilung im Einzelnen organisiert werden soll, kann Umweltamtsleiter Jürgen-Vogt-Zembol zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. "Wir werden im Notfall von den Kreisleitstellen informiert", weiß er bislang. Im Katastrophenfall würden Helfer vom Katastrophenschutz herangezogen werden.

Das Amt hat die 3800 Packungen a 20 Tabletten erst einmal an drei Ausgabestellen (siehe unten) verteilt. Sollten also im Ernstfall die Sirenen den Signalton "Rundfunkgeräte anschalten" ertönen lassen, können Reinbeker sich die Tabletten dort abholen.

Ob es im Falle einer Strahlenwolke, die sich bei ungünstigen Winden gen Reinbek ausbreitet, für die 26 000 Einwohner überhaupt Sinn mache, sich zu Fuß oder per Auto zu den Ausgabestellen zu begeben und dort womöglich im radioaktiven Nebel Schlange zu stehen, wollte Vogt-Zembol nicht kommentierten.

Der Nachbarkreis Herzogtum Lauenburg hat die Ausgabe anders organisiert. Dort wurden im vergangenen Jahr Bezugsscheine an die entsprechenden Personen ausgegeben, die kostenlos bei Apotheken eingelöst werden konnten.

Auch die "Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" empfehlen eine Verteilung direkt an die Haushalte, so der Sprecher Sven Hessmann. Eine Strahlenschutztablette gebe es zwar nicht, aber Schilddrüsenerkrankung könnten verhindert werden. Bei Menschen über 45 Jahren sei die Einnahme der hochdosierten Jodtabletten jedoch nicht unbedingt empfehlenswert. Da könne das Risiko für schwerwiegende Erkrankungen infolge der Einnahme höher sein als das Strahlenrisiko durch Einatmen von radioaktivem Jod.

Auch sei es eine Ermessensfrage, ob die Bürger das Haus bei einem Störfall verlassen sollten oder lieber Fenster und Türen geschlossen halten, bis sie entweder evakuiert werden oder Entwarnung gegeben wird, so Sven Hessmann.

* Abholstationen: Rathaus für Alt Reinbek und Ihnenpark, Feuerwehrgerätehaus Schönningstedt für Krabbenkamp und Neuschönningstedt südlich der Möllner Landstraße, Feuerwehrgerätehaus Ohe für Büchsenschinken und Neuschönningstedt nördlich der Möllner Landstraße.

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