1913

Vor 100 Jahren ging Glinde ein Licht auf

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Susanne Tamm

Historie: Zuerst war den Menschen der Strom nicht geheuer

Seit 100 Jahren steht die Stadt buchstäblich unter Strom - denn im Oktober 1913 wurden erstmals neun Haushalte in dem damaligen kleinen Dorf Glinde mit 130 Einwohnern mit elektrischer Energie versorgt. Licht, warmes Wasser oder heiße Herdplatte: Der Komfort, den Elektrizität bietet, ist für uns heute selbstverständlich. Kaum zu glauben, dass diese technische Errungenschaft die Glinder zuerst wohl eher mit Skepsis erfüllte, wie Hobby-Historiker Heinz Juhre betont: "Wie vor allen Neuerungen - beispielsweise der Eisenbahn - hatten die Leute zuerst Angst vor dem Strom. Sie verbanden Elektrizität und Licht mit Feuer und Unfallgefahren. Es hat gedauert, bis man sich an elektrisches Licht gewöhnt hatte und die Vorteile sah."

Der Reinbeker Kurt Griese, ebenfalls Freizeit-Chronist, beschreibt in seinem Aufsatz "Strom im Kuhstall - Glinde wird elektrisch" von 1984 wie es dazu kam, dass Glinde als kleines Dorf an das damals einzige Umspannwerk in Bargteheide angeschlossen wurde. Der Gutsbesitzer Franz Rudorff machte sich stark für die Elektrifizierung. Er berief 1910 eine Versammlung in Bad Oldesloe ein, um die Landwirte davon zu überzeugen, wie wichtig die Elektrifizierung sei. Dazu waren auch Fachleute und Eigentümer bereits elektrifizierter Höfe eingeladen. Damals sah man vor allem die Vorteile für Handwerk und Kleingewerbe.

1912 stimmte schließlich auch die Gemeindevertretung unter dem "alten" Hinrich Suck für eine elektrische Beleuchtung der Straßen, des Schulhauses und für neun Haushalte, darunter das Arbeiterhaus an der heutigen Dorfstraße. "Andere Häuser bestellten vermutlich nur deshalb eine 'Brennstelle', wie man das damals nannte, um nicht bei Rudorff in Ungnade zu fallen", sagt Juhre. Griese macht allerdings noch eine andere Rechnung auf: Strom war zuerst sehr teuer. Der Preis von 0,40 Mark für eine Kilowattstunde entsprach dem Stundenlohn eines Hilfsmonteurs, ein Monteur verdiente 0,65 Mark, ein Arbeiter nur 0,30 Mark. Kein Wunder, dass die sparsame Hausfrau trotz der Feuergefahr weiter das schwere Holzkohlenplätteisen schwang. Elektroherde waren fast unerschwinglich.

Kaum hatten sich die Vorzüge der Elektrizität herumgesprochen, wendete sich das Blatt: "Das war wie beim Fernsehen, plötzlich wollte das jeder im Haus haben", erzählt Juhre. 1913 gingen noch 21 weitere selbstständige Elektrizitätswerke im Kreis Stormarn in Betrieb.

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