Welt-MS-Tag

Bürgermeister erfährt Glindes Barrieren

Foto: Annett Habermann

Glinde. So unsicher erlebt man den Bürgermeister selten. Rainhard Zug sitzt im Rollstuhl und rollt damit ganz vorsichtig an die Ampel, die vom Mühlencenter über die Mühlenstraße führt. Bisher hat er den Bordstein vor ihm nie beachtet, wenn er schnell zum nächsten Termin lief.

Am Mittwoch wurde die wenig abgesenkte Kante für Zug zu einem kleinen Hindernis. Anlässlich des Welt-Multiple-Sklerose-Tages hatte er die Perspektive gewechselt und sich in einen Rollstuhl gesetzt, um zu erfahren, mit welchen Hindernissen Rollstuhlfahrer in Glinde kämpfen müssen. "Ich fühle mich unsicher", so sein Urteil.

Begleitet wurde der Rathauschef von Monika Dannehl. Die 46-jährige Glinderin leidet unter Multiple Sklerose und kann sich gut vorstellen, wie Rainhard Zug im Rollstuhl zumute war. Sie und andere Betroffene hatten das Gefährt zu einem Stand in die Marktpassage mitgebracht, an dem die MS-Selbsthilfegruppe Erkrankte und deren Angehörige informierte. "So ging uns das am Anfang auch. Man bekommt den Rollstuhl hingestellt und muss sehen, wie man klarkommt", sagt Dannehl.

Sie selbst hatte die Diagnose vor 15 Jahren bekommen. "Es begann schleichend, mit Taubheitsgefühlen und Muskelverkrampfungen", sagt die Diplom-Ingenieurin. Typisch für MS-Patienten ist der "betrunkene Gang" und damit die Angst vor den Blicken und Urteilen anderer Menschen. "Deshalb hatte ich mich erst mal ein Jahr lang völlig zurückgezogen." Über ihre Ängste und Beschwerden, Behördenkrieg und viele andere Dinge tauscht sie sich in der Selbsthilfegruppe aus, zu der mittlerweile etwa 20 MS-Patienten gehören.

Monika Dannehl kann kurze Strecken laufen, hat sich aber auch an den Rollstuhl gewöhnt. Bürgermeister Rainhard Zug nicht. Er stieß gestern auf manches Hindernis: Abgesenkte Bordsteine sind viel zu hoch, die Rampe am Mühlencenter zu steil und zu schmal. Und der Weg vom Oher Weg zum Rathaus beschwerlich. Zug machte auch die Erfahrung, dass die grünen Ampelphasen für Menschen mit Handicap kaum zu schaffen sind. Er versprach: "Ich werde das an die Bauverwaltung geben. Dann werden wir sehen, welche Maßnahmen kurz- oder langfristig möglich sind. An einem Bordstein etwas Asphalt aufzufüllen, sollte kein Problem sein."

Info: Multiple Sklerose

MS ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der die Weitergabe von Nervenimpulsen gestört ist. Symptome wie Taubheitsgefühle, Schmerzen, Seh- und Gleichgewichtsstörungen treten auf. Wie MS verläuft, ist nicht vorhersehbar. Nicht jeder Betroffene ist irgendwann auf den Rollstuhl angewiesen. Die Selbsthilfegruppe in Glinde trifft sich jeden 2. Freitag im Monat um 17 Uhr in der Praxis Brammer, Mühlenstraße 7. Kontakt über Monika Dannehl unter Telefon (040) 711 36 69.