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Erlebnisse im Schneechaos

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Jörg Ahrent

Glinde. Den Jahreswechsel 1978/79 werden die Menschen in Norddeutschland wohl nie vergessen: Sechs Tage lang fegte ein Blizzard über das Land, versank der Norden im Schnee. Der Verkehr kam flächendeckend zum Erliegen. Katastrophal war die Lage im Kreis Ostholstein, im Landesteil Schleswig sowie auf Rügen.

Im Osten Hamburgs kamen die Menschen hingegen ganz gut mit Schneemassen und arktischen Temperaturen klar.

Jugendliche Neugierde ließ den Bergedorfer Volker Burmester am dritten Tag der Schneekatastrophe nach Havighorst aufbrechen. Der 16-Jährige packte sich dick ein und schwang sich auf sein Mofa. "In Bergedorf war ja nichts passiert. Nun wollte ich gucken, wie es anderswo aussieht", erinnert sich Burmester. "Bis ich bei meinem Freund Peter Eggers auf dem elterlichen Bauernhof ankam, hat es ordentlich gedauert." Auf der Straße Heidhorst türmten sich die Schneemassen meterhoch. "Bergepanzer der Bundeswehr hatten aber eine Schneise frei geschoben", sagt Burmester. In Havighorst angekommen, inspizierten die beiden 16-Jährigen erst einmal "ihren" Käfer: "Wir hatten dort einen alten VW stehen, mit dem wir auf den Wiesen rum gefahren sind. Der hatte keine Fenster mehr. Nun war er randvoll mit Schnee."

Anschließend führte die Erkundungsfahrt von Burmester - vorbei an in Schneewehen feststeckenden Autos - nach Reinbek. Dort lebte am Dornröschenweg seine Oma. "Die war damals 70. Aber sie hatte als einzige eigenhändig den Fußweg von den Schneemassen befreit!" Nach einem Tee zum Aufwärmen ging es dann zurück nach Hause.

Als "reines Vergnügen" erinnert Peter Hartmann aus Oststeinbek das Schneechaos. "Zur Silvesterfeier war ich bei Freunden in Volksdorf eingeladen." Aufgrund der Wetterlage entschied sich der damals 38-Jährige für Langlaufski als Fortbewegungsmittel. "Ich lebte in Havighorst. Von da ging es über Gut Domhorst und Willinghusen Richtung Stapelfeld", erzählt Hartmann. Im Stapelfelder Hof kehrte er ein, um sich zu stärken. "Dann folgte das schwierigste Stück des Weges, denn Lücken in den Knicks ließen dem Wind freie Bahn. Die Schneewehen waren gewaltig." Beim Überqueren der Wehen verlor Hartmann eine Skibindung. "Ich kämpfte mich bis zur nächsten geräumten Straße, auf der bis zur U-Bahn-Station Ahrensburg-West durch. Mit U-Bahn und Taxi erreichte ich schließlich die Wohnung meiner Freunde. Ich hatte viel zu erzählen."

Es kommt der Glinderin Anke Wauker vor, als wäre es erst gestern gewesen, wenn sie an den Jahreswechsel vor 30 Jahren denkt. "Mein Sohn René hat am 28. Dezember das Licht der Welt erblickt", erzählt sie mit einem Leuchten in den Augen. "Als mich meine Schwägerin ins Krankenhaus nach Reinbek fuhr, regnete es noch wie aus Eimern." Das änderte sich im Laufe des Tages, es begann zu schneien."

In den kommenden Tagen fielen die Flocken dann ohne Unterbrechung. "Mein Mann hatte Probleme, uns im St. Adolf-Stift zu besuchen", erinnert sich Wauker. Zum Jahreswechsel lag der Schnee dann so hoch, dass werdende Mütter teilweise mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden mussten, andere das Krankenhaus nicht verlassen konnten. "Ich war froh, dass ich meinen kleinen René bei mir hatte."

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