Bundestagswahl

„Ich biete offenbar sehr viel Angriffsfläche“

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Lutz Kastendieck
War in den vergangenen Wochen auf den Marktplätzen der Region und an vielen Haustüren unterwegs: Nils Bollenbach.

War in den vergangenen Wochen auf den Marktplätzen der Region und an vielen Haustüren unterwegs: Nils Bollenbach.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Wer schafft den Sprung in den Bundestag? Das Abendblatt stellt Direktkandidaten vor. Heute: Nils Bollenbach (Grüne), WK 8.

Bargteheide.  Unlängst haben Unbekannte versucht, sein mannshohes Wahlplakat vor dem Ortsbüro der Grünen am Bargteheider Bahnhof anzuzünden. „Ist ihnen aber nicht gelungen“, sagt Nils Bollenbach. Die Hohlkammer-Plakate aus Polypropylen seien nämlich nicht nur stabiler und widerstandsfähiger als ihre Pappkameraden, sie würden auch nicht so schnell Feuer fangen. Dass Wahlplakate beschmiert, verunstaltet oder anderweitig beschädigt werden, daran hat sich der Grünen-Direktkandidat im Wahlkreis 8 Segeberg/Stormarn-Mitte längst gewöhnt. „Das versuchte Abfackeln offenbart aber schon noch mal ein besonderes Aggressionspotenzial“, findet der 20-Jährige. Es führe in stillen Momenten zu einem Gefühl der Bedrohung, das sich dann nicht so leicht abschütteln lasse.

Nils Bollenbach bietet offenbar viel Angriffsfläche, dessen ist er sich bewusst. „Ich bin schwul, behindert und ein Grüner, das hat die krasse Ablehnung meiner Person spürbar potenziert. Insbesondere seit ich im vorigen Herbst meine Kandidatur für den Bundestag bekanntgegeben habe“, sagt der junge Mann, der erst im vergangenen Jahr erfolgreich sein Abitur am Eckhorst Gymnasium absolviert hat.

Homosexuell und Asperger-Autist

Bereits während der Schulzeit in Bargteheide sei er wegen seiner Homosexualität und der Begleiterscheinungen des Asperger-Syndroms, einer speziellen Form des Autismus, immer wieder gemobbt und ausgegrenzt worden. Das habe sich erst mit seinem Wechsel ans Gymnasium gebessert, wo er mit anderem Selbstbewusstsein sogar zum Klassensprecher gewählt worden sei.

„Politik fand ich schon immer cool“, gibt er zu Protokoll. Die Aussicht, wichtige Themen bewegen und forcieren zu können, seien Hauptantrieb für sein politisches Engagement. Vor allem in der aktuellen Bildungspolitik, der Inklusion und dem Klimaschutz liege aus seiner Sicht sehr vieles im Argen, das angepackt und verändert werden müsse.

Demonstrieren allein genügt vielleicht nicht

Deshalb hat Bollenbach in Bargteheide bereits 2018 eine Ortsgruppe der Jugendbewegung Fridays for Future gegründet, deren Sprecher er noch immer ist. Für kommenden Freitag hat er jüngst zu einem Radkorso von Bargteheide nach Bad Oldesloe aufgerufen, wo ab 15 Uhr eine Demonstration vor dem Kreistagsgebäude geplant ist.

„Alle reden inzwischen über den Klimaschutz, aber keiner macht etwas“, sagt Bollenbach. Die Bundestagswahl sei so entscheidend, um endlich mehr Klimaschutz durchzusetzen. Sollte es wieder zu einer Regierung kommen, die an völlig verspäteten Zielen festhalte, reiche Demonstrieren womöglich nicht mehr aus. „Entweder wird unsere Bewegung radikaler, um die Politik endlich zu mehr Einsatz zu bewegen. Oder wir machen die nötige Politik selbst, indem wir eine starke Kraft im Bundestag werden“, lautet sein Credo.

Kampf gegen Klimawandel hat oberste Priorität

Das meint er absolut ernst. Deshalb hat er alle persönlichen Berufspläne vorerst zurückgestellt. Über ein Kunst- oder Schauspielstudium will er sich erst wieder Gedanken machen, wenn er als Kandidat für Mandate in der ersten Liga des Politikbetriebs gescheitert ist. „Der Kampf gegen den Klimawandel hat für mich momentan oberste Priorität. Dahinter muss alles andere erst einmal zurückstehen“, sagt der passionierte Fotograf und Filmemacher, der beim Deutschen Generationenfilmpreis für seinen Debüt-Dokumentarfilm „Die Ehe meiner Großeltern“ gerade geehrt worden ist.

Im Alltag geht er selbst mit gutem Beispiel voran. Großvater Hans wollte ihm eigentlich zum Abitur mit einer anständigen Geldspritze zum ersten eigenen Auto verhelfen. Das hat der Enkel aber dankend abgelehnt. Das Geld hat er stattdessen lieber in ein hochwertiges E-Bike investiert, um im Wahlkampf mobiler sein zu können.

An mehr als 1000 Haustüren für seine Wahl geworben

„Mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, ist nicht nur viel umweltfreundlicher, es hat auch meiner Fitness gutgetan“, berichtet Bollenbach. Innerhalb eines Jahres habe er sich insgesamt 70 Kilo abgestrampelt und fühle sich jetzt so fit wie nie zuvor. Selbst für Wahlkampftermine im benachbarten Kreis Segeberg steigt der Jungpolitiker aufs Rad und hat auf diese Weise schon knapp 900 Kilometer zurückgelegt.

„Nur für lange Strecken und bei schlechtem Wetter borge ich mir mal das Auto meiner Eltern aus“, so der überzeugte Antialkoholiker und Nichtraucher. Und für Touren mit seiner geliebten Großmutter Ursula, die nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt. Sie ist sein größter Fan und untröstlich, dass sie den Enkel als Hamburgerin nicht wählen kann. „Meine Erststimme hätte er auf jeden Fall bekommen“, sagt die 80 Jahre alte Katholikin, die ansonsten eine erzkonservative CDU-Wählerin ist.

Schon dreimal freiwilliger Wahlhelfer gewesen

In den vergangenen vier Jahren seit 2017 war Nils Bollenbach dreimal freiwilliger Wahlhelfer. Dass er nun erstmals selbst zur Wahl steht, kommt ihm zuweilen noch immer unwirklich vor. Andererseits habe er in den vergangenen Wochen im Wahlkampf auf Marktplätzen und an mehr als 1000 Haustüren alles gegeben, um Seriensieger Gero Storjohann (CDU) erfolgreich herauszufordern und tatsächlich den Sprung ins wichtigste deutsche Parlament zu schaffen. „Wenn mir das am kommenden Sonntag gelingt, ginge ein großer Traum in Erfüllung“, sagt er.

Dass ihm das viele, vor allem Jüngere, zutrauen, hat sich bereits im vergangenen Jahr gezeigt. In einer Umfrage für die Eckhorster Abi-Zeitung nach jenem Schüler, dem am ehesten zugetraut wird, deutscher Bundeskanzler zu werden, wurde ein Name öfter genannt als alle anderen: Nils Bollenbach.

Info: Habeck war Türöffner zu den Grünen

Nils Bollenbach wurde am 23. November 2000 in Bad Oldesloe geboren.

Eine Lesung von Robert Habeck 2017 im Kleinen Theater Bargteheide hat das ehemalige Mitglied des Landesschülerparlaments für die Grünen begeistert.

Im Juni 2017 ist er der Partei beigetreten, hat sich erst im Ortsvorstand engagiert und wurde ein Jahr später auch in den Kreisvorstand berufen.

Der Schauspieler und Filmemacher, der unter anderem als Komparse bei der ZDF-Serie „Notruf Hafenkante“ mitwirkte, ist homosexuell und gehörte zu den Mitbegründern des queeren Netzwerks Stormarn. Bollenbach ist Fan der britischen Metropole London und steht auf Shakespeare.

( luka )

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