Datenschutz

Stormarns Kreisarchiv sperrt Tausende Datensätze

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Lutz Kastendieck
Stormarns Kreisarchivar Stefan Watzlawzik und seine Mitarbeiterin Sarah Walter zeigen eine historische Sparkassen-Gedenkschrift und eine Ausgabe des „Oldesloer Landboten“.

Stormarns Kreisarchivar Stefan Watzlawzik und seine Mitarbeiterin Sarah Walter zeigen eine historische Sparkassen-Gedenkschrift und eine Ausgabe des „Oldesloer Landboten“.

Foto: Kreis Stormarn

Nach einer Beschwerde werden 300.000 digitale Akten auf Konflikte mit Urheber- und Persönlichkeitsrechten Dritter geprüft.

Bad Oldesloe.  Der Datenschutz erweist sich in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung in vielen gesellschaftlichen Bereichen als heikles Feld mit vielen Stolperfallen. Diese Erfahrung mussten jetzt auch die Mitarbeiter des Kreisarchivs Stormarn in Bad Oldesloe machen. Unlängst hat ein Bürger seine Anwälte eingeschaltet, weil sich in einem frei einsehbaren Datensatz des Archivs seiner Ansicht nach zu viele persönliche Informationen über ihn fanden.

Hochzeitsfoto kann schon zum Problemfall werden

„Wir konnten den Fall inzwischen zwar außergerichtlich und einvernehmlich lösen, nehmen ihn aber zum Anlass, jetzt rund 300.000 digitalisierte Archivalien auf den Prüfstand zu stellen“, sagte Kreisarchivar Stefan Watzlawzik unserer Redaktion. Untersucht werde dabei, ob die Dateien die geltenden Datenschutzvorschriften erfüllen, wenn wir sie zugänglich machen.

Laut Watzlawzik ist das ein sehr komplexes Thema, weil auch Archive sicherstellen müssen, dass es bei der Bereitstellung von digitalen Daten zu keinen Konflikten mit Urheber- und Persönlichkeitsrechten Dritter kommt. „So kann zum Beispiel ein simples Hochzeitsfoto ohne Sperrvermerk aus einer Zeitung zum Problemfall werden, wenn sich das einst glückliche Paar vielleicht längst getrennt hat“, erklärt Watzlawzik.

Zahl von Abmahnverfahren hat deutlich zugenommen

Verschärft werde die gesamte Thematik noch dadurch, dass immer mehr Kanzleien Urheber- und Rechtsverstöße in Medien aller Art als lukratives Geschäftsfeld für sich entdeckt hätten. Infolge dessen sei es allerorten zu einer deutlichen Zunahme von Abmahnverfahren gekommen.

„Dabei werden teilweise finanzielle Forderungen erhoben, die vollkommen unverhältnismäßig sind“, so der Archivar. Deshalb wünsche er sich auch für Deutschland eine Art „Fair Use“-Prinzip, wie es etwa in den USA praktiziert werde. Dort wird eine nicht autorisierte Nutzung von geschütztem Archivmaterial durchaus zugestanden, sofern sie der öffentlichen Bildung sowie Wissenschafts- und Forschungszwecken dient.

Forschungsbedarf muss nachgewiesen werden

Weil es solch eine Rechtsauffassung hierzulande aber noch nicht gibt, tragen neuerdings nicht nur Besucher des Kreisarchivs Stormarn Maske, sondern auch zahlreiche Datensätze. Sobald die verschleierte Onlinevorschau mit einem Schlosssymbol gekennzeichnet ist, muss der interessierte User seinen Forschungsbedarf und sein Recherchethema exakt belegen. „Nach einem digitalen Antrag und der entsprechenden Prüfung erhält er dann einen Link und ein persönliches Passwort, mit dem ihm ein begrenzter Zugriff auf sensible Dateien gewährt wird“, erklärt Watzlawzik.

Betroffen vom Spannungsfeld zwischen Forschungsfreiheit und Datenschutz sind insbesondere Texte, Fotos und weitere Aufzeichnungen zu lebenden Personen, soweit es sich nicht um Personen des öffentlichen Lebens handelt. „Bei Privatpersonen muss vor jeder Herausgabe von Unterlagen oder Bildern einzeln abgefragt werden, ob derjenige einverstanden ist“, so Watzlawzik weiter. Das sei jedoch ein Aufwand, der kaum umsetzbar sei. Deshalb könne der Zugriff auf solche Datensätze erst nach Erfüllung bestimmter Bedingungen gestattet werden.

Erst fünf Prozent des Archivbestands sind digital

Dennoch bleibe die Abwägung, ob ein öffentliches Forschungsinteresse höher zu bewerten sei als das individuelle Recht auf Datenschutz ein schwieriges Unterfangen, sagt der Kreisarchivar. Doch nur so könne ein Archiv seiner grundsätzlichen Aufgabe gerecht werden, Unterlagen mit langfristiger Bedeutung zu sichern und sie den Bürgern für Fragen, Recherchen und Forschungsbedarf zur Verfügung zu stellen.

In den kommenden Wochen und Monaten werden nur alle digitalen Daten nach und nach geprüft. Das sind zwar nur fünf Prozent des gesamten Archivbestands. Dennoch umfassen die so genannten Digitalisate inzwischen mehr als eine Million Scans. Und wie so oft, steckt auch hier der Teufel nicht selten im Detail. „So kann ein simples Protokoll auf den ersten Blick vollkommen unbedenklich sein, aber irgendein Anhang sensible und urheberrechtlich problematische Daten beinhalten“, erläutert Watzlawzik.

Vor allem Zeitungsartikel bedeuten großen Prüfaufwand

Besonders aufmerksam müssten etwa Zeitungsartikel geprüft werden, bei denen durch Autor, Fotograf und gegebenenfalls verwendete Sekundärquellen häufig gleich mehrere Rechteinhaber betroffen sein können. „Natürlich ist dadurch der Prüfaufwand groß. Dennoch arbeiten wir eifrig an der Freigabe von weiterem Archivgut“, verspricht Kreisarchivar Stefan Watzlawzik.

Etwa ein Drittel des digitalen Datenbestands ist wieder freigegebenen. Dazu gehören unter anderem 16.000 Eisenbahnfotos aus der einzigartigen Sammlung eines Nachlassgebers. Sicher eine gute Nachricht für alle Eisenbahnromantiker im Kreis. Von denen es laut Watzlawzik in Stormarn auffällig viele gibt.

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