Erfahrungsbericht

Ammersbek: Schülerin kehrt nach sechs Monaten auf See zurück

| Lesedauer: 6 Minuten
Filip Schwen
Wieder vereint: Nach sechs Monaten auf See konnten Corinna (l.) und Frank Horstmann Tochter Lena zu Hause in Empfang nehmen.

Wieder vereint: Nach sechs Monaten auf See konnten Corinna (l.) und Frank Horstmann Tochter Lena zu Hause in Empfang nehmen.

Foto: Privat

16-Jährige segelte mit anderen Zehntklässlern auf der „Thor Heyerdahl“ über den Atlantik. Sie bekam von der Coronapandemie wenig mit.

Ammersbek. Eineinhalb Monate hat Lena Horstmann keinen festen Boden unter den Füßen gehabt, als sie im Kieler Hafen von Bord geht. Sechs Monate segelte die 16 Jahre alte Ammersbekerin mit der „Thor Heyerdahl“ über den Atlantik, zuletzt wegen der Coronapandemie 47 Tage ohne Landgang. Unter strengen Hygieneauflagen kehrten die 34 Schüler des „Klassenzimmers unter Segeln“ jetzt nach Hause zurück.

Zehntklässler erhalten Schulunterricht auf Segelschoner

„An den Sicherheitsabstand muss ich mich erst noch gewöhnen“, sagt Lena Horstmann. Ein halbes Jahr hat sie gemeinsam mit den anderen Zehntklässlern auf engem Raum zusammengelebt. An Bord des Toppsegelschoners aus dem Baujahr 1930, der nach dem norwegischen Forschungsreisenden und Abenteurer Thor Heyerdahl benannt ist, lernten die Jungen und Mädchen nicht nur die Segelmanöver und den Seemannsalltag kennen, auch den Schulunterricht erhielten sie an Deck.

Der Törn führte die Jugendlichen von Kiel über Marokko, Teneriffa, die Karibik, Panama, Kuba, die Bermudas und die Azoren zurück in die Fördestadt. Neun Besatzungsmitglieder und sechs Lehrer waren mit an Bord. Bei dem Projekt der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen erforschen Wissenschaftler der Hochschule das Lern- und Sozialverhalten der Jugendlichen.

„Wir waren das letzte Klassenzimmer in Deutschland, in dem noch gelernt wurde“, sagt Lena Horstmann mit einem Schmunzeln. „Das war schon ein merkwürdiges Gefühl.“ Lange hätten sie an Bord der „Thor“ wenig von der Coronakrise zu Hause mitbekommen. „Auf See haben wir nicht täglich die Nachrichten verfolgt.“ Erst als die „Thor Heyerdahl“ auf den Azoren eintrifft, wird das Virus für die Besatzung zum Problem.

Nach der Atlantiküberquerung werden Vorräte knapp

Die „Thor“ geht vor der Inselgruppe vor Anker, die Crew möchte dort die Proviant- und Dieselvorräte aufstocken. „Nach der Atlantiküberquerung wurden die Reserven knapp“, sagt Lena Horstmann. Doch wegen der Quarantänevorschriften dürfen die Reisenden das Schiff nicht verlassen.

„Wir haben eine Bestellung aufgegeben. Hafenarbeiter haben alles am Pier deponiert und wird mussten die Kisten mit Handschuhen und Overalls über die Reling an Bord ziehen“, erzählt die 16-Jährige. Alle Lebensmittel seien gewaschen, anschließend für drei Tage in Quarantäne verwahrt worden. „Das war schon abenteuerlich“, meint Lena Horstmann.

Auch alle weiteren Landaufenthalte werden gestrichen. Bis zur Ankunft in Kiel darf die Besatzung das Schiff 47 Tage lang nicht verlassen, eine Belastungsprobe, die selbst die 25 Tage an Bord während der beiden Atlantiküberquerungen übersteigt. „Das war hart, aber nach sechs Monaten war die Thor unser Zuhause geworden und an den wenigen Platz an Bord hatte ich mich schon gewöhnt“, sagt Lena Horstmann zum Abendblatt. Die Stimmung sei trotz allem gut gewesen.

Projektleiterin stimmt mit Behörden Auflagen ab

Widrige Windverhältnisse zwingen die Besatzung, trotz Corona-Auflagen einen zusätzlichen Stopp in den Niederlanden einzulegen. „Wie hatten die gesamte Etappe durch den Ärmelkanal und über die Nordsee Gegenwind, mussten viel mit Motor fahren“, so die Ammersbekerin. „Daher haben die Dieselvorräte nicht ausgereicht. Ohne den außerplanmäßigen Halt hätten wir es nicht nach Hause geschafft.“

Durch den Nordostseekanal nimmt die „Thor“ Kurs auf Kiel. Während die Jugendlichen bei der letzten von drei Schiffsübergaben selbst das Steuer übernehmen und ihre neu erworbenen Kenntnisse in Nautik und Manövern beweisen müssen, stimmt die Projektleiterin, die Kieler Wissenschaftlerin Ruth Merk, mit den Gesundheitsämtern die Auflagen für die Ankunft ab.

Heimkehrer müssen nicht in zweiwöchige Quarantäne

Die Eltern der Jungen und Mädchen, die aus ganz Deutschland kommen, benötigen eine Sondergenehmigung, um nach Schleswig-Holstein einreisen zu können und ihre Kinder abzuholen. Mit Mundschutz und einem Schreiben des Gesundheitsamtes in der Hand stehen die 34 Elternpaare an der Kieler Förde, als die „Thor Heyerdahl“ in den Hafen einläuft. Auf dem Pflaster sind im Abstand von zwei Metern quadratische Areale markiert, von denen aus die Eltern die Ankunft verfolgen dürfen.

An Bord liegen sich die Jugendlichen zum Abschied in den Armen. 24.076 Kilometer haben die Jungen und Mädchen in 189 Tagen zurückgelegt, neun Länder gemeinsam bereist. Anschließend herrscht ein striktes Kontaktverbot. „Wir mussten das Schiff einzeln verlassen und direkt zu unseren Eltern gehen“, sagt Lena Horstmann.

Für Heimkehrer sind die Einschränkungen noch neu

Die übliche Willkommensfeier mit Reden und Beiträgen von Eltern und Schülern fällt in diesem Jahr aus. Immerhin: In zweiwöchige Quarantäne muss die Ammersbekerin nicht. „Zum Glück wurden die 47 Tage an Bord ohne Außenkontakt vom Gesundheitsamt als Quarantäne akzeptiert“, sagt Mutter Corinna Horstmann zum Abendblatt. „Das Schiff ist derzeit wohl einer der sichersten Orte“, sagt sie mit Blick auf die Coronapandemie.

Für Lena Horstmann sind die Einschränkungen zur Eindämmung der Coronapandemie neu. „Wir werden ins kalte Wasser geschmissen“, sagt die 16-Jährige. „Bei der Abreise war alles normal und jetzt kehren wir in ein vollkommen anderes Land zurück.“ Auch an das Homeschooling müsse sie sich erst gewöhnen, sagt die Ammersbekerin, die die zehnte Klasse der Anne-Frank-Schule in Bargteheide besucht.

Erlebnisse und Andenken müssen sortiert werden

„Durch die Ausgangsbeschränkungen hab ich jetzt viel Zeit, meiner Familie von der Reise zu erzählen“, sagt Lena Horstmann. Sie sei noch „voll von den ganzen Eindrücken“. Das „Klassenzimmer unter Segeln“ sei eine einzigartige Erfahrung gewesen, die sie bisweilen auch an ihre Belastungsgrenzen geführt habe. „Wir mussten lernen, auf engem Raum zu leben, mit dem Nötigsten auszukommen und Verantwortung zu übernehmen“, sagt die Ammersbekerin.

Nicht nur die Erlebnisse muss die 16-Jährige erst noch sortieren, sondern auch die zahlreichen Andenken, die sie von jeder Station der Reise mitgebracht hat. Ein Souvenir bekommt einen besonderen Platz in ihrem Zimmer: „Eine Kokosnussschale“, sagt Lena Horstmann. „Ich hab sie kurz nach der Ankunft in der Karibik geknackt, es war die erste selbst geöffnete Kokosnuss, die ich gegessen habe“, sagt sie. „Wenn ich die Schale ansehe, habe ich den weißen Sandstrand vor Augen und die Palmen und fühle mich, als sei ich wieder in der Karibik.“

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