Stormarn
Bürger leisten Widerstand

Bündnis gegen rechts hilft Sülfelder Pastor

Hendrik Holtz vom Oldesloer Bündnis gegen rechts (l.) im Gespräch mit dem Sülfelder Pastor Steffen Paar.

Hendrik Holtz vom Oldesloer Bündnis gegen rechts (l.) im Gespräch mit dem Sülfelder Pastor Steffen Paar.

Foto: Finn Fischer

Oldesloer Initiative unterstützt Steffen Paar bei Aktivitäten gegen Neonazis. An diesem Sonnabend ist eine Demo in Bad Segeberg geplant

Bad Oldesloe/Sülfeld. Neonazis verbreiten in einem Dorf direkt an der Stormarner Kreisgrenze Angst, doch Menschen in Sülfeld leisten Widerstand. Nach einer Großdemonstration am Wochenende zuvor hatte der örtliche Pastor Steffen Paar am Reformationstag einen Spaziergang organisiert, um erneut Stärke gegen rechts zu zeigen. Rund 300 Menschen kamen. Offenbar auch ungebetene Gäste. An vier Fahrzeugen wurden die Reifen zerstochen. In einem Gespräch mit dem Geistlichen informierte sich Hendrik Holtz vom Oldesloer Bündnis gegen rechts über die Lage und berichtete über eigene Erfahrungen mit rechter Gewalt und Neonazi-Strukturen im Kreis Stormarn. Das Hamburger Abendblatt war dabei.

Malerisch liegen das Gemeindehaus und die Sülfelder Pfarrei neben der alten Backsteinkirche im Dorfzentrum. Es ist ein heller Herbsttag. Doch der Frieden im Ort ist gestört. Seit ein paar Wochen terrorisiert eine Neonazi-WG viele Sülfelder. Erst waren es nur Aufkleber, die für einen sogenannten „Aryan Circle“ werben. Dann gab es Gewalt. Eine 48-jährige Frau und ein 56-jähriger Mann wurden angriffen, als sie die mutmaßlich von Marcel S., Marie-Christin P. und Daniel S. geklebten Botschaften von den Straßenlaternen und Hauswänden entfernen wollten. Die Polizei ermittelt wegen schwerer Körperverletzung.

Auch das Landesamt für Verfassungsschutz ist alarmiert. Die drei Personen stehen in Verbindung mit dem bekannten Neonazi Bernd T., der unter anderem bereits wegen Totschlags und anderer Gewaltdelikte verurteilt wurde. Jetzt will der gebürtige Segeberger offenbar eine Gruppe namens Aryan Circle Nord (AC Nord) aufbauen.

Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr allein nach draußen

Wie T. machen auch Daniel S. und seine Mitbewohner in Sülfeld keinen Hehl aus ihrer rassistischen und menschenverachtenden Einstellung. Ein Foto beispielsweise, das auch dem Hamburger Abendblatt vorliegt, zeigt unter anderem das Pärchen Marcel S. und Marie-Christin P. gemeinsam mit T. und anderen Gleichgesinnten auf dem Segeberger Friedhof. Aufgenommen wurde das Bild am 17. August, dem Todestag des NS-Verbrechers Rudolf Hess. Ein anderes Foto zeigt Bernd T., Marie-Christin P. und Marcel S. bei der „Michel, wach endlich auf!“-Kundgebung in Hamburg.

Steffen Paar ist schon von Berufs wegen tolerant. Doch auch die Geduld des Pastors hat Grenzen. Dann, wenn eine kleine Gruppe Unfrieden in seine Gemeinde bringt. Deutlich äußerte sich der Geistliche bei mehreren Gelegenheiten zu den Aktivitäten im Dorf. Auch auf der Tür des Gemeindehauses klebt einer der „Aryan Circle“-Aufkleber. Den abgepulten Rändern nach zu urteilen, hat bereits jemand versucht, ihn zu entfernen. Pastor Paar war es nicht: „Ich will, dass die Leute sehen, worum es hier geht.“

Zusammen mit Hendrik Holtz vom Bündnis gegen rechts sitzt Steffen Paar in seinem Büro. Seine Robe hängt an der Wand. Stattdessen trägt er ein Superman-T-Shirt. Irgendwie passend. „Ich habe schon überlegt, persönlich Kontakt mit der Gruppe aufzunehmen. Ergeben hat sich das bislang nicht“, erzählt Paar. Es gehe ihm aber vor allem darum, den Sülfeldern die Angst zu nehmen. „Hysterie hilft ja nichts“, sagt der Pastor. Eltern ließen ihre Kinder nicht mehr allein nach draußen, andere gingen Umwege, um den Personen nicht auf der Straße zu begegnen. Er versuche seit Tagen, die Menschen in seiner Gemeinde zu beruhigen.

Auch Hendrik Holtz wurde schon von Rechten attackiert

Angst zu verbreiten, sei die größte Waffe von Neonazis, sagt Hendrik Holtz: „Doch den Triumph sollte man diesen Menschen nicht geben.“ Auch er selbst sei bereits von Rechten angegriffen worden. Einmal wurde Holtz vom Fahrrad getreten, ein anderes Mal lauerten ihm in Reinfeld nach einer Demonstration sogenannte Autonome Nationalisten auf. Dort gab es vor rund 15 Jahren eine ähnliche Gruppe, die immer wieder mit rechtsextremen Gewalttaten auf sich aufmerksam machte.

„Lange haben Bürgermeister und Politik nicht sehen wollen, dass es hier ein Problem mit Neonazis gibt“, berichtet der Bündnis-Sprecher. Sülfeld habe sofort ein deutliches Signal gesendet. Außerdem sei es wichtig, das Problem öffentlich als solches zu benennen. Sollte Sülfeld weitere Aktionen planen, hat das Bündnis gegen rechts seine Unterstützung zugesagt.

Rekrutierungsversuche sollen an Schulen verhindert werden

Aber auch Hendrik Holtz versucht zu beruhigen: „Ich rechne zum jetzigen Zeitpunkt nicht damit, dass die mit ihren Freunden marodierend durchs Dorf ziehen werden oder es schaffen, eine ernstzunehmende Kameradschaft aufzubauen.“

Dennoch haben sich auch Schulen im 15 Autominuten von Sülfeld entfernten Bad Oldesloe bereits auf mögliche Besuche der Neonazis eingestellt. Lehrkräfte wurden sensibilisiert und sollen Rekrutierungsversuche sofort melden. In Segeberg hatte T. bereits versucht, Schüler für seinen „Arischen Zirkel“ zu rekrutieren. Am Berufsbildungszentrum erhielt er Hausverbot.

Die Initiative „Segeberg bleibt bunt“ ruft für diesen Sonnabend, 9. November, ab 13 Uhr zu einer Demonstration gegen die rechtsextreme Gruppe auf. Start ist an der Kurhausstraße 1.