Stormarn
Kurzfilm

Euthanasie: Oldesloer Schüler erinnern an Nazi-Gräuel

Die Bargteheiderin Emma Franke wurde 1937 durch die Nationalsozialisten zwangssterilisiert. Das Foto zeigt sie mit sechs ihrer Kinder.

Die Bargteheiderin Emma Franke wurde 1937 durch die Nationalsozialisten zwangssterilisiert. Das Foto zeigt sie mit sechs ihrer Kinder.

Foto: Kreisarchiv Stormarn

Elftklässler des Beruflichen Gymnasiums Bad Oldesloe stellen Stormarner NS-Opfer in einem Kurzfilm vor. Kreis und Land fördern.

Bad Oldesloe. Paul Feddern, Emma Franke, Christian Finnern – die Stormarner waren drei von rund 400.000 Menschen, die unter den Nationalsozialisten Opfer einer Zwangssterilisierung wurden. Schüler der Klasse WG18e der Beruflichen Schule Bad Oldesloe haben anhand historischer Akten aus dem Kreisarchiv nun deren Leidensweg rekonstruiert. Die Ergebnisse präsentieren die Elftklässler in einem selbst gedrehten 15-minütigen Dokumentarfilm.

„Als wir die alten Akten bekommen haben, waren wir zuerst nicht begeistert“, geben die Zwillinge David und Stefan Justus (17) zu. „Das hat sich aber schnell geändert, als uns bewusst wurde, welche Relevanz das Thema hat“. Im Herbst 2018 trat Eva Ammermann an das Berufliche Gymnasium in Bad Oldesloe heran. Die Künstlerin ist eine von 80 Kulturvermittlerinnen in Schleswig-Holstein. „Ich war bei einer Recherche im Kreisarchiv auf die Euthanasie-Akten gestoßen und wollte Schüler für das Thema sensibilisieren“, sagt sie. Gemeinsam entstand die Idee zu einem Film.

Tests sollten Probanden scheitern lassen

Im Vordergrund standen Opfer der Zwangssterilisierung. „So bezeichnet man die Unfruchtbarmachung von Menschen ohne deren Einwilligung“, erklärt eine Schülerin in dem Video. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten von 1933 bis 1945 sah das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ die Sterilisation von Menschen mit erblichen körperlichen Behinderungen, vor allem aber mit „angeborenem Schwachsinn“ vor. So bezeichneten die Nazis psychisch Erkrankte und schwer Alkoholabhängige.

„Um festzustellen, wer schwachsinnig war, hatten die Nazis einen Intelligenztest eingeführt“, erzählt David Justus. „Die Fragen zu Person, Allgemeinwissen und Mathematik wurden vorgelesen und mussten mündlich beantwortet werden“, sagt der Schüler. Wer einmal falsch lag, fiel durch. Intelligenz und soziale Kompetenzen wurden den Menschen abgesprochen. Die Schüler versuchten sich selbst an dem Originalbogen. „Bei uns in der Klasse hat keiner alle Fragen richtig gehabt“, sagt Stefan Justus. „Und damals standen die Menschen unter großem Druck, weil ihre Gesundheit davon abhing.“

Schlaglicht auf drei Einzelschicksale

In dem Dokumentarfilm beleuchten die Jugendlichen drei Stormarner Einzelschicksale. „Unsere Gruppe hat sich mit Paul Feddern befasst“, erzählt ein Schüler in dem Video. „Er wurde 1887 in Fresenburge geboren und 1935 im Kreiskrankenhaus Bad Oldesloe durch eine Operation zwangssterilisiert, weil er nach Definition der Nazis an angeborenem Schwachsinn litt“, sagt er.

Die 1891 geborene Bargteheiderin Emma Franke war ebenfalls als „schwachsinnig“ klassifiziert worden. „1937 wurde die Operation in der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg vorgenommen“, berichtet eine andere Gruppe. Nach dem Eingriff litt die 14-fache Mutter acht Tage unter starken Blutungen. Christian Finnerns Schicksal hat die Jugendlichen besonders bewegt. Der Ahrensburger wurde 1904 taubstumm geboren. „Er konnte den Intelligenztest nicht bestehen, weil er die Fragen nicht lesen durfte“, sagt David Justus. „Er hatte keine Chance, galt als Schwachsinniger, obwohl er bei Verstand war.“ Finnern meldete sich 1934, mit 30 Jahren, freiwillig zur Sterilisation, „weil er in der Landesheilanstalt bedrängt wurde und andernfalls keine Aussicht auf Entlassung aus der Einrichtung hatte.“ Zwölf Tage forschten die Schüler, waren nicht nur im Kreisarchiv. Sie besuchten auch historische Schauplätze, etwa das Haus an der Hamburger Straße in Ahrensburg, in dem Christian Finnern lebte und das ehemalige Kreisversorgungsheim in Zarpen, in dem viele der Opfer, die für nicht wirtschaftsfähig befunden wurden, lebten und landwirtschaftliche Arbeiten verrichten mussten. Die Schüler waren sichtlich beeindruckt. „Man kann sich nicht vorstellen, was die Menschen erlebten, das darf sich nie wiederholen“, sagen David und Stefan Justus. Ein Höhepunkt war für sie das Treffen mit dem Zarpener Jürgen Ehlers. Der 90-jährige Zeitzeuge half den Schülern beim Entziffern der handschriftlichen Dokumente.

Auch Eva Ammermann zieht ein positives Fazit: „Die Jugendlichen waren mit Interesse dabei, offen für das sensible Thema.“ Kirstin Krochmann (CDU), Vorsitzende des Schul-, Kultur- und Sportausschusses im Kreistag, lobte die Arbeit als „Vorbild für künftige Projekte“. Die Kulturabteilung des Kreises hatte 1000 Euro aus dem Fördertopf „Kultur & Schule“ beigesteuert, weitere 1000 Euro finanzierte das Bildungsministerium über das Projekt „Schule trifft Kultur – Kultur trifft Schule“.

Dokumentarfilm „Christian, Paul und Emma – vergessene Opfer der Zwangssterilisation in der NS-Zeit“ ist anzusehen unter www.bs-oldesloe.de/euthanasieprojekt