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Versuchter Doppelmord: Opfer entlastet Angeklagten

Mann soll Haus, in dem seine Freundin und ihr Kind schliefen, angezündet haben. Oldesloerin hat vor dem Landgericht Lübeck ausgesagt.

Lübeck.  „Lieben Sie ihn?“, will der Vorsitzende Richter von der Zeugin wissen. Die 27-Jährige, die ihr dunkles, kinnlanges Haar zusammengebunden hat, nickt. Sie und der Angeklagte seien weiterhin ein Paar, hätten Zukunftspläne. „Ich traue ihm das nicht zu“, sagt Denise L. (alle Namen geändert) und meint damit die Tat, für die sich Thomas W. vor dem Landgericht in Lübeck verantworten muss.

Die Staatsanwaltschaft wirft W. versuchten Mord und schwere Brandstiftung vor. Ende Mai 2017 soll er das Haus, in dem die damals schwangere Denise L. und ihr sieben Jahre alter Sohn schliefen, angezündet haben. „Wir haben uns einen Abend zuvor gestritten“, sagt L., die damals mit ihrem Kind in einem Bungalow am Pölitzer Weg in Bad Oldesloe wohnte. Zunächst habe man sich Nachrichten aufs Handy geschickt, später telefoniert. Der Streit endete damit, dass Denise L. eine Tasche mit Sachen des Angeklagten packte und vor die Tür stellte. Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass ein Streit so endete.

Zwei Nachbarn halfen Mutter und Kind aus dem Fenster

„Ich konnte in der Nacht nicht schlafen. Als ich das dritte Mal wach geworden bin, dachte ich, dass es regnet, weil es so laut war.“ Die damals Schwangere ging ins Kinderzimmer. „Da sah ich schon die Flammen im Wintergarten.“ Die Mutter packte ihren Sohn, lief zur Eingangstür. „Die Tür war verschlossen. Ich hab den Schlüssel nicht gefunden.“

Zwei Nachbarn wurden auf das Feuer aufmerksam und liefen zu dem Haus. „Eine Frau stand an einem offenen Fenster“, erinnert sich ein Zeuge am Dienstag im Gericht. „Ich habe das Kind genommen“, sagt der Helfer, dessen Worte ein Dolmetscher aus dem Kurdischen übersetzt. Sein Bruder half der schwangeren Frau aus dem Fenster. „Wir sind dann in ein Krankenhaus gekommen“, sagt Denise L. Von dort rief sie Thomas W. an. „Ich hab ihn gefragt, ob er mich umbringen wollte“, sagt die Zeugin und bezieht dies auf den Streit einen Abend zuvor. Doch W. bestritt dies. „Er wollte nur ganz schnell zu uns. Er hat sich Sorgen gemacht“, erinnert sich die Frau, die in einer dicken Winterjacke und Schal mehr als eine Stunde die Fragen der Prozessbeteiligten beantwortet.

Nachbarin bringt Polizei auf die Spur des Angeklagten

„Warum gab es denn immer Streit?“, will der Richter wissen. „Mal, weil sich andere in unsere Beziehung eingemischt haben, mal wegen meines Sohnes, dem ich etwas erlaubt habe.“ Doch Thomas W. habe sich immer liebervoll um sie und ihren Sohn aus einer früheren Beziehung gekümmert. Dies bestätigt auch ein Arbeitskollege (43) von W., der sich auch an das ständige Auf-Und-Ab in der Beziehung erinnert. „Sie tat ihm nicht gut. Er war oft am Boden zerstört“, sagt der Berufskraftfahrer und erinnert sich an Nachrichten, die L. an Thomas W. geschickt hatte. „Darin hat sie ihn beschimpft, auf Übelste beleidigt und provoziert“, sagt er und fügt hinzu, dass er ihm geraten habe, sich von der Frau zu trennen. Doch W. habe sie geliebt und ihr Kind wie sein eigenes behandelt.

Allgemein beschreibt der Zeuge den Angeklagten als einen immer freundlichen und netten Typen. „Bei Truck-Events hat er bei Charity-Aktionen Geld für Kinder gesammelt“, sagt der Zeuge und fügt hinzu: „Ich traue ihm das einfach nicht zu.“ Auch ein Freund des Angeklagten, der optisch genau das Gegenteil von Thomas W. ist, kräftig gebaut, Vollbart und ein Holzfällerhemd, zeigt im Gerichtssaal auf den Angeklagte und sagt: „Also dem traue ich das nicht zu.“

Anders sieht es hingegen eine Nachbarin von Denise L. Sie hatte kurz vor dem Feuer Thomas W. an dem Bungalow mit der Tasche weggehen sehen. Gegenüber der Polizei sagte sie damals, er habe ein Grinsen im Gesicht gehabt, das auf sie wie Sieg und Zufriedenheit wirkte. Im Gericht konnte sie sich daran aber nicht mehr erinnern. Auch äußerte sie bei der Vernehmung, W. sei eine tickende Zeitbombe. Vor Gericht sagte sie, dass sie ihn persönlich nie kennengelernt habe. Auch Denise L. erinnert sich an ihre Vernehmung bei der Polizei. „Die sagten zu mir, dass es W. war, zu hundert Prozent. Dass sie es ihm nur noch beweisen müssten.“ Der Richter wirkt etwas irritiert an dieser Stelle: „Wir entscheiden hier, wer schuldig ist.“ Diese Frage ist in diesem Prozess offenbar nicht ganz einfach zu entscheiden.