Stormarn
Fundgrube der Awo

Das Ahrensburger Kaufhaus mit den verhandelbaren Preisen

Die Fundgrube der Awo feiert ihren 1. Geburtstag: Bürgervorsteher Roland Wilde (v.l.), Jürgen Eckert (Vorsitzender des Awo-Ortsverbands Ahrensburg) und Christiane Reuber (Leiterin der Fundgrube)

Die Fundgrube der Awo feiert ihren 1. Geburtstag: Bürgervorsteher Roland Wilde (v.l.), Jürgen Eckert (Vorsitzender des Awo-Ortsverbands Ahrensburg) und Christiane Reuber (Leiterin der Fundgrube)

Foto: Isabella Sauer / HA

Im Januar 2015 eröffnet die Awo in Ahrensburg die Fundgrube mit Herz. Seither ist viel passiert. Ein Bummel durch das Sozialkaufhaus.

Ahrensburg.  Nach 15 Jahren Ahrensburger Tafel habe sie einfach einen neuen Job gesucht, sagt Heike Astemer. Das war vor rund einem Jahr. Seither sitzt die Rentnerin an der Kasse der Fundgrube mit Herz, einem Laden für Bedürftige in der Großen Straße in Ahrensburg. Jeden Mittwoch und jeden Sonnabend arbeitet sie hier, immer von 9 bis 13 Uhr. In wenigen Tagen wird sie 80 Jahre alt.

Astemer ist eine von etwa 40 Ehrenamtlern, die in dem Kaufhaus im Herzen von Ahrensburg arbeiten. Sie sortieren Kleidung, dekorieren die Schaufenster und Ladenfläche, bieten Kaffee an, beraten oder kassieren. Einer von ihnen bietet einen Reparaturservice für elektronische Geräte an. Ganz so wie in einem normalen Kaufhaus, nur eben ganz anders. Das Konzept scheint in Ahrensburg aufzugehen. Der Laden ist in der Regel gut gefüllt.

Am gestrigen Mittwoch haben die Helfer den ersten Geburtstag der Fundgrube mit einem Umtrunk gefeiert. Vor einem Jahr hat der hiesige Ortsverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo) den Laden eröffnet, verkauft hier seither Kleidung und Haushaltsgegenstände. Damals kamen täglich Flüchtlinge in die Schlossstadt. Damals war der Bedarf an den grundlegenden Dingen des Lebens – Kleidung, Bettlaken, Handtücher – hoch, genauso hoch übrigens, wie die Bereitschaft zu Spenden.

An der Kasse ist Augenmaß statt Taschenrechner nötig

„Es kommen weiterhin Flüchtlinge“, sagt Christiane Reuber, Leiterin des komplett ehrenamtlich betriebenen Sozialkaufhauses. Aber eben nicht nur. „Viele der Kunden sind Ahrensburger, die von einem niedrigem Einkommen oder einer kleinen Rente leben müssen“, so Reuber. Auch kämen Menschen, die einfach gern in dem Sozialkaufhaus stöbern. „Jeder kann hier einkaufen“, sagt Reuber. Neben günstigen Preisen gibt es Kaffee und viel Zeit für Gespräche.

Vor Heike Astemer steht ein dunkelhaariger Mann mit wilden Locken, auf dem Tresen landen drei Hefter und eine Vase mit Plastikblume. „Willst du dir mal was gönnen?“, fragt sie trocken, aber nicht unfreundlich. Der Mann, der hier offenbar Stammkunde ist, lächelt. Dann gehen die Gegenstände durch ihre Hände. Astemer: „Die drei Hefter für einen Euro, zusammen mit der Vase für zwei, macht das dann drei Euro.“ Kurz hat er noch versucht zu verhandeln, dann stellt der lockige Kunde die Vase zurück ins Regal. Einen Taschenrechner braucht es an der Kasse nicht, aber Augenmaß – das ist Astemers Job.

„Die Mitarbeiter an der Kasse kennen die Leute“, sagt Christiane Reuber. „Preise werden in Notsituationen individuell gehandhabt“, sagt sie. Zwischen ein und zwölf Euro kosten die Klamotten und Haushaltswaren, die hier verkauft werden. Von dem Geld bezahlen die Ehrenamtler Miete und laufende Kosten, mit dem Rest – knapp 5000 Euro im vergangenen Jahr – unterstützt die Awo eigene soziale Projekte oder Aktionen dritter. Die genaue Summe kennt Jürgen Eckert, Vorsitzender der Awo, noch nicht. Man müsse noch die Nebenkostenrechnung abwarten.

Was sich seit der Eröffnung im Januar vergangenen Jahres getan hat, lässt sich am Hinterraum ablesen, in dem Christiane Reuber gerade am Computer sitzt. Damals sollte hier ein Konferenzraum entstehen. Der große Tisch in der Mitte steht noch, nur hat sich rundum alles geändert: Elektrogeräte, DVD- oder CD-Spieler, Verstärker und Radios liegen in einem großen Regal, neben dem Schreibtisch mit Computer steht eine Werkbank, an der Kameratechniker Said Kenbouche sitzt. „Ein großer Gewinn“, sagt Chefin Reuber über den 51 Jahre alten Ahrensburger. Seit Sommer vergangenen Jahres kommt Kenbouche drei Mal die Woche hierher, kontrolliert gespendete elektronische Geräte und repariert sie, wenn nötig. Außerdem bietet er einen Reparaturservice für die Kunden des Sozialkaufhauses.

Für den selbstständigen Techniker ist das eine gelungene Abwechslung zum Arbeitsalltag. Denn: „Wir tauschen nur noch, wir reparieren nicht mehr“, sagt Kenbouche. In seiner kleinen provisorischen Werkstatt im Sozialkaufhaus dagegen nimmt er sich Zeit, Fehler genau zu lokalisieren, tauscht kleine Bauelemente statt ganzer Platinen, improvisiert. „Das dauert in der Regel länger, ist aber auch günstiger.“ Und hat einen positiven Nebeneffekt: „Ich habe meinen Spaß.“,

Rund um das Oktoberfest wurden Trachten angeboten

Zwischen Verkaufsraum und ehemaligem Konferenzraum ist die „Warenannahme“ des Kaufhauses. Monika Singelmann (63) und Simone Müller (52) sortieren hier die angelieferten Spenden. Die Spendenbereitschaft sei ungebrochen, so Christiane Reuber. Durchschnittlich 20 Säcke mit Kleidung würden pro Öffnungszeit angeliefert. Warum Singelmann und Müller hier am Wochenende Klamotten sortieren? Sie wollen „Gutes tun“, suchten „eine Beschäftigung“ und haben „viel Spaß bei der Arbeit“, sagen die Frauen.

„Wir wundern uns, was noch alles in den Kellern der Ahrensburger Mitbürger ist“, sagt Christiane Reuber, die sich sehr über den Rückhalt in der Bevölkerung freut, bei allem Lob aber nicht den sozialen Geschäftssinn vergisst: „Besonders Elektrogeräte und Haushaltswaren, Pfannen und Töpfe können wir aktuell noch gut gebrauchen“, sagt sie.

Die Kleider werden im Keller gelagert und zu den passenden Jahreszeiten oder speziellen Anlässen in Laden und Schaufenster präsentiert. Zum Ahrensburger Oktoberfest 2016 ließ sich hier beispielsweise Trachtenmode kaufen. „Wir hatten zehn Kartons, acht haben wir verkauft“, so Reuber. Auch Nähmaschinen haben sie hier schon in einer Aktion angeboten. „Viele der weiblichen Flüchtlinge nähen, die haben sich riesig gefreut.“ Stoff für ihre Arbeiten bekommen sie hier kostenlos.

Reuber ist es wichtig, das Einkaufserlebnis so schön wie möglich zu gestalten. „Hier muffelt nichts“, sagt sie, oder: „Die Kunden sollen hier nicht nur Einkaufen, sondern sich auch inspirieren lassen können.“ Demnächst plant sie einen Bereich mit Sportkleidung im Laden zu dekorieren. „Die Menschen wollen ja fit werden fürs neue Jahr“, so die Rentnerin. Die Fundgrube der Awo sei in ihrem ersten Jahr gut angelaufen, sagt Christiane Reuber. „Wir werden immer bekannter.“

Das Deutsche Rote Kreuz sucht noch nach einem Standort für eine Kleiderkammer

Derweil sucht der Ahrensburger Ortsverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) weiterhin nach einem Standort für eine Kleiderkammer in der Schlossstadt. Weniger als Konkurrenz zur Fundgrube, als in Ergänzung. Im Gegensatz zur Fundgrube der Awo sieht das Konzept der Kleiderkammer vor, die Klamotten kostenlos an Bedürftige abzugeben. „Ein großer Unterschied“, so DRK-Vorsitzender Axel Bärendorf: „Wir brauchen eine Kleiderkammer, weil es eine ganze Reihe von Menschen gibt, die sich selbst die kleinen Beträge nicht leisten können.“ Das DRK sei weiter auf der Suche nach einem geeigneten Objekt, die Suche gestalte sich indes schwierig. „Ehrenamtliche Mitarbeiter stehen bereit, aber eine bezahlbare Unterkunft fehlt.“ Das Angebot der Awo findet Bärendorf gut, wünscht der Fundgrube mit Herz zum Jubiläum auch weiterhin viel Erfolg.

Awo Fundgrube mit Herz, Große Straße 8a, geöffnet montags von 15 bis 17 Uhr, mittwochs und sonnabends von 9 bis 13 Uhr