Stormarn
Nachruf

Heidi Pulley-Boyes im Alter von 99 Jahren gestorben

Verehrte Lehrerin: Heidi Pulley-Boyes in ihrem Eppendorfer Atelier

Foto: Jörn Neven / HA

Verehrte Lehrerin: Heidi Pulley-Boyes in ihrem Eppendorfer Atelier

Wolfgang Borcherts große Liebe war gebürtige Ahrensburgerin und eine vielseitig Künstlerin, Schauspielerin und Kuntspädagogin.

Hamburg.  Ein Vierteljahr vor ihrem 100. Geburtstag ist in Hamburg Heidi Pulley-Boyes gestorben. Die gebürtige Ahrensburgerin war ein vielseitig talentierter künstlerischer Mensch: Als junge Frau arbeitete sie als Schauspielerin, später entdeckte sie ihre Neigung für die bildende Kunst, malte, zeichnete und übernahm eine Malschule, in der sie bis kurz vor ihrem Tod als Kunstpädagogin wirkte. Einem größeren Publikum aber ist sie als die große Liebe des Autors Wolfgang Borchert in Erinnerung.

Sie hatte Borchert 1941 bei ihrem ersten Engagement in Lüneburg kennengelernt, als beide im Ensemble in niederdeutschen Schwänken auftraten. Das Paar wurde getrennt, als Borchert Soldat werden musste. Aus dem Krieg in Russland kam er todkrank zurück. In der Uraufführung seines Dramas "Draußen vor der Tür" am 21. November 1947 (er starb am Tag zuvor) spielte sie die Elbe. An die innige Beziehung erinnerte eine Ausstellung seiner Liebesbriefe an sie, die 2006 in der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek zu sehen war.

Schüler schätzt ihr Œuvre auf 1500 Arbeiten

In den 50er-Jahren entdeckte Heidi Boyes Malerei und das Zeichnen für sich. Sie nahm Unterricht bei Charlotte Claire Voss, wurde deren Meisterschülerin und übernahm 1956 ihre "Schule für freie Malerei und Grafik". Für diese neue Aufgabe als Kunstpädagogin hatte sie offenbar eine besondere Begabung. Sie galt als Lehrerin, die ihren Schülern viele Freiheiten in Techniken und Sujets eröffnete, aber streng war, wenn es um die Korrektur ihrer Arbeiten ging. Heidi Boyes, die 1961 den amerikanischen Autor und buddhistischen Mönch William Sande Pulley geheiratet hatte, wurde von ihren Schülern verehrt. Bis kurz vor ihrem Tod hatte sie noch 20 Schüler, die an zwei Wochentagen in ihr Atelier in der Eppendorfer Landstraße kamen.

Weniger bekannt sind ihre eigenen Bilder. Im Jahr 2000 zeigte das Schloss Reinbek eine umfassende Werkschau. Ihr Schüler Jörg Neven (seit 1963), der ein Verzeichnis ihrer Werke und ihre Biografie erstellt, schätzt das Œuvre auf 1500 Arbeiten, vor allem Zeichnungen, viele von Hamburger Motiven. "Viele Arbeiten sind von einer so hohen Qualität", so sagt er, "dass es lohnt, sie bekannt zu machen."

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