Naturschutz

Das sind die Geheimnisse des Tunneltals

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Harald Klix
Jochen Plage steht auf der Moorwanderbrücke: Der ehrenamtliche Tourenleiter und Alfred-Rust-Experte kennt das Tunneltal wie kaum ein anderer

Jochen Plage steht auf der Moorwanderbrücke: Der ehrenamtliche Tourenleiter und Alfred-Rust-Experte kennt das Tunneltal wie kaum ein anderer

Foto: Harald Klix / HA

Das Ahrensburger Naturschutzgebiet birgt historische und geologische Schätze. Das weiß kaum jemand besser als Tourenleiter Jürgen Plage

Ahrensburg.  Jürgen Plage kennt das Ahrensburger Tunneltal wie kein anderer. Hunderte Male ist er die Wege entlanggelaufen: früher schneller in seiner Jogginggruppe, heute etwas gemächlicher als ehrenamtlicher Tourenführer und bei Spaziergängen. Die Idee, das Naturschutzgebiet bekannter zu machen, findet er richtig gut: „Die geschichtliche Bedeutung dieses Areals sollte noch viel stärker hervorgehoben werden.“

Seit seiner Pensionierung beschäftigt sich der frühere Elektromeister Plage intensiv mit dem etwa sieben Kilometer langen und zwischen 200 Meter und zwei Kilometer breiten Stellmoor-Ahrensburger Tunneltal. Und damit auch mit dem Leben des Archäologen Alfred Rust (1900–1983), der mit seinen Ausgrabungen bewiesen hat, dass bereits vor etwa 14.000 Jahren zum Ende der bisher letzten Eiszeit Rentierjäger in Nordeuropa gelebt haben. Rust prägte den Begriff der Ahrensburger Kultur (vor circa 12.000 Jahren), der unter Forschern weltweit bekannt ist.

Haus von Alfred Rust steht direkt am Waldrand

„Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto interessanter wurde es für mich“, sagt Plage. Inzwischen ist er selbst Experte, hat zu Feldern und Findlingen die passenden Geschichten parat. Wo heute Bäume stehen, schoben sich vor 18.000 Jahren bis zu 300 Meter hohe Gletscher voran. Als sie schmolzen, suchte sich das Wasser seinen Weg in einem Tunnel unter dem Eis. Später bildeten sich Seen, in der Tundra fanden Rentiere ihren Lebensraum. Und denen zogen die Jäger hinterher.

In den 1930er-Jahren grub Alfred Rust mit seinen Helfern die ersten Spuren der Nomaden aus. Er fand Rentiergeweihe, Stein-, Holz- und Knochenwerkzeuge sowie Steinformationen, die auf Zeltanlagen schließen ließen. Das Haus, in dem Rust damals lebte, steht direkt am Waldrand. Er hat es 1934 zum großen Teil selbst gebaut – Rust hatte vor seiner Karriere als Prähistoriker Elektriker gelernt. Die Familie verkaufte die Immobilie 1995, der Großteil des Nachlasses von Alfred Rust ist heute im Landesmuseum Schloss Gottorf.

Optimismus: Natur und Tourismus lassen sich vereinen

Auch geologisch birgt das Tunneltal einige Schätze: Mit Drumlins (Schildrücken), Oser (Wallberge) und Sölle (Toteislöcher) ist es Zeuge der letzten Vereisung. Heute ist das Gebiet außerdem Rückzugsraum für seltene Tiere wie Wachtelkönig und Kranich sowie gefährdete Pflanzen.

„Das muss man natürlich bei allen Überlegungen berücksichtigen“, sagt Jürgen Plage. Er ist jedoch optimistisch, dass sich Natur und Tourismus unter einen Hut bringen lassen. „Es wäre zum Beispiel schön, wenn ein Tunneltal-Ausflug für alle Grundschulklassen aus der Umgebung Pflichtprogramm wäre“, sagt Plage. Dafür wäre der Einsatz von Animationsfilmen an den Waldwegen prädestiniert. Ein Stück neuerer Heimatgeschichte findet sich im nordwestlichen Teil des Forstes Hagen: die Reste der mittelalterlichen Burg Arnesvelde. Peter von Rantzau ließ sie 1594 abbrechen, um aus den Steinen das Ahrensburger Schloss zu errichten.

Bisher gibt es Infotafeln an zwei Rundwanderwegen

Noch gehört das Tunneltal tagsüber vor allem Hundehaltern und Läufern, die ihre Runden drehen. Daran hat auch der 2005 von der Stadt eröffnete Alfred-Rust-Wanderweg nur wenig geändert. Der führte ursprünglich vom U-Bahnhof Ahrensburg Ost bis zum Bahnübergang Brauner Hirsch. Das Problem: Nach acht Kilometern standen Spaziergänger am völlig anderen Ende der Stadt.

Auf Initiative des Ahrensburger Seniorenbeirats, in dem auch Jürgen Plage aktiv ist, wurden 2014 zwei archäologisch-naturkundliche Rundwanderwege über vier und acht Kilometer ausgeschildert. Am Rand informieren Schilder über Erlenwald und Feuchtwiesen, Zeltplätze der Rentierjäger auf dem Pinnberg und am Borneck. Doch immer wieder beschmieren Randalierer die Tafeln mit Farbe oder zerkratzen sie.

Jüngstes Ziel der Zerstörungswut war die Replik einer 6000 Jahre alten Götzengruppe vor der Grundschule Am Aalfang. 1941 hatte Alfred Rust die drei Baumstämme ausgegraben, ein Heiligtum der Steinzeitmenschen. Vor zwei Jahren wurden neue Stämme aufgestellt, die Unbekannte jetzt offenbar umgetreten haben. Es bleibt also offenbar noch ein weiter Weg, bis nicht nur einige Eingeweihte die Tunneltal-Schätze erkennen.

Die nächste Tour:

„Spaziergang auf den Spuren der Eiszeit“ist der Titel einer Tour mit Jürgen Plage am Sonntag, 16. Oktober. Treffpunkt ist um 14.30 Uhr am U-Bahnhof Ahrensburg West. In zwei bis zweieinhalb Stunden gehen die Teilnehmer vier Kilometer durch das Naturschutzgebiet, in dem vor 10.000 Jahren Rentierjäger lebten. Plage zeigt unter anderem Grabungsplätze des Archäologen Alfred Rust.
Eine Anmeldung im Peter-
Rantzau-Haus ist unter Telefon 04102/21 15 15 erforderlich.
Die Gebühr beträgt zwei Euro.

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