Nach Razzia

Reinfeld bekämpft Schock nach Terroralarm

| Lesedauer: 4 Minuten
Finn Fischer
Unter den Teilnehmern der Mahnwache waren auch Flüchtlinge, die mit einem der Festgenommenen zusammengewohnt haben. Sie dankten den Bürgern, dass sie so offen und freundlich in Reinfeld aufgenommen worden sind

Unter den Teilnehmern der Mahnwache waren auch Flüchtlinge, die mit einem der Festgenommenen zusammengewohnt haben. Sie dankten den Bürgern, dass sie so offen und freundlich in Reinfeld aufgenommen worden sind

Foto: Finn Fischer / HA

Nach der Festnahme von IS-Verdächtigen demonstrieren Flüchtlinge und Helfer in Reinfeld für ein friedliches Zusammenleben.

Reinfeld.  Nachdem vor einer Woche drei mutmaßliche IS-Unterstützer in Stormarn festgenommen wurden, suchen die betroffenen Gemeinden zurück zur Normalität. Vor allen anderen sind es die Asylbewerber und Flüchtlingshelfer, bei denen der Schock tief sitzt. Um Gemeinschaft zu demonstrieren, organisierte die Initiative „Asyl in Reinfeld“ gemeinsam mit anderen Organisationen eine Mahnwache: „Reinfeld bleibt bunt.“

Der Terrorverdächtige Ibrahim M. wohnte in Reinfeld unter einem anderen Namen. In seinem gefälschten Pass stand „Yasir“. So nannten ihn auch seine Freunde. Der 18-Jährige, der sich als syrischer Kriegsflüchtling ausgab, gliederte sich hervorragend in die Gemeinschaft ein. „Dass unter ‚unseren‘ Flüchtlingen vermutlich ein IS-Sympathisant war, bedrückt uns alle sehr“, sagt Albrecht Werner, Vorsitzender der Initiative „Asyl in Reinfeld“. Wer mit Yasir Kontakt hatte, habe ihn als einen freundlichen, intelligenten jungen Mann wahrnehmen können. „Er lernte zügig Deutsch und niemand hat vermutet, dass er möglicherweise dem IS nahe steht“, sagt Werner. Ähnliches berichteten Flüchtlingshelfer über den Terror-Verdächtigen Mahir Al-H. aus Großhansdorf. Das sorgt für Verunsicherung, gab es doch keine Anzeichen für mögliche IS-Verbindungen. Dennoch ist für Werner klar: „Es gibt keinen Anlass daran zu zweifeln, dass unser Weg hier in Reinfeld der Richtige ist.“ Und das unter hunderttausenden Asylbewerbern auch solche seien, die keine guten Absichten haben, sei zu erwarten gewesen.

Razzia als einschneidendes Erlebnis

Dem Aufruf zur Kundgebung folgten rund 200 Reinfelder, um für Frieden, Freiheit und gegen den IS-Terror zu demonstrieren. Bürgermeister Heiko Gerstmann: „Ich hätte mir gewünscht, dass Reinfeld aus positiveren Gründen in die Schlagzeilen kommt, als durch einen mutmaßlichen IS Terroristen. Und wir wollen zeigen, dass wir auch aus dieser Situation das Beste machen.“

Auch Flüchtlinge waren unter den Teilnehmern. Einige von ihnen leben in dem Haus in der Straße Am Zuschlag, in dem auch Ibrahim M. untergebracht war. Für die teils traumatisierten Männer war die Razzia ein einschneidendes Erlebnis. Gegenüber der Reinfelder Asyl-Initiative berichteten die Bewohner aber von einem korrekten Verhalten der Polizei. Die Einsatzleitung vor Ort bezeichnete das Verhalten der Bewohner als kooperativ. Nach der Durchsuchung berichteten Asylbewerber von vorbeifahrenden Autos, aus deren offenen Fenstern Beschimpfungen gebrüllt wurden. Doch es bleibt bei Einzelfällen.

Dankbar für Hilfsbereitschaft

Einer der Flüchtlinge namens Azad sagt: „Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir von den Reinfeldern aufgenommen wurden und wir stehen Hand in Hand gegen den Terrorismus.“ Dass ein möglicher IS-Unterstützer über Monate unerkannt unter ihnen lebte, scheint den Bewohnern sichtlich unangenehm, wo sie doch so offen und freundlich in die Gemeinschaft aufgenommen wurden.

Pastorin Christina Duncker: „Uns allen ist die Angst in die Glieder gefahren und sind verletzt worden. Aber wir wollen durch unsere Anwesenheit heute hier zeigen, dass wir so weitermachen, wie bisher und nicht alleine sind.“

Syrer soll vom IS entführt worden sein

Die Terrorverdächtigen, die in Ahrensburg, Großhansdorf und Reinfeld festgenommen wurden, sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Sicherheitsbehörden observierten die Männer (17, 18, 26) seit ihrer Einreise, nachdem sich die mitgeführten syrischen Pässe als Fälschungen herausstellten. Die mutmaßlichen Unterstützer der Terrormiliz „Islamischer Staat“ sollten in Deutschland auf weitere Anweisungen warten, hatte der Bundesinnenminister nach der Festnahme gesagt. Allerdings sei zu keinem Zeitpunkt von den Festgenommenen eine konkrete Gefahr ausgegangen. Sie wurden zufällig dem Kreis Stormarn zugewiesen.

Die aus Marokko stammende Großhansdorfer Flüchtlingshelferin Bahia Larfa bezweifelt, dass es sich bei den Festgenommenen um überzeugte IS-Terroristen handelte: „Manchmal werden die Jugendlichen in ihren Herkunftsländern gezwungen, mit dem IS zu kooperieren.“ Nach einem Bericht des Politikmagazins „Panorama 3“ (NDR) soll der in Großhansdorf festgenommene Mahir al-H. in der syrischen Provinz Aleppo von Kämpfern des IS entführt worden sein. Das habe seine Schwester den Reportern per Whats­app-Nachricht mitgeteilt.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Stormarn