Stormarn
Bank-Geheimnisse

Ein Stormarner Umweltschützer und Produktpionier

Volker Ledermann lässt Isländer-Stute Komma in seinem Garten in Siek grasen, während er mit Abendblatt-Mitarbeiterin Petra Sonntag spricht

Volker Ledermann lässt Isländer-Stute Komma in seinem Garten in Siek grasen, während er mit Abendblatt-Mitarbeiterin Petra Sonntag spricht

Foto: Thomas Jaklitsch / HA

In unserer Serie stellen wir Stormarner auf Ihrer Lieblingsbank vor. Heute: edding-Gründer Detlef Ledermann.

Siek.  Wer vor Volker Detlef Ledermanns Haus steht, weiß sofort: Der Mann liebt Tiere. Schilder verheißen „Vorsicht vor dem bisschen Pferd“ und „Achtung, freilaufende Hühner“. Ein Island-Pony grast nahe Ledermanns Lieblingsbank am Gartenteich. Der 83-Jährige war einer der ersten, der Islandpferde nach Deutschland importierte und eine Zucht aufbaute. Dass er als Züchter in den 1970er-Jahren Pionier war, ist eher ein Nebenprodukt seines Schaffens. Denn als Produktpionier schuf der gebürtige Hamburger einen Weltkonzern, der bis heute als Vorreiter für Permanentmarker gilt: edding.

Ledermann ist 29, als er mit seinem Schulfreund Carl Wilhelm Edding eine Firma für Schreibwaren gründet. Bei einem japanischen Geschäftsfreund entdeckt Edding Filzschreiber und schlägt Ledermann vor, die neuartigen Stifte zu importieren. Mit 500 Mark Startkapital legen die Freunde den Grundstein zu einer globalen Marke, die heute einen Umsatz von knapp 140 Millionen Euro erwirtschaftet. Für einen international aussprechbaren Namen fällt die Wahl auf Edding. 1970 verlagern sie den Firmensitz von Hamburg nach Ahrensburg, Ledermann zieht nach Siek.

Bei der Fremdenlegion reist der junge Mann aus

Als der Sohn eines Arztes mit 18 sein Abitur am Walddörfergymnasium in Hamburg-Volksdorf absolviert, lassen sich die Eltern scheiden. „Macht euren Sch… allein“, denkt der junge Volker und macht sich auf, die Welt zu entdecken. Nach Aufenthalten in Frankreich und Spanien schließt er sich in Marokko der Fremdenlegion an. Die militärische Organisation missfällt ihm bald. „Ich bin ausgekniffen“, sagt Ledermann. Ein Freund rät ihm, sich nach Südamerika abzusetzen. In Argentinien angekommen, hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. In Chile lernt er Hufschmied, in Brasilien baut er für Siemens eine Dependance auf. „Ich habe versucht, die Welt zu erkunden und bei allen Jobs viel gelernt“, sagt Ledermann, der sein unstetes Leben mit einer Hamburgerin teilt.

Die Töchter Angelika und Beatrix werden im Santiago de Chile der 50er-Jahre geboren. Das gibt den Ausschlag, mit Mitte 20 nach Deutschland zurückzukehren. Bei einer Hamburger Firma für Schreibtischzubehör kümmert er sich um den Vertrieb nach Asien und Südamerika, lebt zeitweise in Hongkong und Japan. Von dort stammt auch jenes Produkt, das den Schritt in die Selbstständigkeit begründet.

Für den Vertrieb nutzen die Jungunternehmer die Wege ihrer Wettbewerber. Mit dem Marker edding No. 1 kreieren sie 1960 ihr erstes eigenes Produkt. Ihren Markterfolg verdanken sie der Beschaffenheit ihrer Stifte, die auch an heißen, fettigen oder feuchten Oberflächen haften. Bis Ende 1970 verkaufen sie fast 100 Millionen Filz- und Faserschreiber auf allen fünf Kontinenten. In den Siebzigern legen sie ein Sabbatjahr ein. Während Carl Wilhelm Edding die Welt umsegeln möchte, es aus Zeitgründen aber nur bis Südafrika schafft, lässt sich Ledermann auf Island nieder. Island sei ein Traumland für ihn: „Wenig Leute, wildes Land.“ Ledermann kauft eine Farm und betreibt Pferdezucht. „Ich bin fast auf dem Pferd geboren“, sagt er. „Nach dem Krieg gab es kein Benzin. Also schafften wir eine Kutsche und Pferde an, um mobil zu sein.“ Zeitweise war Ledermann sogar Nationalreiter in der Disziplin Vielseitigkeit. Der Aufenthalt in Island wird zur Zäsur. Durch eine Bekannte lernt er die Deutsche Susanne kennen. Volker Detlef Ledermann verliebt sich und lässt sich scheiden.

Über den Kauf einer Farm in Island schlief er nur eine Nacht

Mit seiner zweiten Frau bekommt er 1975 Sohn Per, der seit 2005 die Geschicke des Konzerns lenkt. Ledermanns Töchter arbeiten ebenfalls dort. Es bedeute ihm „ganz viel“, dass sein Sohn die Geschäfte weiterführe. „Es war immer mein Wunsch, doch ich wollte ihn damit nicht belasten.“ Deshalb lässt der freiheitsliebende Gründer dem Sohn auch Freiraum, selbst herauszufinden, was seine Bestimmung ist. Der Anteil von edding-Tinte im Blut ist offenbar groß genug, um die Hoffnungen des Vaters zu erfüllen, als dieser einen Vorstandsposten zu vergeben hat. Carl Wilhelm Edding hat sich da längst aus der Firma verabschiedet. 1986 lässt er sich ausbezahlen und setzt sich zur Ruhe. „Wir sind noch immer befreundet, bei unseren Firmenfeiern ist er immer mal wieder dabei“, sagt Ledermann. Er selbst hat noch ein Büro in der Firma, wo er seinen „Schreibkram“ erledigt. Mit Per sitzt er fast jeden Tag für eine halbe Stunde zusammen, um sich über Produktideen und Strategien auszutauschen.

An den anderen Tagen ist der Weltenbummler unterwegs. Neben Island gehört Namibia zum wiederkehrenden Reiseziel. Dort erwirbt Ledermann 1993 die Farm Etusis. „Ich war als Gast dort. Der Eigentümer sagte mir, er wolle den Betrieb aufgeben.“ Er sei schon immer Afrikaliebhaber gewesen. Aus bekannten Gründen: wenig Leute, viel Natur. Ledermann schläft eine Nacht über seine Idee. Am Morgen habe er zum Farmer gesagt: „Komm’, wir fahren in die Stadt zum Notar. Ich kaufe deine Farm.“ Heute ist das Etusis Wildreservat ebenso ein Refugium für Touristen wie für Zebras, Antilopen und Leoparden. Gemeinsam mit seiner Frau Susanne gründet der Tierfreund 1998 die ETUSIS-Stiftung zum Schutz des gefährdeten Hartmann-Bergzebras. Außerdem züchtet er hier Basotho-Pferde und Schafe.

Die Naturverbundenheit des achtfachen Großvaters schlägt sich auch bei edding nieder: Fast alle Stifte sind nachfüllbar, der Kunststoff einer Produktreihe ist zu 90 Prozent aus Recyclingmaterial. „Umweltschutz ist das Wichtigste überhaupt, was man tun sollte“, sagt Ledermann, der für sein Engagement 1995 den B.A.U.M.-Umweltpreis erhält. Die Produktinnovationen seines Sohnes, u. a. Farbspray und Nagellack, heißt er gut. Es versteht sich von selbst, dass dieser Mann sich nicht auf ein Lebensmotto festlegt: „Ich will offen bleiben für Neues.“