Stormarn
Schüler machen Zeitung

Schüleraustausch: Abenteuer am anderen Ende der Welt

Der Bahnhof Union Station von Kansas City in der Nacht

Der Bahnhof Union Station von Kansas City in der Nacht

Foto: Leah Lemmermann / HA

Leah Lemmermann hat ein Schuljahr in Kansas City, USA, verbracht. Aus ihrer anfänglichen Angst wurde große Begeisterung.

Ahrensburg.  Die Hände schwitzen und das Herz pumpt. Ich merke, wie das Flugzeug langsam, aber sicher sinkt. Es ist fast so weit. Nur noch ein paar Minuten trennen mich vom Abenteuer, das ich immer herbeigesehnt habe. Nun heißt es: „Put your seatbelts on“, und das Flugzeug landet in Kansas City. Die Beine zittern beim Aussteigen und der Puls rast. Die schwüle Luft drückt ins Gesicht und für den Hauch einer Sekunde ist es schwer, zu atmen. Der Plan ist ganz leicht: das Gepäck schnappen und so schnell wie möglich die Gastfamilie finden. Ein kurzer Schock durchfährt mich, als ich merke: Das Gepäck ist nicht da. Panik steigt auf und ich beginne zu zweifeln, ob ich es wirklich alleine in einem fremden Land schaffen werde, für ganze zehn Monate.

Auf einmal sehe ich strahlende Gesichter, die allem Anschein nach auf mich selbst gerichtet sind. Und ich sehe sogar ein Schild, auf dem mein Name steht. Kalter Angstschweiß tritt aus und ich gehe langsam auf diese fremden Leute zu. Nun gut, nicht komplett fremd, denn ich habe ja vorher schon Bilder und eine Beschreibung erhalten. Aber fremd genug, um daran zu zweifeln, dass es die richtigen Leute sind. Aber sie schließen mich in die Arme und viele Fragen stürzen auf mich ein – bezüglich des Fluges, des Wohlbefindens und so weiter. Ich muss mich unheimlich konzentrieren, um mitzubekommen, was überhaupt gefragt wird. Nervös und verwirrt findet ich heraus, dass man in Amerika erst in den Ankunftsbereich kommt und danach sein Gepäck abholt. Erleichterung macht sich breit, als ich meinen großen, schwarzen Koffer auf mich zukommen sehe. Ich weiß: Das ist nur der Anfang.

Am Anfang stellten die Amerikaner viele Frage – darunter auch sehr seltsame

Meine erste Aufgabe am ersten Tag in der Schule: herausfinden, wo ich überhaupt hin muss. Zweitens: die Sprache, so gut es geht, verstehen. Die meisten Lehrer verbringen die erste Stunde damit, eine Präsentation über sich selbst vorzuführen. Ich frage mich: Wer will denn wissen, wo der Lehrer seinen Urlaub verbracht hat oder wie seine Katze heißt? Bei der Anwesenheitsliste wird gefragt, ob man sich anders nennen will. Da kommt dann so etwas wie „Dark Lord“ oder auch nur der Nachname. Der gilt dann für die gesamte Zeit bei diesem Lehrer. Amerikaner sind schon echt komisch.

Als Austauschschüler gibt man sich aus Gewohnheit den richtigen Namen, wird jedoch schnell von einzelnen Lehrern umbenannt in „The German“. Ich entdecke, dass ein Teil des Stundenplanes aus Dingen wie Schauspielunterricht und Kochen besteht. Die Vorstellung, was da auf mich zukommt, ist am Anfang ziemlich unklar. Dass ich meine beste Freundin in einem der Fächer finde, erscheint mir am Anfang nicht vorstellbar. Einmal die Fächer gewählt, müsste ich erst zum Counselor gehen, um sie wieder ändern zu können.

In den ersten Stunden stürzen sich alle regelrecht auf mich. Sie stellen Fragen zu meinem Heimatland und der Kultur. Ich bin geradezu überwältigt von der Neugierde, die die Amerikaner mit sich bringen. Austauschschüler zu sein, macht einen gleich für jeden interessant, Schüler wie Lehrer. Oft werden seltsame Fragen gestellt, zum Beispiel ob ich fließend Deutsch spreche oder ob Europa in Deutschland liegt. Die leben echt hinterm Mond, denke ich. Aber ich freue mich dennoch, dass sie so viel Interesse zeigen. Schnell ist vergessen, dass ich ziemlich weit von zu Hause weg bin: 8000 Kilometer. Und es gibt kein Zurück.

Die Unterschiede sind nach einer Weile nicht mehr klar erkennbar und mir erscheinen Dinge wie Autos ohne Kennzeichen vorne oder Gärten komplett ohne Unkraut wie das Normalste auf der Welt. Ich fange an, mich mit der Schule zu identifizieren und mich eventuell sogar für einen neuen Sport zu interessieren, während ich die Heimmannschaft kräftig anfeuere. Mit der Zeit lerne ich Leute kennen, die mir ans Herz wachsen und mit denen ich viele unvergessliche Sachen erlebe. Das Leben, zuvor so fremd, fängt an, Alltag zu werden, und das Leben vorher wird eine Erinnerung.

Die Wochen ziehen vorüber und es kommen große Ereignisse, wie Prom oder Graduation, die ich nur aus dem Fernsehen kannte. Die große Kleidersuche und die Date-Suche für den Prom, den Abschlussball, beginnt. Das Spaßigste daran ist nicht der Tanz selbst, sondern die Erinnerungsfotos und die Vorbereitung dafür. Der „After-Prom“ findet nach dem Prom statt und ist eine ausgelassene Themenparty mit Musik und ganz vielen Spielen. Außerdem kann man dort viele Sachen gewinnen und den Tag ausgelassen ausklingen lassen.

Die Graduation ist eine große Zeremonie, bei der man sein „Diploma“ überreicht bekommt, beziehungsweise die Hülle davon. Das Original muss man sich in den Wochen danach abholen. Auf der Graduation tragen alle Abschlussschüler schwarze Umhänge und die berühmten schwarzen Hüte. Jeder Einzelne wird aufgerufen und schreitet einmal über die Bühne. Dies kann einige Zeit in Anspruch nehmen, bei zum Teil mehr als 300 Schüler in einem Jahrgang. Danach werden Fotos vor Ort gemacht und man geht auf eine kleine eigene Feier, die man mit Familienmitgliedern zelebriert.

Beim Abschied fließen schon einige Tränen

Der Tag des Abschieds rückt dann schnell näher, und ich fange an zu realisieren, dass sich das Auslandsjahr dem Ende neigt. Am letzten Tag lasse ich alle guten Dinge und Ereignisse, die mir widerfahren sind, Revue passieren und verabschiede mich von Freunden und meiner Gastfamilie. Der Abschied ist zwar schmerzvoll und es fließen auch ein paar Tränen. Aber nur, weil ich weggehe, heißt es ja nicht, dass ich die Leute oder Erlebnisse vergessen werde.

Ich bin eine andere, eigenständige Person geworden. Der Austausch bleibt immer ein Teil von mir und das Erlebte immer an mir haften. Freunde fürs Leben am anderen Ende der Welt habe ich gefunden, eine neue Sprache gelernt und eine neue Persönlichkeit in mir entdeckt.

Die Hände schwitzen und das Herz pumpt. Ich merke, wie das Flugzeug langsam aber sicher sinkt. Es ist fast so weit. Nur noch ein paar Minuten trennen mich vom Abenteuer, das sich nun Zuhause nennt. Ich gucke aus dem Fenster, bewundere Deutschlands Natur und denke mir: Wie kann ich nur jetzt in mein altes Leben zurückkehren? Es ist so weit. Ich steige aus, schnappe mein Gepäck und atme tief durch – ahnungslos, was mich erwartet. Viele unbekannte Gesichter und ich denke: Haben sie mich vergessen? Plötzlich ein familiäres Gesicht, und noch eins. Immer mehr tauchen auf und strahlen mich an. Ich realisiere: Ich bin wieder zu Hause angekommen.