Stormarn
Tierschutz

Ahrensburger retten 14 Küken das Leben

Dorothee von Schmude begleitet die Entenfamilie bei der Umsiedelung

Dorothee von Schmude begleitet die Entenfamilie bei der Umsiedelung

Foto: Isabella Sauer

Enten-Mutter hat ihren Nachwuchs auf einem Hausdach ausgebrütet. Jetzt siedelten die Anwohner die Tiere sicher in den Schlosspark um.

Ahrensburg.  Eine solch ungewöhnliche Aktion von Tierfreunden gibt es wahrlich nicht alle Tage: Fünf Bewohner eines Hochhauses an der Großen Straße in Ahrensburg haben eine Entenfamilie von einem begrünten Flachdach aus sieben Meter Höhe gerettet. In einem Pappkarton brachten sie die Tiere auf die Erde. Dann leiteten sie die Entenfamilie durch den Feierabendverkehr zu ihrer neuen Heimat im Schlosspark.

Nest auf dem Flachdach

Was war geschehen? Eine Ente hatte auf dem Flachdach ein Nest gebaut und dort ihre Küken ausgebrütet. Hausbewohnerin Cornelia Bahrne hatte die Tiere am vergangenen Freitagabend entdeckt: „Ich kam von der Arbeit und habe auf dem Balkon geraucht. Dann hörte ich ein lautes Piepen und sah eine Horde Entenküken auf dem Flachdach nebenan herumlaufen.“ Daraufhin habe sie ihre Vermieterin Dorothee von Schmude verständigt. „Sie wohnt ebenfalls in diesem Haus“, sagt Bahrne.

Um Hilfe zu holen, rief Dorothee von Schmude bei der Polizei, beim Ordnungsamt und beim Tierschutz an. „Aber es fühlte sich niemand zuständig. Nur der Naturschutzbund in Ahrensburg gab mir Tipps für eine Rettungsaktion.“ Dort wurde ihr gesagt, dass die Küken ohne Gewässer nicht lange überleben könnten. „Damit stand für mich fest: Wir werden die Enten retten“, so von Schmude.

Mit Umzugskarton und Decke kletterten sie aufs Dach

Am Dienstagabend war es dann so weit: Gegen 18 Uhr klettern Cornelia Bahrne, ihr Mann Klaus, Dorothee von Schmude und eine weitere Nachbarin, Renate Lembcke, auf das mit Gras und niedrigen Büschen bewachsene Flachdach. Im Gepäck haben sie einen Umzugskarton und eine große, karierte Decke. Damit wollen sie die Entenmutter einfangen, die Küken sollen in den Karton.

Als die Nachbarn auf die Entenfamilie zugehen, versteckt diese sich fiepend und schnatternd in einem Busch. Erst versucht die Entenmutter noch, ihre Küken zu schützen. Doch die Entenretter greifen ohne zu zögern zu: Sie packen ein Küken nach dem anderen, setzen sechs der Entenkinder in den Karton, während die restlichen Geschwister in alle Richtungen flüchten.

Währenddessen treiben Dorothee von Schmude und Renate Lembcke die Entenmutter in eine Ecke und werfen die Decke über das Tier. Aber die Ente ist schneller: Sie fliegt hoch in die Luft und kreist laut schnatternd über den Häusern. Bei Cornelia Bahrne und ihrem Mann Klaus ist mittlerweile voller Körpereinsatz gefragt: Die Küken sind überraschend schnell – die Bahrnes werfen sich auf den Boden, robben auf den Knien entlang und kriechen unter die Büsche, um die kleinen Entenkinder zu fassen. Am Ende haben sie alle 15 Entenküken im Karton.

Die Polizei habe sich nicht zuständig gefühlt

Viel lieber wäre es den Entenrettern gewesen, wenn ein Experte die Tiere vom Dach geholt hätte. „Ich habe das ganze Pfingstwochenende Telefonate geführt und bin nur auf taube Ohren gestoßen“, sagt Dorothee von Schmude. Beim Tierschutz lief nur der Anrufbeantworter. Die Polizei habe sich nicht für das Thema zuständig gefühlt, „und die Dame vom Ordnungsamt meinte, sie hätte jetzt auch keine Lösung parat. Manchmal müsse der Bürger auch mal selbst handeln.“ Gesagt, getan.

Seit 15 Minuten schon läuft die Rettungsaktion auf dem Dach: Die Entenküken kauern dicht gedrängt in einer Ecke des Kartons. Die Entenmutter beobachtet die Szene aus der Luft. Dorothee von Schmude klettert mit dem Karton voller Küken vom Flachdach aus durchs Fenster in ihre Wohnung. Sie bringt die Tiere nach unten auf den Parkplatz neben dem Haus. Die Kinder hüpfen nacheinander aus dem Karton auf den Grünstreifen. Nur eines nicht. Es hat die Rettungsaktion nicht überlebt.

Beginn des Enten-Marsches

Als die Mutter die Küken sieht, kommt sie zurück und landet neben ihnen. Dann geht alles ganz schnell: Die Enten-Familie marschiert los – vorbei an Reisebüro, chinesischem Lebensmittelgeschäft und Friseur. „Den Weg kennt die Mutter anscheinend sehr gut. Doch die Regeln im Straßenverkehr nicht“, sagt Dorothee von Schmude und schmunzelt. Sie gibt den Autofahrern ein Zeichen, dass sie warten sollen. Passanten bleiben stehen, helfen mit oder fotografieren den Entenmarsch über die Große Straße.

Mit stoischer Ruhe überquert die Mutter mit ihren Küken die Kreuzung Bei der Doppeleiche/Große Straße. Tierfreundin von Schmude versucht, die Truppe ein wenig von der Straße zu holen. Und da passiert das Unglück: Zwei Küken fallen durch einen Gullydeckel. Von Schmude hievt den schweren Metalldeckel hoch – und rettet abermals die Entenkinder. Der Trupp zieht schnatternd weiter, und mittlerweile zwanzig staunende Menschen im Gänsemarsch hinterher. Es ist 19.30 Uhr, als die Entenfamilie wohlbehalten den Ahrensburger Schlossgraben erreicht. Ente gut, alles gut.