Stormarn
Hamfelde

In Hamfelde wird Arbeit zur Lebenshilfe

Die Hermann-Jülich-Werkgemeinschaft bietet Behinderten ein Zuhause, in dem sie nicht nur betreut, sondern auch sinnvoll beschäftigt werden

Hamfelde. „Damit kann man Feuer machen“, erklärt Talal Damisi, während er sorgfältig gespaltene Holzscheite bündelt. Später werden die Bündel mit einem Docht versehen und in flüssiges Wachs getaucht. „Und dann werden sie auf unserem Martinsmarkt verkauft.“ Talal arbeitet in der Brennholzwerkstatt, ist 36 Jahre alt und hat das Downsyndrom. Er ist einer von 43 teilweise schwerst mehrfach behinderten Menschen, die in der Hermann Jülich Werkgemeinschaft nicht nur Arbeit, sondern auch ein Zuhause gefunden haben.

„Unser Ziel ist es, den Betreuten innerhalb eines beschützten Rahmens so viel Selbstständigkeit wie möglich zu lassen. Das fordert und fördert vorhandene Begabungen und die individuellen Möglichkeiten jedes Einzelnen“ sagt Anke Brammen, seit 2001 Leiterin der sozialtherapeutischen Einrichtung an der Hamfelder Hofstraße/Ecke Dorfstraße.

Zum Konzept gehöre auch, die Betreuten intensiv in unterschiedliche Arbeitsprozesse einzubinden. „Es ist unglaublich schön zu sehen, wie viel Stolz ein gemeinsam erschaffenes Produkt bei allen Beteiligten auslöst“, sagt Brammen.

Unter den Händen der Betreuten entstehen vielfältige Produkte

Die Produkte, die unter den Händen der Betreuten entstehen, sind vielfältig: In der Papierwerkstatt werden beispielsweise für verschiedene regionale Verlage hochwertige Bücher und Alben geschnitten, geleimt und gebunden. „Wir fahren jetzt gleich nach Hamburg und liefern aus“, erzählt Frieda aufgeregt.

Mit drei anderen Kollegen und Mitbewohnern sitzt sie in dem roten Bus der Werkgemeinschaft und wartet auf den Fahrer, Werkstattleiter Maik Welka. „Dass unsere Betreuten genau wissen, was mit ihrer Arbeit passiert, motiviert sie ungemein“, sagt Anke Brammen. „Sie erkennen, dass sie einen wichtigen Teil zum Ganzen beitragen.“ In Hamfelde bekomme auch der Schwächste eine sinnvolle Aufgabe.

Neben den ausgebildeten Heilerziehungspflegern und Sozialtherapeuten arbeiten derzeit sieben sogenannte Jahrespraktikanten auf dem Gelände des ehemaligen Gutshofes. Der 18-jährige Dustin Awater aus Xanten am Niederrhein ist einer von ihnen. Seit vergangenem August absolviert der Abiturient in Hamfelde ein Freiwilliges Soziales Jahr.

„Für mich stand schon immer fest, dass ich etwas im sozialen Bereich machen möchte. Ich hatte drei mögliche Stellen zur Auswahl und habe mich dann für Hamfelde entschieden“, sagt der 18-Jährige. Hier gefalle ihm vor allem die gute Atmosphäre und das lebendige, respektvolle Miteinander.

„Außerdem liegt Hamburg quasi vor der Tür. Da kann man am Wochenende auch mal einen draufmachen.“ Seine Kumpels und die Familie finden es gut, dass er mit Behinderten arbeitet und haben davor großen Respekt. Es gab aber auch andere Stimmen. „Warum gibst du dich mit solchen Leuten ab?“, fragten einige. Dustins knappe Antwort darauf: „Wegen solcher Leute wie euch.“

Im ehemaligen Schmiedegebäude des Gutshofes ist die Kräuterwerkstatt untergebracht. Es herrscht gerade Hochbetrieb, denn auch hier wird schon für den anstehenden Martinsmarkt produziert. Es riecht nach Salbei, Ringelblumen und Bohnenkraut – schon allein der Duft weckt die Lust auf einen guten Tee oder eine kräftige Suppe nach einem ausgiebigen Herbstspaziergang. In Schüsseln werden unterschiedliche Kräuter vermischt, um anschließend in Papiertüten à 40 Gramm abgefüllt zu werden. „Wir sammeln die Stängel heraus“, sagt Jana Holm, während sie eine Handvoll getrockneter Zitronenmelisse genau untersucht. Die 29-Jährige ist geistig behindert, seit fast zehn Jahren lebt und arbeitet sie in Hamfelde. Ulrich Smets, Sozialtherapeut und Leiter der Kräuterwerkstatt sagt: „Wir bauen alle Kräuter selbst an. Von März bis in den September sind wir im Garten beschäftigt, in den Herbst- und Wintermonaten verarbeiten wir die Ernte.“ Dazu gehören jährlich auch mehr als zehn Tonnen Äpfel, aus denen getrocknete Apfelringe und -chips gemacht werden.

Regelmäßig werden gemeinsame Ausflüge und Disco-Abende organisiert

Doch neben der ganzen Arbeit kommt in Hamfelde auch das Vergnügen nicht zu kurz. Gemeinsame Ausflüge, Disco-Abende, Feste und sportliche Aktivitäten stehen regelmäßig auf dem Plan. „Das alles könnten wir ohne unsere ehrenamtlichen Helfer gar nicht leisten“, sagt Einrichtungsleiterin Anke Brammen. Einer von derzeit zwölf Ehrenamtlern ist Volker Betz aus Brunsbek-Kronshorst.

Der 61-Jährige ist mindestens zweimal in der Woche in Hamfelde, um mit einer Gruppe von Betreuten Fahrrad zu fahren oder zu joggen. Dabei hat er nicht das Gefühl, Zeit zu opfern. Ganz im Gegenteil. „Ich gewinne durch das Zusammensein mit den Betreuten sehr viel. Sie lehren mich Offenheit und Bescheidenheit und bringen mir bei, ganz im Moment zu leben.“

An seinen ersten Besuch vor zwei Jahren erinnert sich Volker Betz noch ganz genau. „Ich hatte in erster Linie Mitleid und wusste nicht, wie ich vor allem mit den schwer geistig behinderten Menschen umgehen soll.“ Die Unsicherheit habe sich ziemlich schnell gelegt, erzählt der Stormarner. „Und Mitleid ist gar nicht nötig. Ich habe selten so viele Menschen von Herzen lachen gesehen wie hier.“