Trittau

Nico lässt es von Trittau aus krachen

Von der traditionsreichen Feuerwerksfirma ist ein vierköpfiges Managerteam übrig geblieben. Produziert wird in China

Trittau. Zwei Worte, ein Begriff: Nico-Pyrotechnik. Silvesterfeuerwerk gehörte Jahrzehnte zu den Trittauer Exportknallern. So wie die Mili-Milch eine gefühlte Ewigkeit Markenzeichen der kleinen Stormarner Gemeinde war. Vergangene Zeiten. Milch von glücklichen Kühen wird hier nicht mehr abgefüllt. Auch Raketen und Böller werden längst nicht mehr in Trittau hergestellt. Das stimmt. Aber Nico gibt es trotzdem noch – auch in Trittau.

Vier Mann halten mitten in Stormarn die Stellung. Sie waren schon dabei, als in der Hochphase Anfang der 1990er-Jahre die damals noch in Trittau produzierte Ware überall in der Welt nach oben geschossen wurde und den Himmel mit glitzernden Sternen übersäte. Das ist vorbei. „Feuerwerkskörper werden nirgends in Deutschland mehr hergestellt“, sagt Produktmanager Carsten Both. Da sei Trittau keine Ausnahme. „Heute wird das alles in China produziert.“

Aber was genau soll in Asien hergestellt werden? Welche neuen Kreationen kommen bei den Käufern an? Wie viel Ware soll bestellt werden für Deutschland, Österreich, die Schweiz oder auch Rumänien? Das alles wird im beschaulichen Trittau entschieden: im Headquarter von Nico Feuerwerk, der Nachfolgefirma des einstigen Familienbetriebs. Und deswegen ist Trittau eben doch eine Ausnahme. Denn hier sitzt das Kompetenzzentrum.

„Wir sind die alten Hasen“, so sagt es Axel Zimmermann auf seine Art. Er ist der Vertriebsleiter bei Nico Feuerwerk und 48 Jahre alt. Er ist schon zwei Jahrzehnte in dieser Branche tätig und verfügt über eine enorme Erfahrung. Im Nachbarbüro sitzt noch so ein alter Hase: Carsten Both, der neue Verkaufsschlager ersinnt, um die Absatzzahlen zu stabilisieren und möglichst wie die Raketen nach oben schnellen zu lassen. „Raketen sind out“, sagt er . Batterien seien in. Was sich nach Autos anhört, ist eine Abfolge verschiedenster Leucht- und Knalleffekte, die Carsten Both als Farb- und Hörrausch regelrecht komponiert.

Beim Silvesterverkauf entscheidet sich an drei Tagen die Arbeit eines Jahres

Der Produktmanager ist seit 1992 dabei und hat erlebt, wie mit der Übernahme von Rheinmetall 2002 aus dem einstigen Trittauer Traditionsunternehmen Nico Pyrotechnik ein Firmengeflecht wurde, in dem für viele Mitarbeiter kein Platz mehr war. Rheinmetall hatte Nico übernommen und nach und nach auch die von Nico zuvor selbst gekauften Unternehmen in Deutschland, Österreich, Schweden, Kanada und sogar in Korea. Aber Rheinmetall konzentrierte sich auf die militärischen Komponenten der Pyrotechnik und stieß die Firmen wieder ab.

„Die Leute wurden reihenweise entlassen. Ein Vertriebsbüro nach dem anderen wurde in Deutschland zugemacht“, sagt Both. Übrig blieb das Büro in Worms, das sich um Großkunden wie die Discounter kümmerte, und das für den Einzelhandel zuständige Vertriebsbüro in Wuppertal. Sie wurden weiterverkauft, bis sich schließlich die Nico Feuerwerk und die mit ihr zusammenarbeitende Nico Lünig Event unter dem Dach der Holding Pyro Contact als Schwestergesellschaften selbstständig machten.

Carsten Both ist froh, dass er heraus ist aus den turbulenten Zeiten und in einem kleinen Team arbeiten kann. Außer ihm als Produktmanager und Axel Zimmermann als Vertriebsleiter sind auch der Leiter des Label-Managements und der Leiter der Logistik Teil der Feuerwerk-Truppe in Trittau. Vier Herren – vier Kernbereiche. Für das Quartett zählt einzig das sogenannte Punktgeschäft.

„Wir dürfen ja erst ab dem 28. Dezember verkaufen“, sagt Carsten Both. In drei Tagen entscheidet sich die Arbeit eines Jahres. Da muss alles stimmen. Und das tut es offenbar. Die 45 Mitarbeiter, die in Trittau, Worms und Wuppertal im Einsatz sind, erwirtschaften einen Jahresumsatz von 20 Millionen Euro.

Das zeigt die immer noch vorhandene Größe des Unternehmens. Auch wenn auf dem einstigen großen Trittauer Firmengelände jetzt nur noch Rheinmetall Waffe Munition GmbH produziert – und das an der Straße An der Feuerwerkerei. Die Silvester-Experten sind dort vor gut zehn Jahren ausgezogen und arbeiten ganz unspektakulär in einem Geschäftshaus im Trittauer Gewerbegebiet. Manche Menschen finden sie auch dort.

„Es kommen immer wieder Leute, die meinen, sie könnten bei uns Raketen kaufen“, sagt Produktmanager Both. Aber die Ware liegt ausschließlich in den Regalen der Discounter und bei Einzelhändlern. Wenn Carsten Both seine Kreationen in Augenschein und in die Hand nehmen möchte, muss auch er das Flugzeug nehmen: China ist dann sein Ziel. Denn so entlegen das Büro im Trittauer Gewerbegebiet auch zu sein scheint, die schlauen Köpfe, die hier das Produkt, das Label, den Vertrieb und die Logistik meistern, besuchen nicht nur die Produktion, sondern auch die Vertriebsbüros in der Schweiz, in Österreich und in Rumänien. Natürlich geht es auch zum Firmensitz nach Wuppertal. Aber die meisten Reisen führen nach Asien, ins Reich des Drachen.

Der fliegende Drache. Drachen-Power. Drachen-Tränen. So heißen die neuen Produkte, die in China gefertigt werden. „Ich staune immer wieder, wenn ich dort hinfahre“, sagt Carsten Both. Kostenpunkt für ein Feuer speiendes Drachenvergnügen: zehn bis 30 Euro. Angesichts der Entwicklung der Produkte und der Wertigkeit der Ware sei das viel zu preiswert, meint der Kaufmann. „Und dann kommen noch die Transportkosten hinzu“, sagt Both.

Vier Wochen ist die Ware mit dem Schiff von Asien nach Deutschland unterwegs. „Der Vorlauf ist insgesamt sehr lang. Wir müssen schon ein Jahr im Voraus die Ware bestellen“, sagt Vertriebsleiter Axel Zimmermann. Wie viel die Menschen ein Jahr später tatsächlich kaufen werden, weiß er dann natürlich noch nicht. Kein kleines Risiko bei rund 300.000 Kartons, die über die Meere angeschippert kommen. In jedem Karton liegen vier, acht oder zwölf Feuerwerk-Batterien, hinzu kommen Raketen und die unverwüstlichen Wunderkerzen.

Das Lieblingsfeuerwerk des Vertriebsleiters heißt „Out of Limit"

Was der Vertriebsleiter selbst abschießt, weiß er schon genau: „Out of Limit“ heißt sein Lieblingsfeuerwerk. „36 Schuss, rasanter Aufstieg, schnelle Abfolge“, sagt Axel Zimmermann. Man spürt, wie er sich freut. „Ein Verbundfeuerwerk ist schon toll“, sagt der Vertriebsleiter, der auch für die Nico Event Lünig arbeitet. Ein solches Feuerwerk sei auch für Hochzeiten geeignet. Bei besonderen Ereignissen darf man es – mit Sondergenehmigung – auch mal krachen lassen.

Sein Kollege Carsten Both wird ein bisschen knallen. Zum Jahrtausendwechsel gab es die First Class Edition. Da ging es los mit dem Verbundfeuerwerk der Batterien, die die Raketen ablösten. Dem Produktmanager hat es das Modell „San Francisco“ angetan. Ein Sternenbouquet. Both: „Das ist eine Dreier-Batterie mit ineinander übergehenden Gold- und Silbertönen. Und sechs Schuss.“ Unüberhörbar. Nico lebt noch. Auch in Trittau.