Ammersbek

Bilder der Südsee – eingebrannt im Kopf

Künstlerin Katrin Magens aus Ammersbek war zur Exkursion auf Papua-Neuguinea. Die Erlebnisse verarbeitet sie jetzt in neuen Werken

Ammersbek. Sie hörte nur ihre Stimme. Eine Stimme aus dem Dunkel. Sie will nicht zehn Kinder kriegen, sagte die Stimme. Sie will nicht heiraten. Sie möchte einen Beruf erlernen. Sie will raus. Wie sie wohl aussah? Katrin Magens konnte es nicht erkennen. Nur die Umrisse der Frau zeichneten sich im Schein des Feuers ab, während Männer mit Masken durch die Flammen sprangen. Die Stimme hörte sich jung an. Vielleicht war die Frau Anfang 20. Vielleicht hatte sie schon schlimme Erfahrungen hinter sich, dachte die Ammersbekerin. Der Urwald war groß. Katrin Magens ging nie allein.

Der Künstlerin ist diese Szene vor Augen geblieben. Sie hat sich ihr eingebrannt. Auch all die anderen Bilder aus jener fremden Welt begleiten die Ammersbekerin seitdem. Im Sommer 2009 war sie drei Wochen durch Papua-Neuguinea gereist. Eine Zeit, die sie verändert hat. Die Eindrücke haben ihre Seele berührt und ihre Hände Südseebilder ins Holz schnitzen lassen. In Reinbek und in Schleswig sind sie zu sehen.

Es war ein langer Prozess. „Ich brauchte Abstand“, sagt Katrin Magens. Jetzt haben die inneren Bilder Gestalt angenommen: die Urkraft der Natur und der Zauber geheimnisvoller Rituale sind auf farbig bedrucktem Papier im Museum gelandet – in hochherrschaftlichen Schlössern der zivilisierten westlichen Welt. Was für ein Kontrast.

„Ich hatte das Gefühl, ein halbes Jahr weg gewesen zu sein. Jeder Tag hat mich sprachlos gemacht.“ Sie fühlte, wie Welten aufeinanderprallten. „Es gibt dort Ahnenkult statt Internet. Muschelgeld statt Bankautomaten. Steinschleudern statt Coca-Cola-Reklame.“

Zu neunt waren sie in jenem Sommer zur Exkursion aufgebrochen. Der Kontakt zur Hamburger Ethnologin Antje Kelm hatte der Stormarnerin die Chance eröffnet, an der Studienreise des Hamburger Museums für Völkerkunde teilzunehmen. „Ich war neugierig. Ich wollte die Menschen kennenlernen und Zugang zu den alten Kulturen finden.“

So machte sich Katrin Magens auf den Weg. Knapp 100 Jahre nachdem sich Emil Nolde auf die Suche nach der Ursprünglichkeit der Kunst begeben hatte. „Ich besuchte dieselben Orte. Ich war an denselben Stränden und bei denselben Volksstämmen“, sagt Katrin Magens. Sie war überwältigt von den Farben des Himmels, von den Geräuschen des Urwalds, der Fremdartigkeit der Sprache und den Gesichtern, deren Ausdruck so schwer zu enträtseln war. „Ich habe aber auch gesehen, wie Menschen mit glasigen Augen stundenlang auf der Betelnuss kauten.“ Die Droge der Armen, die wach macht, die euphorisierend wirken soll – und die das Zahnfleisch angreift und den Mund blutig rot färbt. Nicht alles war schön. „Es schien auch nicht dauernd die Sonne. Es war auch grau und schüttete, dass man im Schlamm und in Löchern versank.“

Sie erlebte die Angst vor Skorpionen im Bett und vor Übergriffen auf Touristen auf den Urwaldpfaden. Sie hörte von Vielweiberei. Und sie erfuhr von ehemaligen christlichen Missionsstätten, die heute Anlaufstellen für misshandelte Frauen sind. Und davon, dass Männer dieser Frauen ihr Gesicht verlieren und noch brutaler werden. „Und dann habe ich Männer gesehen, die sich liebevoll um ihre Kinder kümmerten. Und Großväter, die ihre Enkel herumtrugen. Es gab für mich immer ein Ja-Aber.“ Die Künstlerin war hin- und hergerissen. Was ist abstoßend? Und was können wir lernen? Wer ist der Wilde? Wer der wahrhaft Zivilisierte.

„Die Menschen dort lassen keinen Müll zurück. Unser Plastik schwimmt tonnenschwer in der Südsee“, sagt die Ammersbekerin. Aber es fehle westlicher Standard auf Papua-Neuguinea. „Es gibt keine Ambulanz im Urwald“, sagt die Künstlerin. „Trotzdem kriegen die Frauen ihre Kinder.“ Manche zehn und mehr. „Die Menschen helfen sich gegenseitig. Und das müssen sie, um zu überleben. Je tiefer man in den Urwald vordringt, desto so einsamer wird es.“

Die Exkursionsgruppe kam nach einer Reise von drei Tagen in der Hauptstadt Port Moresby an und flog dann nach Kavieng, Hauptstadt der Provinz Neuirland, zu der eine gleichnamige Insel gehört – im Bismarck-Archipel. Während der Kolonialzeit hieß die Insel Neu-Mecklenburg. Die 1900 gebaute Straße, die noch heute die kleinen Orte im Norden mit Kavieng verbindet, wurde mit Hilfe verurteilter Kannibalen eingesetzt.

Die Deutschen haben noch mehr Spuren hinterlassen. Magens: „Viele heißen Christina oder Alfons. Es gibt Blondschöpfe. Und gerade beim Stamm der Sulkas habe ich Einheimische mit heller Haut und dunklen Augen gesehen.“ Es sind Nachfahren der Kolonialherren. Magens: „Die deutschen Väter haben ihre Kinder nicht mitgenommen. Ihre Nachkommen leben am Rande, in den Klöstern. Eine traurige Geschichte bis heute.“

Die Ammersbekerin macht keinen Hehl daraus, dass sie dort nicht leben könnte. „Natürlich genieße ich es, dass hier warmes Wasser aus der Leitung kommt. Und trotzdem können wir von den Naturvölkern lernen. Wir dürfen ihnen auf keinen Fall unsere Kultur überstülpen“, sagt sie. Aber es geschieht. Und wie betrüblich die Folgen sind, hat sie auch gesehen. „Manche laufen in den Dörfern mit strassbesetzten Caps herum. Für andere ist ein T-Shirt ein Stück Glück. Sie verlieren ihre Würde. Oder sie kaufen Handys und verlieren ihr ganzes Geld.“

Es ist die Achtung der fremden Kultur, die sich in ihren farbigen Holzschnitten widerspiegelt. Es sind Abbilder ausgefeilter Choreografien ekstatischer Tänze. Bilder von Masken, exotischem Federschmuck und einer Nacktkultur, die allerdings nur die Frauen trifft, die durchaus Scham empfinden. Auf Fotos aus der Kolonialzeit hat Magens Einheimische gesehen, die weiße Tischdecken bügelten. So hat sie ihre archaischen Motive auch auf Stoff gebracht, die sie zuvor mit Zwiebelschale eingefärbt hat, um Farbnuancen zu erzielen. Schwarz-Weiß konnte sie die komplexe Kultur nicht abbilden.

Die Stimme am Feuer gehörte übrigens Nelly. Katrin Magens hat nach der Rückkehr auch in ihr Gesicht sehen können. Der Blitz einer Kamera hatte die Nacht der Ritualtänze für einen Moment erhellt. Was Nelly jetzt macht, ob sie Kinder hat oder einen Beruf oder ob sie schon Freiwild im Urwald geworden ist, weiß Katrin Magens nicht. 13.832 Kilometer trennen ihre Welten. „Aber ich möchte unbedingt wieder hin.“