Stormarn
Reinbek

Parkinson – es begann mit einem Zittern ...

Vor 16 Jahren erkrankte Hans Neipp an Parkinson. Jahrelang hat er versucht, seine Krankheit zu verheimlichen. Heute engagiert er sich in einer Selbsthilfegruppe in Glinde.

Reinbek . Die Glühbirne der Wohnzimmerlampe zu wechseln, ist für viele Menschen schlimmstenfalls ein Ärgernis. Für Hans Neipp ist es eine Herausforderung. "Eine Leiter wird dann schnell zu einer großen Treppe. Zumindest fühlt es sich so an", sagt er. Denn für ihn ist die Gefahr zu stürzen größer als für andere. Hans Neipp leidet seit 16 Jahren an der Parkinson-Krankheit. Seine Hände zittern, viele seiner Muskeln sind erstarrt.

Rückblick: Mitte der 90er-Jahre führt Hans Neipp ein abwechslungsreiches Leben. Er arbeitet als Hotelkaufmann, ist erfolgreich. Plötzlich bemerkt er, dass seine Hände unkontrolliert zittern. "Und mein rechter Arm pendelte beim Gehen nicht mehr mit. Mein Schriftbild wurde immer kleiner", sagt er. Seine Körperhaltung verändert sich, Er ist oft nach vorn gebeugt. Hans Neipp sucht sich Hilfe: "Ich bin zum Arzt gegangen, der hat mich zum Neurologen geschickt. Diagnose: Parkinson." Ein Schock für den zweifachen Vater: "Dieser Moment war unwirklich. Ein dumpfes Gefühl, als hätte mir jemand hart auf den Kopf geschlagen." Das ganze Ausmaß der Diagnose sei ihm erst später bewusst geworden: "Man steht vor der Praxis des Neurologen, ein Berg von Fragen stürzt auf einen ein."

Neipps Söhne sind zu jener Zeit im Teenageralter, die Familie ist auf das Einkommen des Vaters angewiesen. "Wie sollen wir das nur schaffen?", fragt er sich. Er arbeitet weiter. "Der Neurologe verschrieb mir Medikamente, mit denen die Symptome gehemmt werden sollten", sagt Neipp und beschreibt, wie diese wirken: "Im Gehirn wird L-Dopa zu Dopamin umgewandelt. Dieser Neurotransmitter regt Bewegungen an senkt so die Muskelstarre." Doch die Medikamente haben Nebenwirkungen. Neipp: "Ich bekam eine Schuppenflechte. In der Gastronomie musste ich einen Anzug tragen. Wenn man sich aber ständig Schuppen von den Schultern wischen muss, ist das schwierig."

Die Krankheit verschlimmert sich, trotz der Tabletten. Hans Neipp zittert bei der Arbeit. Sein Gesicht wird durch die Muskelstarre unflexibel, weswegen er in Gesprächen mit Gästen und Kollegen oft nicht lächeln kann. "Irgendwann kam die Frage: Trinkt der?", erinnert sich der Reinbeker. Diese Gerüchte hätten ihm sehr zugesetzt.

Es ist wichtig, über die Krankheit sprechen zu können, weiß Hans Neipp

Unter anderem deswegen versucht er jahrelang, die Krankheit zu verheimlichen. "Kundentermine habe ich so wenig wie möglich gemacht, viel am Telefon erledigt." Vor seinen Kollegen und seinem Arbeitgeber will er sich keine Blöße geben. "Das Geschäft ist hart. Und man weiß ja nie, wie lange man seinen Job behalten kann, wenn der Chef erfährt, dass man nicht mehr gesund ist", sagt der heute 65-Jährige. Das gelte immer noch. Und nicht nur in der Hotelbranche.

Vor knapp zehn Jahren entschließt er sich schließlich, seinen Beruf aufzugeben. Heute bezieht er Arbeitsunfähigkeitsrente. "Ich konnte die Krankheit nicht weiter verstecken. Deswegen habe ich gekündigt und mich erst einmal arbeitslos gemeldet. Meinen alten Arbeitskollegen habe ich bis heute nicht von der Erkrankung erzählt", sagt Neipp. Eine schwere Zeit für den gebürtigen Schwaben. "Man verfällt in eine Depression, das Selbstbild ist erschüttert", sagt er. Es sind seine Familie und seine Freunde, die ihn nach seiner Kündigung auffangen. "Wenn man die Diagnose Parkinson bekommt, denkt man zunächst, dass man allein ist. Es ist aber nicht so. Meine Frau hat sich immer sehr engagiert. Auch die Freunde waren da." Dennoch sieht sich Hans Neipp nicht als ein Mensch, der von anderen abhängig ist. "Es kann auch nerven, wenn die Freunde einem alles abnehmen wollen. Vieles mache ich noch selbst, ich fahre sogar noch kurze Strecken mit dem Auto", sagt er und fügt hinzu: "Ich versuche, die Erkrankung rational zu sehen, und nehme die täglichen Herausforderungen an."

Sein Alltag ist von Parkinson geprägt. "Ich muss eine halbe Stunde vor oder anderthalb Stunden nach einer Mahlzeit meine Medikamente nehmen", sagt er. Wenn er darauf verzichtet, verstärken sich seine Symptome. "Man könnte den Tagesverlauf als wellenartig beschreiben. Ich habe immer drei Stunden, in denen es mir verhältnismäßig gut geht. Dann baue ich ab und zittere stärker, habe Schmerzen. Vor allem im Rücken und in den Gelenken", sagt Neipp. Im Jahr gebe er mehr als 1000 Euro für Medikamente aus.

Jeder Tag muss für Hans Neipp nach einem Plan ablaufen. "Spontan mit einem Freund zum Mittagessen zu gehen ist kompliziert. Denn meine Mahlzeiten müssen ja auf meine Medikamentenaufnahme abgestimmt sein." Dennoch versucht er, aktiv zu sein. Er steht der Stadtteilgruppe Glinde der Deutschen Parkinson-Vereinigung vor. "Wir bieten jede Woche eine Krankengymnastik an, zu der jeder kommen kann. Einmal im Monat treffen wir uns zum Kaffeetrinken und zum Informationsaustausch."

Hans Neipp appelliert an Betroffene: "Viele kommen nicht, weil sie denken, dass es sie runterzieht. Aber es ist sehr wichtig, über die Krankheit sprechen zu können." Fast 30 Mitglieder hat die Selbsthilfegruppe in Glinde mittlerweile. Hans Neipp sagt: "Die Deutschen werden immer älter, es ist also wahrscheinlich, dass auch immer mehr Menschen an Parkinson erkranken. Vor allem Menschen ab dem 50. Lebensjahr bekommen die Diagnose. Ich hoffe, dass ich meinen Beitrag leisten kann, den Berg von Fragen, den ich auch empfunden habe, abzuarbeiten."

Interessierte können sich an die KIBIS-Selbsthilfekontaktstelle Stormarn im Uns Huus (Manhagener Allee 17, Ahrensburg, Tel. 04102/99 55 94) wenden.