Glinde

Glinder Firma Tipper Tie entlässt 70 Leute

Während der Betriebsrat gerade in Gründung ist, gibt Wurst-Clip-Spezialist Tipper Tie das Aus für die Produktion bekannt.

Glinde. Die Tipper Tie Technopack GmbH in Glinde trennt sich von fast der Hälfte ihrer Belegschaft. Ungefähr 70 der rund 160 Mitarbeiter müssen das Unternehmen verlassen, das auf die Herstellung von Clipmaschinen und Clips unter anderem für die Wurstproduktion spezialisiert ist. "Die Produktion wird dichtgemacht", sagt Martin Geißler von der IG Metall.

Besonders pikant: Der massive Personalabbau überschneidet sich mit Bestrebungen der Angestellten, einen Betriebsrat zu gründen. "Am 18. Dezember ist ein Wahlvorstand bestimmt worden", sagt Gewerkschafter Geißler. Der Termin für die Wahl der Arbeitnehmervertretung steht seitdem fest, es ist der 20. Februar.

Zu spät: Am 8. Januar, am Dienstag vor einer Woche, hat die Geschäftsführung die Tipper-Tie-Mitarbeiter während einer Betriebsversammlung von dem bevorstehenden Arbeitsplatzabbau in Kenntnis gesetzt. "Die Arbeitgeber behaupten, dass sie die Planungen für die Umstrukturierung bereits am 1. Dezember abgeschlossen hatten", sagt Geißler.

Die Stimmung bei Tipper Tie ist seit jenem Tag vor einer Woche auf dem Tiefpunkt angelangt. Die Firmenzentrale am Ende eines Wendehammers der der Otto-Hahn-Straße im Gewerbegebiet wirkt verschlossen; die meisten Mitarbeiter sind es auch. Nach Abendblatt-Informationen dürfen sie nicht darüber sprechen, was die Menschen drinnen hinter dem Werkstor beschäftigt: Sie sollen Geheimhaltungserklärungen unterschrieben haben.

Und sie sind offenbar in Sorge, im Falle eines Wortbruchs noch schlechter dazustehen als ohnehin schon. "Ihnen sind Aufhebungsverträge mit Abfindungszahlungen angeboten worden", sagt IG-Metall-Mann Martin Geißler, "manche Mitarbeiter sollen je ein halbes Monatsgehalt pro Jahr der Betriebszugehörigkeit bekommen, andere nur je ein viertel."

Manfred Hein ist einer der wenigen aus der Belegschaft, die sich äußern. Der 61-Jährige gehört dem fünfköpfigen Wahlvorstand an, der die Betriebsratswahl vorbereiten soll. "Wir wollten das Gremium eigentlich schon vor drei Jahren gründen", sagt er. Aber die meisten Kollegen hätten die Auffassung vertreten, dass das nicht nötig sei. "Sie sind der Meinung gewesen, dass wir ja immer ein Familienbetrieb gewesen seien. Da brauche man so etwas nicht. Einige sind schon seit 30 Jahren dabei", sagt der ehemalige Außendienstler, der inzwischen aus gesundheitlichen Gründen im Innendienst arbeitet.

Auch er ist vom anstehenden Personalabbau betroffen. "Aber ich wollte im kommenden Jahr ohnehin in Rente gehen", sagt Hein, "insofern trifft es mich nicht ganz so hart."

Ein Familienbetrieb ist das Unternehmen, 1960 in Hamburg unter dem Namen Technopack als Vertriebsorganisationen für Clips und Clipmaschinen aus dem Hause der US-Firma Tipper Tie gegründet, schon lange nicht mehr. 1994 übernahm das amerikanische Unternehmen mit Sitz in Apex (North Carolina) Technopack. Tipper Tie selbst ist seit 1981 Teil der Dover Corporation, eines großen Firmenverbunds mit Sitz in Chicago.

Die Entwicklung sei schon vor zwei, drei Jahren absehbar gewesen, meint Hein. Er geht davon aus, dass Tipper Tie die Produktion nach Slowenien und Kasachstan verlagert. "Wir hätten den Lauf der Dinge nicht aufhalten können", sagt er. "Aber wir wollen uns dafür einsetzen, dass der Personalabbau so sozial wie möglich vollzogen wird." Wenn Manfred Hein von "wir" spricht, dann meint er die Kollegen im Betriebsrat, den es noch nicht gibt. Doch die Wahl am 20. Februar soll in jedem Fall durchgezogen werden.

Wenn der Personalabbau vollzogen ist, will Tipper Tie den Standort Glinde offenbar ganz aufgeben. Manfred Hein ist davon überzeugt: "Wir werden rausgehen. Am Jahresende gehen hier die Lichter aus." Das deckt sich mit einer jüngst auf der Internetseite der Firma veröffentlichten Mitteilung. In der Rubrik "Aktuelles" heißt es dort: "Ein neuer deutscher Standort im Raum Hamburg wird als zentraler Standort für Konstruktion, Service, Verwaltung und Logistik für Europa ausgebaut." Wo das sein wird, ist noch unklar.

Und die Firma, die Jobs in Glinde gerade abbaut, will woanders noch viel mehr ausbauen. In derselben Mitteilung heißt es: "Nach der erfolgreichen Einweihung des Maschinenbau-Standorts Flawil/Schweiz 2010 wird nun der weitere Ausbau der Fertigung eingeleitet." Tipper-Tie-Chef Gernot Förster wird mit den Worten zitiert: "Der weitere Ausbau der Maschinenproduktion in der Schweiz war ein logischer Schritt. Flawil (Standort der 2000 in die Tipper-Tie-Gruppe integrierten Firma Alpina, d. Red.) ist schon heute der größte Maschinenlieferant unserer Gruppe."

Weder Förster noch ein anderes Mitglied der Geschäftsführung waren am Montag trotz zahlreicher Anfragen für das Abendblatt zu sprechen.