Wohnsituation

Reinbek: "Großsiedlungen drohen Probleme"

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Bianca Hannig

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Reinbeks Bürgermeister Axel Bärendorf warnt vor einer möglichen Gettoisierung in Neubaugebieten mit vielen zugezogenen Bewohnern.

Glinde. Kräne kreisen, Baumaschinen lärmen, Häuser schießen wie Pilze aus dem Boden. In rasanter Geschwindigkeit entsteht in Glinde im zurzeit größten innerstädtischen Siedlungsprojekt in Schleswig-Holstein ein komplett neuer Stadtteil mitten im Zentrum der Stadt. Rund 3000 Menschen sollen am Ende auf dem ehemaligen Depotgelände "Alte Wache" leben. In 750 Wohneinheiten auf insgesamt 36 Hektar Fläche. Nicht nur für die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) ist das bisher das größte Wohnbauprojekt. Auch für die Stadt Glinde.

Aus Sicht von Axel Bärendorf, Bürgermeister der Nachbarstadt Reinbek, können solche Großprojekte aber auch Gefahren bergen. "Hinter so einem geballten Zusammenkommen sitzt ein massives soziologisches Problem. Es kommen schließlich alle Menschen auf einmal an einen neuen Ort. Und alle müssen miteinander klarkommen", sagt Bärendorf. Die Leute seien nicht miteinander verbunden, sondern müssten sich erst zusammenfinden.

Das Leben in langsam gewachsenen Stadtteilen sei anders strukturiert. Dort kenne jeder jeden. "Die sozialen Strukturen konnten sich da über lange Zeit hinweg entwickeln", so Bürgermeister Bärendorf. Hinzu komme, dass die Grundstücke in Neubaugebieten heutzutage oftmals kleiner angelegt seien. Dort herrsche in der Regel Dichtestress. Wohnblöcke und Einfamilienhäuser stünden dicht an dicht. Dort seien Probleme vorprogrammiert. "Da kann es schon mal vorkommen, dass der eine Nachbar den anderen bitten muss, das Küchenfenster zu schließen, weil er selbst gerade lüften möchte", sagt Bärendorf und will damit nur ein kleines Problem benennen. Insgesamt aber könne sich ein Prozess entwickeln, der für eine Kommune sehr aufwendig werden könne. Bärendorf meint damit das Problem einer möglichen Gettoisierung.

Als Beispiel dafür führt er die Großsiedlung Gartenholz-Krämerberg in Ahrensburg an. Es sei Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre eines der ersten großen Wohnquartiere in Stormarn gewesen. Obwohl es heterogen geplant gewesen sei, mit Einfamilienhäusern und einer generationsübergreifenden Sozialstruktur, habe dort vieles nicht so funktioniert wie angedacht. "Es sind Effekte eingetreten, die der sozialen Unterstützung und Auffangarbeit bedurften", so Bärendorf, der von 1987 bis 1991 als Amtsleiter in Ahrensburg tätig war.

In Glinde aber hätten sich die Stadtplaner viele Gedanken gemacht, erklärt Glindes Bürgermeister Rainhard Zug. "Anders als bei Stadtplanungen in der Vergangenheit setzt man heute noch viel stärker auf heterogene Strukturen", so Zug. Nicht nur Einfamilienhäuser oder nur Wohnblöcke entstehen, sondern heute baue man generationsübergreifende Quartiere. Auch in Glinde.

Zudem seien verschiedene soziale Gruppen berücksichtigt worden. "Es ziehen nicht nur die gut verdienenden Hamburger her", so Zug. Ein Drittel der Menschen im Neubauviertel Alte Wache seien Glinder, das zeigten bereits die ersten Zahlen, die der Verwaltung vorlägen.

Dadurch, dass auch einige Ältere sich von ihren zu groß gewordenen Häusern in anderen Stadtteilen trennen und in die seniorengerechten Wohnungen zögen, durchmische sich nicht nur das neue Quartier, sondern die gesamte Stadt, so Zug. Zudem liege das Wohngebiet mitten in der Stadt und nicht am Stadtrand, was auch Problemen vorbeuge.

Ob das Zusammenleben funktioniere, wisse man nie, erklärt Günter Fischer, Fachdienstleiter für Planung und Verkehr im Kreis Stormarn. Aber in Glinde sei etwas Tolles gelungen, das von Anfang an vom Kreis unterstützt worden sei. Eine städtebauliche Weisheit besage: "Wohnmix ist immer etwas Gutes", so Fischer. Einfamilienhäuser, Reihenhäuser, sozialer Wohnungsbau, Miet- und Eigentumswohnungen. Und das habe Glinde seiner Meinung nach gut hinbekommen. "Wer letztendlich dorthin zieht und ob sich alle verstehen, das kann man nicht steuern", sagt Günter Fischer.

Ein Problem aber, das sich bereits abzeichnet, will Glinde schon bald angehen. Denn durch den Zuzug besonders vieler junger Familien mit kleinen Kindern muss Glinde dringend Plätze in der Kinderbetreuung schaffen. Die Kita "Zwergenwache" im Neubaugebiet war nach kurzer Zeit belegt. Nun plant die Stadt eine neue Krippe. Zug schätzt, dass mehr als eine Million Euro in einen Neubau investiert werden muss.

Wie sich Stormarns derzeit größtes Neubaugebiet entwickele, bleibe abzuwarten, sagt Axel Bärendorf. "Die Stadtplanung in Glinde hat insgesamt sehr engagiert und verantwortungsvoll gearbeitet. Aber ich bin gespannt, wie der Ort in drei Jahren aussehen wird."

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