"Es war Zeit, etwas Neues zu machen"

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Alice Friedrich

Foto: Birgit Schücking

Bank-Geheimnisse: Trittaus VHS-Leiterin Gudrun Perrey hat eine Biografie über das Leben der Erzieherin Caroline Rudolphi geschrieben

Trittau. Sie glaubt nicht an Zufälle. Was kommen soll, das kommt, wenn die Zeit dafür reif ist. Davon ist Gudrun Perrey überzeugt. Den Beweis hält sie in Händen: ihr erstes Buch, eine Biografie über Caroline Rudolphi. "Als ich vor fünf Jahren anfing zu recherchieren, war die Zeit da, etwas Eigenes, Neues zu machen", sagt die Leiterin der Trittauer Volkshochschule (VHS). Die drei Kinder waren flügge, der gemeinsam mit Ehemann Hans-Jürgen publizierte Text-Foto-Band "Theodor Fontane in Hamburg und Schleswig-Holstein" lag sieben Jahre zurück, der Kampf um eigene Räume für die Volkshochschule war erfolgreich ausgefochten.

Neben dem Literaturkursus, den sie seit Jahren leitet, der Gestaltung der Semesterprogramme und den administrativen Aufgaben, die ihr als VHS-Leiterin abverlangt werden, hatte sie mit einem Mal die Muße, dem Leben und Wirken der Schriftstellerin und Erzieherin Caroline Rudolphi (1753 bis 1811) nachzuspüren, die eine kurze Weile in Trittau beheimatet war. Und sie macht gleich zu Beginn ihrer Recherchen einen sensationellen Fund, entdeckt in Bremen 60 Briefe aus dem Nachlass einer ehemaligen Schülerin der Rudolphi. "Ich war die erste, die die Briefe in der Hand hielt. Und ich durfte sie sogar einscannen", erzählt Gudrun Perrey, und noch immer schwingt eine leise Ungläubigkeit über soviel Forscherglück mit.

Gudrun Perrey ist in Hamburg geboren, in Großhansdorf aufgewachsen, in Trittau zu Hause, hat Germanistik, Anglistik und Erziehungswissenschaften studiert und in Pädagogik auch promoviert. Ihr Schwerpunkt ist die Fremdsprachendidaktik und -methodik. Zahlreiche fachwissenschaftliche Aufsätze hat sie veröffentlicht.

Sie gibt Englischkurse an der Volkshochschule Trittau, übernimmt dann die Leitung der Bildungseinrichtung, ab 1987 zunächst nebenamtlich, ab 1990 hauptamtlich in Teilzeit. Ein "VHS-Urgestein". In ihren Literaturkursen werden Klassiker durchgenommen, Bücher, die "man nicht mal eben vorm Einschlafen noch liest." - "Joseph und seine Brüder" von Thomas Mann zum Beispiel. Ihr Anspruch: Mit Gewinn lesen, mit Freude lernen.

"Dafür bin ich zu alt", lässt sie nicht gelten. "lernen kann man bis ins hohe Alter. So wie wir für unsere körperliche Fitness etwas tun, müssen wir auch kontinuierlich unser Gehirn trainieren. Und das trainieren wir am besten in der Gemeinschaft und mit sinnvollen Inhalten." Dafür sei die VHS zuständig, das müsse sie "rüberbringen." Dafür lohne es sich zu kämpfen, für schöne Kursräume etwa. Da bleibt Gudrun Perrey am Ball, leise aber hartnäckig.

"Erholen kann ich mich Zuhause beim Schreiben", sagt sie. Das ist ihr Hobby, ihr Gehirnjogging. "Ich habe noch nie soviel gelernt, wie beim Schreiben." Auch weil sie sich in neue Gebiete einarbeiten musste, ins Studium der Handschriften zum Beispiel. Anfangs braucht sie einen Nachmittag, um eine Seite aus den in "Kurrent" geschriebenen Briefen der Caroline Rudolphi zu entziffern. Die Buchstaben sind zierlich, die Tinte oft schon verblichen.

Wenn sie abschalten muss, schwingt sie sich aufs Rad, joggt oder wandert durch die Hahnheide. Da werde der Kopf wieder frei.

"Es ist nicht leicht, die Rudolphi einzuordnen", sagt Gudrun Perrey. Sie ist nicht die erste, die sich mit dem Leben und Wirken der Erzieherin und Schriftstellerin auseinandersetzt. Schon 1900 war eine Biografie erschienen. "Wenn ich keinen eigenen Zugang gefunden hätte, hätte ich das Thema beiseite gelegt", sagt die 56-Jährige. Akribisch begibt sie sich auf die Suche, forscht in Datenbanken, Archiven, Kirchenbuchämtern und Bibliotheken und hat bei der ersten Auswertung das Gefühl, "dass der Mantel der Geschichte an ihr vorbei weht." Die vielen spannenden Erlebnisse beflügeln ihren Forscherdrang. Nach und nach fügen sich die Puzzle-Teile zu einem Ganzen, das der bisherigen Rudolphi-Forschung neue Aspekte verleiht. Gudrun Perrey kann nachweisen, dass frühere Quellen sich geirrt haben, dass Caroline Rudophi 1753 und nicht 1754 in Magdeburg geboren wurde. Sie arbeitete als Erzieherin bei einer adligen Familie in Trollenhagen, ging 1783 mit den vier Töchtern der Familie nach Trittau, wo ihr Bruder bei Joachim Heinrich Campe als Hauslehrer tätig war und sie selber an der Rausdorfer Straße ein Mädchenpensionat gründete.

Was sie an Caroline Rudolphi so fasziniert? "Sie war ein Kind des 18. Jahrhunderts und ihrer Zeit zugleich weit voraus", sagt Gudrun Perrey. Die Rudolphi fordert Bildung für alle, sorgt für ihren Lebensunterhalt, startet mit fast 50 Jahren zusammen mit ihren Zöglingen in Heidelberg noch einmal durch, macht ihr Haus zum gesellschaftlichen Mittelpunkt. Clemens von Brentano und Achim von Arnim gingen bei ihr ein und aus.

Dass es auch Schattenseiten im Leben der emanzipierten Frau gegeben hat, kann Gudrun Perrey aus den bisher unbekannten Briefen herauslesen. Darin ist auch von der unglücklichen Liebe einer Schülerin die Rede, deren Bruder Rudolphis Bildungsroman rausgebracht hat. Über diesen Mann, der als Verleger der Heidelberger Romantik bekannt wurde, wird die VHS-Leiterin ihr nächstes Buch schreiben. Auf ihre Art: wissenschaftlich fundiert, unterhaltsam und spannend. Zufall, dass sie auf die Person gestoßen ist? Wohl eher wieder ein Glücksfall, bei dem der Zufall vielleicht ein wenig nachgeholfen hat.

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