Stormarn

Staatsanwalt wirft Ex-Anwalt Betrug vor

Ahrensburg: Prozeßbeginn. Der hochverschuldete Angeklagte soll sich Geld geliehen haben, um seine Zulassung zu retten, und zahlte es nicht zurück.

Ahrensburg. Er war einer der bekanntesten Anwälte in Ahrensburg. Seit gestern muß sich der 61jährige selbst vor dem Amtsgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft legt dem Juristen Betrug und Untreue zur Last. Es ist der vierte Versuch, die Vorwürfe zu verhandeln: Ein Prozeß im Frühjahr 2004 wurde abgebrochen, die erste Anklage um die zweite ergänzt. Ein Jahr später mußte das Verfahren erneut vorzeitig beendet werden, weil der Anwalt wenige Tage vor der Urteilsverkündung ins Krankenhaus mußte. In diesem Januar bescheinigte ein Arzt dem 61jährigen Verhandlungsunfähigkeit.

Saal 1 des Gerichtsgebäudes an der Königstraße. Diesmal ist der Angeklagte gekommen. Im hellgrauen Anzug, unter dessen Jackett er einen dunklen Baumwollpullover trägt, sitzt er auf der Anklagebank und hört sich aufs Neue an, worum es geht. Sehr souverän wirkt er dabei. Den Routinier bringt scheinbar nichts mehr aus der Fassung.

Umgerechnet gut 100 000 Euro hatte sich der Jurist im Sommer 1998 von einer guten Freundin geliehen, für maximal ein halbes Jahr. Auf das Geld aber wartet die Frau bis heute. Das ist weitestgehend unstrittig. Doch Strafrichter Friedrich Kies (37) muß nun klären, ob der Jurist sich die Summe unter Vorspiegelung falscher Tatsachen geborgt hat, ob er es sonst vielleicht nicht bekommen hätte. Nur dann nämlich liegt jene "Täuschung" vor, mit der das Strafgesetzbuch den Tatbestand des Betrugs definiert.

Der zweite Vorwurf, jener der Untreue, soll erst in der kommenden Woche auf den Tisch kommen. Auch hier geht es um gut 100 000 Euro. Die soll der Jurist auf einem Anderkonto geparkt und zu früh an einen Geschäftspartner ausgezahlt haben.

Gemessen am früheren Lebensstil des Mannes sind solche Summen Peanuts. Denn der Anwalt und Notar jonglierte beruflich wie privat mit Millionen und berichtete auch gern von seinem Reichtum. "Er hat uns immer erzählt, daß er 30 Eigentumswohnungen besitzt, ein Haus an der Bellevue in Hamburg, eine Wohnung auf Mallorca und das Geschäftshaus an der Königstraße in Ahrensburg", sagt Monika S. (63, Name geändert), Geschädigte und Hauptbelastungszeugin im ersten Fall. Ihr Mann und die Frau des Angeklagten kennen sich seit Jahrzehnten, waren berufliche Weggefährten in der Hamburger Presselandschaft.

Ob Monika S. auch wußte, wie es um des Juristen Vermögen wirklich bestellt war? Auf den Immobilien lasteten Schulden in Höhe von rund 2,55 Millionen Euro. Eine Nachforderung des Finanzamts in Höhe von zusätzlichen gut 350 000 Euro drohte dem Anwalt und Notar finanziell das Genick zu brechen. Damit nicht genug: Die Finanzbehörde rief das Justizministerium auf den Plan. Und so kam es, daß der Anwalt und Notar im Juni 1998 "wegen Vermögensverfalls" seine Zulassungen einbüßte.

In dieser Situation brauchte er dringend Geld. Denn der Sofortvollzug des Zulassungsentzugs wurde zwar nach zwei Wochen für die Dauer von zwei Wochen aufgehoben. Er bekam aber die Auflage, umzuschulden.

In einer eiligen Aktion schnitzte er einen Darlehensvertrag zwischen sich und Monika S., den die Frau unterschrieb. Noch am selben Tag nahm sie einen entsprechenden Kredit bei ihrer Hausbank auf und verpfändete dafür ihr fest angelegtes Vermögen ans Kreditinstitut. "Ich hatte doch Vertrauen in einen Anwalt und Notar", sagt sie. Daß dieser Anwalt am Tage der Geldtransaktion keiner mehr war - das will sie nicht gewußt haben.

Aber der Angeklagte ist keiner, der sich bei Problemen unterkriegen läßt. Er verkaufte das Haus an der Bellevue (von dem ihm nur die Hälfte gehörte, die andere einem bekannten Ahrensburger Geschäftsmann), die Wohnung auf Mallorca, und er lieh sich Geld von einem anderen bekannten Ahrensburger Unternehmer. Doch die Erlöse aus den Immobilien waren geringer als erwartet, geringer als nötig.

"Es hätte aber klappen können", sagt der Angeklagte nun vor Gericht. Alsbald stand auch fest, daß der Jurist seine Zulassung dauerhaft verlieren würde - obwohl er mit einem Staatssekretär im Justizministerium verhandelte. "Aber es hätte klappen können", sagt er.

Im Gerichtssaal wird gelüftet. Durch das geöffnete Fenster kann der Jurist den First des Haus sehen, das ihm einst gehörte, in dem seine Kanzlei war. Und in dem er zuletzt als "freier Mitarbeiter" Verträge entwarf und sie dann Kollegen zum Beglaubigen vorlegte. Ein Konstrukt übrigens, das in der Vergangenheit ebenfalls Gegenstand kritischer Prüfungen verschiedener Behörden war. Das Haus ist zwangsversteigert worden. Der Angeklagte hatte 2003 Insolvenz angemeldet. Der Prozeß wird fortgesetzt.