Stormarn

Vom kühnen Traum blieb nur ein Schleusenbecken

Alster-Trave-Kanal: Frühere Wasserstraße durch Stormarn ist jetzt ein Denkmal. Ein Wanderweg erinnert an den ehrgeizigen Plan, zwischen Hamburg und Lübeck eine schiffbare Verbindung herzustellen.

Sülfeld. Nüchtern betrachtet ist es nur ein kleiner, von Grünalgen überwucherter Weiher, auf den der Betrachter am Neuen Weg nahe der Ortsmitte von Sülfeld stößt. Daß es sich bei dem Weiher in Wahrheit um ein Denkmal und Zeugnis einer aufregenden Episode der hanseatischen Geschichte des 15. und 16. Jahrhunderts handelt, darauf weisen nun Hinweistafeln des archäologischen Landesamtes hin. Durch sie erfährt der Betrachter, daß das Gewässer am Neuen Weg ein Schleusenbecken des legendären Alster-Trave-Kanals ist.

Insgesamt drei Tafeln ließ die Denkmalschutzbehörde entlang des historischen Verlaufs des ehemaligen Kanals in Sülfeld aufstellen. "Das unterstreicht die Wichtigkeit dieses Denkmals, bedenkt man, daß im gesamten Kreis Stormarn seit 2003 nur 21 Tafeln aufgestellt wurden", sagt Holger Hammon, der für das Landesamt die Beschilderung von Denkmälern in Schleswig-Holstein steuert. Als "Motor" der Aktion bezeichnet Hammon den Sülfelder Gemeindearchivar Ulrich Bärwald, der erstmals 1997 die Ausschilderung anregte. "Wir sind uns der Bedeutung des Kanals als Denkmal hanseatischer Geschichte in unserer Dorfmitte heute sehr bewußt. Doch in den 60er Jahren hätte nicht viel gefehlt, und der gesamte Kanal samt Schleusenbecken wäre zugeschüttet worden", so Bärwald.

Die Gemeinde Sülfeld hat heute nicht nur das neue Baugebiet in der Ortsmitte "Am alten Alsterkanal" getauft. Im Rahmen der Erschließung sanierte sie das Schleusenbecken und machte aus dem alten Treidelweg entlang des Kanals einen Wanderweg von der Ortsmitte bis in das Sülfelder Moor. Wanderer haben nun die Möglichkeit, dem Kanal auf seiner kompletten Länge von acht Kilometern bis zum Gut Stegen zu folgen. An vielen Stellen ist das historische Bauwerk allerdings nur noch zu erahnen.

Die Geschichte des Kanals ist aufregend und umfaßt insgesamt 100 Jahre. Sie handelt vom kühnen Traum der Hansestädte Hamburg und Lübeck, eine schiffbare Verbindung unter sich herzustellen. Die Schiffsroute um Skagen und das Kattegatt war gefährlich, viele Schiffe und Waren gingen verloren. Außerdem waren die dänischen Zölle hoch. Der Landweg durch Stormarn war wegen des sandigen und hügeligen Bodens beschwerlich für Fuhrwerke. Raubritter und Wegelagerer sorgten für zusätzlichen Ärger.

Borsteler Gutsbesitzer ließ Neritzer Schleusenwärter töten.

Die konkrete Entstehung des Wasserweges beginnt 1448. Die Strecke war auf 40 Kilometern Alster bis Stegen, auf acht Kilometern Kanal bis Sülfeld, weiteren 15 Kilometern Norderbeste bis Bad Oldesloe und von dort auf 28 Kilometern über die Trave bis Lübeck geplant. Der technische Anspruch war für die damalige Zeit gewaltig: Mit 23 Schleusen und 26 Brücken sollten 28 Meter Höhenunterschied von Hamburg bis zur Wasserscheide und 33 Meter bis zur Ostsee überwunden werden. Bis 1452 wurde die Alster bis Stegen mit unheimlichem Aufwand und Kosten schiffbar gemacht. Sechs Kilometer Kanal entstanden. Dann wurde das Geld in Hamburg knapp, und das Projekt wurde verworfen. Erst 1525, nach einem Vertrag mit dem Dänen-König Friedrich I., machten sich die Hansestädte an den Bau des Kanals bis Sülfeld. 1529 passierten die ersten mit Holz beladenen Schiffe den Kanal. Doch er litt unter Sabotage. Der Besitzer des Gutes Borstel, Marquard von Buchwaldt, durch dessen Gebiet der Kanal führte, wurde zwar von den Hansestädten abgefunden, doch er störte den Betrieb mit allen Mitteln - etwa indem er Baumstämme über den Kanal werfen ließ. Als 1549 sogar der Schleusenwärter in Neritz erschlagen wurde, war das Ende der Betriebszeit gekommen. Die Schleusen oberhalb Stegens verfielen, ebenso das Kanalbett. Nur 21 Jahre war die Strecke in Betrieb.