Stormarn

Die erste Testfahrt der S 4

Foto: S4-Initiative

Bahn wollte den Versuch eigentlich geheim halten. Initiative in Partystimmung : "So weit waren wir noch nie"

Ahrensburg. Zehn Jahre lang hat Jörg Sievers auf diesen Moment gewartet. Und nun ist er nicht dabei, sondern entdeckte nur ein Bild im Internet. Ohne Ankündigung ist jetzt ein S-Bahn-Testzug der Baureihe 474 von Hamburg nach Ahrensburg und zurück gefahren. "Ich habe das bei Facebook gesehen", sagt Jörg Sievers, der sich bei der S 4-Initiative in Stormarn engagiert. Auf der Seite "Initiative Pro S 4! Eine S-Bahn für Wandsbek" in dem sozialen Netzwerk Facebook wurde ein Foto hochgeladen. Irgend jemand hatte es gemacht, als der Zweisystemzug bei Sonnenschein am Rahlstedter Bahnhof hielt. Die Bahn wollte die Fahrt am vergangenen Sonntag geheim halten. Aber so richtig heimlich geht eben kaum noch was, seit es Handykamera und Internet gibt.

Das wissen auch die Leute bei der Bahn. Und die sind von so viel Öffentlichkeit gar nicht begeistert. Ein Bahn-Sprecher grummelt ein wenig und sagt: "Wir wollten gar nicht, dass das bekannt wird. Das war eine innerbetriebliche Testfahrt. Für die offizielle Testfahrt planen wir etwas Größeres." Es soll dann Prominenz dabei sein und alles etwas feierlicher, wenn die erste offizielle Bahn durch Stormarn fährt. "Ein Termin steht aber noch nicht fest."

Erst einmal sollte geprüft werden, ob die Bahnstrecke überhaupt für Hamburger S-Bahn-Züge geeignet sei. Es hätte ja sein können, dass die Bahnsteigkanten der Haltestellen nicht zu den Zügen passen. Das Ergebnis: Alles passt. Und Jörg Sievers freut sich. "Das ist super, dass die Abstände stimmen. Und es ist doch von Vorteil, dass sie die Strecke testen konnten, bevor sie gebaut wurde", sagt er. "Endlich hat der Nahverkehr auch etwas von der Elektrifizierung für die Güterzüge."

Aber Ole Thorben Buschhüter, Abgeordneter des Wahlkreises Rahlstedt (SPD), sagt: "Erst die geplante offizielle Testfahrt soll dem Projekt S 4 ein Gesicht geben. Darum, die S-Bahn wirklich fahren zu lassen, geht es gar nicht." Für die S 4 müssten erst neue Gleise gebaut werden. Erst dann komme es zu einer Verbesserung und einer Taktverdichtung im Personen-Nahverkehr. Die Züge der S-Bahn könnten jetzt noch nicht einfach auch auf den Gleisen fahren. Derzeit verkehren mehr als 220 Züge täglich, die R 10 teilt sich quasi die Strecke Hamburg-Lübeck mit Fern- und Güterzügen. "Außerdem gibt es am Hauptbahnhof gar nicht genug Bahnsteige, um mehr Züge abzufertigen, die auf den Gleisen des Regionalverkehrs fahren", sagt Buschhüter, der der Hamburger Sprecher der S 4-Initiative ist. Auch dieses Problem könne durch neue Gleise gelöst werden, denn dann würden die Züge im S-Bahn-Bereich ankommen. Da seien ausreichend Kapazitäten vorhanden.

Also: Erst Umbau, dann Freude.

Bei der S 4-Initiative in Stormarn freut man sich trotzdem schon länger. "Wir sind in Partystimmung, seit der Bund seine grundsätzliche Bereitschaft erklärt hat, das Projekt mitzufinanzieren", sagt Jörg Sievers. Bei einem Treffen zwischen den Ländern Hamburg, Schleswig-Holstein und dem Bundesverkehrsministerium in Bonn hatten sich Schleswig-Holstein und Hamburg erstmals gemeinsam für den Bau der S-Bahn-Linie eingesetzt. Das war ein großer Schritt in Richtung Verwirklichung des Projektes.

"So weit waren wir noch nie", hatte Ole Thorben Buschhüter Anfang März zum Abendblatt gesagt. Mit einer Vorentwurfsplanung sollen zunächst die Kosten für das Projekt berechnet werden. Nach Schätzungen wird die Verwirklichung der S 4 rund 350 Millionen Euro kosten. Allein für Planung werden etwa 2,5 Millionen Euro gebraucht.

Schon seit Jahren ist die S 4 in Stormarn ein Dauerbrenner. Rund 20 000 Pendler fahren wochentags mit der Regionalbahn nach Hamburg und zurück. Und oft sind die Züge verspätet und überfüllt. So oft, dass Jörg Sievers auf seiner Internetseite www.delays.de Meldungen von Verspätungen sammelt. Wer rechtzeitig zur Arbeit kommen will, muss, um ganz sicher zu gehen, einen Zug vorher nehmen.

Derzeit verkehrt die Regionalbahn im 30-Minuten-Takt, in der Hauptverkehrszeit fahren zusätzliche Züge. Die neue S-Bahn könnte in den Hauptverkehrszeiten im Zehn-Minuten-Takt fahren. Rund 250 000 Menschen leben im Einzugsgebiet der S-Bahn-Verbindung, sie könnten die Bahn nutzen, die am Sonntag erst einmal leer gefahren ist. Und es wird ein Fahrgastzuwachs von 50 Prozent erwartet. Noch im vergangenen Jahr sah es so aus, als stünde die S 4 vor dem Aus. Es tauchte ein Gutachten auf: Die Fahrgastzahlen sollten den Bau der S-Bahn nicht erforderlich machen. Dann wurde klar, dass sich die Gutachter mit der Fahrgastentwicklung gar nicht genauer befasst hatten. Sechs Jahre soll die Bauphase dauern, die Strecke könnte also frühestens 2018 fertig sein.