Leserbriefe

Das Fehlverhalten der Politik ist traurig

"Stolpersteine - CDU-Politiker in der Kritik", Abendblatt vom 22. Juli

Dem Kommentar zum traurigen Fehlverhalten von Stader Politikern gegenüber den Stolpersteinen stimme ich zu. Unglaublich, wie mit falschen Informationen eine höchst sinnvolle Aktion verhindert wird.

Die Gefahr ist groß, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Ich glaube nicht, dass vorbildlich an die NS-Zeit erinnert wird, wie Herr Bohlmann sagt. Die Stolpersteine würden helfen, das Vergessen zu bekämpfen.

Hermann Rüdy, Stade

Was sind denn für Herrn Bohlmann "normale Familien"?

Max Liebermann sagte im Januar 1933: "Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte". Anlass für die Aussage Liebermanns war der Fackelzug der Nationalsozialisten, die kurz ihrer "Machtergreifung" in Berlin stattfand und auch vor dem Haus des Malers vorbeiführte. Dieser Fackelzug war der Startschuss für eines der grausamsten Kapitel deutscher Geschichte.

Viel wurde und wird heute an diese Zeit erinnert. Eine Zeit, in der massenhaft Menschen aufgrund der unterschiedlichsten Nichtigkeiten das Recht auf Leben genommen wurde. Das geschah nicht irgendwo weit von uns weg, sondern vor zu unseren Haustüren - nur in einer anderen Zeit.

Die Geschichte zu kennen, heißt aus ihren Fehlern zu lernen. Das sollte auch der Stader Ratsherr Dieter-Theodor Bohlmann wissen. Im Hamburger Abendblatt begründete Bohlmann seine Ablehnung für die Stolpersteine, die mittlerweile ein fester Bestandteil der Erinnerungskultur in vielen deutschen Städten sind: "Wir denken genügend an die Opfer des Nationalsozialismus". Es kann und darf niemals genug an dieses Menschheitsverbrechen gedacht werden.

Die zweite Aussage von Herrn Bohlmann ist: "Die ganz normalen Familien haben auch viel Leid erfahren. Daran muss auch erinnert werden."

Was will uns Herr Bohlmann damit sagen? Was sind denn für Herrn Bohlmann "normale Familien"? Erhalten also die damals besonders von Verfolgung bedrohten "Randgruppen" der Gesellschaft (Homosexuelle, Zeugen Jehovas, GewerkschafterInnen und SozialistInnen) zuviel Aufmerksamkeit?

Ob sich der Landkreis Stade eine so schlechte Ausprägung der örtlichen Erinnerungskultur angesichts von immer wieder aktuell aufflammenden rechtsextremen Aussetzern und Tendenzen leisten kann?

Letztendlich schließe ich mich dem Zitat von Max Liebermann an, der im Januar 1933 an dem Fenster seines Hauses stand und die Vorbilder der Nazis von heute beobachtete.

Christian Hinrichs, Oldendorf

Die Zuschriften geben die Meinung der Einsender wieder. Kürzungen vorbehalten.

An das Hamburger Abendblatt , Redaktion Stade & Buxtehude, Bahnhofstraße 40, 21069 Neu Wulmstorf E-Mail: stade@abendblatt.de