Unterwegs mit dem Forschungsboot

Auf Wracksuche in der Elbe

Mit modernster Technik wird vor Bützflether Sand der Grund des Flusses ausgelotet. Es entstehen detailgetreue Aufnahmen von Schiffsleichen.

Stade

Es wankt und gluckst, Gischt klatscht auf die Frontscheibe. Mühsam kämpft sich die "Level-A" über die Wellenberge der Elbe. Auf dem breiten Strom vor Bützfleth wirkt das 7,5 Meter lange Forschungsboot wie eine Nussschale. Doch der kleine, kantige Kahn schaukelt tapfer vor sich hin und trotzt dem Fahrwasser der voll beladenen Containerschiffe. "Mir wurde versichert, es ist unsinkbar", sagt Volker Böder, Professor für Hydrographie an der HafenCity Universität (HCU) Hamburg.

Mit Kapitän Harro Lüken, Bord-Ingenieur Arne Sauer und zwei Studenten kreuzt der Professor vor Bützflether Sand. Seit dort im Dezember 2007 das Wrack eines 400 Jahre alten Elbseglers gefunden wurde, ist dieser Teil des Flusses besonders interessant für Hydrographen. Mit einem modernen Fächer-Echolot erkunden die Wissenschaftler den Elbgrund - und erhalten faszinierende Einblicke: Der Widerhall zeichnet ein dreidimensionales Bild auf Monitore, was in etwa so aussieht wie eine Mondlandschaft in Regenbogenfarben. Dunkles Blau für tiefe Bereiche, Orange und Gelb für flache Uferzonen. Die Technik ist zentimetergenau. Wo mit bloßem Auge nur trübe Suppe zu erkennen ist, wirkt das Echolot wie ein Scharfzeichner.

Plötzlich erlöschen die Monitore. Der Motor fällt aus. Wo eben noch die Maschine sonor rumpelte, schlagen nun die Wellen bedrohliche Töne an. Arne Sauer stürzt aus der Kajüte. Aggregatausfall. Doch Schweißperlen auf der Stirn können sich erst gar nicht bilden, denn 30 Sekunden später kehrt der Bord-Ingenieur zurück. Der Motor läuft wieder. Die Messinstrumente lassen noch auf sich warten. "Von zwei Aggregaten ist eines gerade leer geworden. Ganz normal", erklärt Sauer.

Absolventen des im deutschsprachigen Raum einzigartigen Studiengangs Hydrographie gehören vielleicht nicht zu den gesprächigsten. Aber sie sind begehrt. "800 Hydrographen werden weltweit gesucht. Diese Nachfrage kann bei weitem nicht bedient werden", sagt Professor Böder. Deshalb können sich Studenten, die sich mit Unterwasser-Topographie und Sedimentdicken beschäftigen, ihre gutbezahlten Jobs aussuchen. Ob sie weltweit auf hoher See oder im Büro arbeiten wollen, bleibt ihnen überlassen.

Kapitän Harro Lüken fährt auf Zuruf. "Jetzt driften wir zu stark Backbord. Nein, warte, das System muss erst wieder hochfahren. Messung läuft." All diese Informationen muss der Mann mit der blauen Baseballkappe mit dem Schiffsverkehr auf der Elbe abgleichen. Doch der Kapitän bleibt ruhig, antwortet freundlich, aber einsilbig. Gelassen lenkt er die "Level-A" über das aufgewühlte Wasser. Der Mann fährt seit 1952 zur See. Er hat schon ganz andere Wellen gesehen. Warum sollte er Probleme haben, hier die Position zu halten? Zur Sicherheit navigiert er dennoch mit einem der vier Monitore im Schiffsrumpf. Er sieht sowohl seine Position als auch die der Wracks. Denn insgesamt liegen drei Schiffsleichen vor Bützfleth. Neben dem historisch wertvollen Elbsegler in zwölf Meter Tiefe haben sich auch ein 40 Meter langer Minensucher aus dem Zweiten Weltkrieg sowie ein weiteres Kriegsschiff in den Schlick gegraben. Für Andreas Schäfer, Stades Stadtarchäologe, ist das von besonderem Interesse.

Auch er ist an Bord des 800 000 Euro teuren Vermessungsbootes und beobachtet, wie sich der Grund des Flusses auf den Monitoren unter Deck abzeichnet. Eigentlich will er den untergegangenen Elbsegler noch mal aus der Nähe sehen, nachdem Holzuntersuchungen ergeben haben, dass der sogenannte Ewer das älteste jemals in der Elbe gefundene Binnenschiff ist. Doch nun wird seine Aufmerksamkeit auf die beiden Schiffswracks auf der anderen Elbseite gelenkt. Von denen wusste er noch nichts.

Aus dem Wellental des Elbgrundes schält sich ein stählerner Torso. "Hier ist es deutlich zu sehen", sagt Bord-Ingenieur Arne Sauer, während sich ein langgezogener, orangefarbener Berg auf dem Bildschirm erhebt. Eindeutig Schiffskonturen. Gestochen scharf. "Archäologische Objekte sind für uns besonders interessant, weil hier die Grenzen der Messsysteme ausgereizt werden", so Professor Volker Böder. Meistens wird die Hydrographie für sichere Fahrrinnen, das Erschließen von Energiequellen oder Deicherhöhungen benötigt. Heute dient sie der archäologischen Schatzsuche.

Das Ergebnis überzeugt: drei Schiffsleichen in farblich ansprechenden Aufnahmen. Auch Stadtarchäologe Andreas Schäfer ist begeistert. Seine Einschätzung der Erkundungsfahrt: "Faszinierend!" Nach gut einer Stunde hat er wieder festen Boden unter den Füßen. Die "Level-A", dieses unscheinbare Wunderwerk der Technik, dreht Richtung Hamburg ab. Auf seinem Weg wird es mehrere Wracks passieren. Denn davon verstecken sich noch einige in der trüben Suppe der Elbe.