Ostsee

Warum ein Ehepaar an der Schlei auf der Baustelle lebt

| Lesedauer: 7 Minuten
Marion und Rüdiger fühlen sich im  neuen Strandkorb auf dem Balkon wohl – trotz des Baulärms.

Marion und Rüdiger fühlen sich im neuen Strandkorb auf dem Balkon wohl – trotz des Baulärms.

Foto: Elisabeth Jessen

Senioren-Ehepaar lebt zwischen Rohbauten und Baugrundstücken am Fjordufer. Warum sie es nicht abwarten konnten.

Kappeln. Marion und Rüdiger sind heilfroh, dass sie sich am Ende doch gegen einen Bungalow entschieden haben. Das Ehepaar sitzt in seinem neuen Strandkorb auf dem großzügigen Balkon in der oberen Etage und kann zwischen Rohbauten und Baugrundstücken immerhin noch einen Blick auf die Schlei erhaschen. „Für ein Grundstück weiter vorn hat das Geld nicht gereicht“, sagt der Rentner und wirkt dabei keineswegs unzufrieden. Er und seine Frau sind die ersten Bewohner der Schlei-Terrassen.

Das große Neubaugebiet entsteht direkt am südlichen Ufer der Schlei im Kappelner Stadtteil Ellenberg (Kreis Schleswig-Flensburg). Auf unterschiedlichen Baufeldern werden hier etwa 600 Wohneinheiten gebaut, darunter viele Einzel- und Doppelhäuser. Im Angebot gibt es sowohl Wohnungen in Mehrfamilienhäusern, aber auch Grundstücke für eine individuelle Reetdach-Bebauung direkt an der Wasserlinie im sogenannten Reetdach-Quartier sowie schlüsselfertige Einfamilien- und Doppelhäuser.

Neubaugebiet an der Schlei: 70 Prozent der Immobilien vergeben

Ein großer Teil der Immobilien ist schon vergeben. „Wir haben mittlerweile 70 Prozent verkauft“, sagt Julian Paul Heller, Geschäftsführer von Heller & Groß Immobilien, mit Sitz in Hamburg, der eine Vielzahl unterschiedlicher Immobilien im Angebot hat. Die Wohnungen im Projekt FjordLIV beispielsweise (50 bis 134 Quadratmeter), deren Bau kurz bevor steht, kosten 250.000 bis 750.000 Euro, die FjordLIV-Doppelhäuser (145 Quadratmeter Wohnfläche) werden komplett bezugsfertig inklusive Küche zu Preisen zwischen 650.000 und 670.000 Euro angeboten.

Marion und Rüdiger, die ihren Nachnamen lieber nicht veröffentlicht sehen möchten, wollten nicht warten. „Unser Drängen, so schnell wie irgend möglich – trotz zu erwartender Belästigungen – in das riesige Neubaugebiet zu ziehen, war in erster Linie unserem doch fortgeschrittenen Alter geschuldet“, sagt Rüdiger, der 74 Jahre alt ist, seine Frau ist 73. „Uns lief die Zeit davon!“ Sie hätten dadurch aber den riesigen Vorteil gehabt, dass sie „von der Problematik Corona, Materialverknappung mit Lieferproblemen und Verteuerung nicht voll erwischt wurden“.

Andere Eigentümer haben Anfang des Jahres die Nachricht erhalten, dass sie ihr Haus nicht im Frühsommer, sondern frühestens im Herbst beziehen können. Damit geht ihnen eine ganz Sommersaison verloren. Das Gelbklinker-Haus von Marion und Rüdiger hat ein weithin sichtbares rotes Ziegeldach, die beiden hatten sich ein wenig südliches Flair gewünscht.

Wahlheimat Schlei: Die neue Heimat liegt in Meeresnähe

Das Paar hatte sich schon vor sieben Jahren um ein Grundstück bemüht. Rüdiger, der für die Bundeswehr tätig war, ist seinen Worten viel herumgekommen in seiner aktiven Zeit. Der Fallschirmjäger war bei unterschiedlichen Einheiten in Deutschland stationiert, auch mal fünf Jahre in Belgien, und er kannte die Schleiregion aus einer Zeit, als hier noch die Marine mehrere Standorte hatte. „Ich hatte auch mehrere Lehrgänge bei der Marine hier in Kappeln“, erzählt der gebürtige Oberfranke.

Das Ehepaar, das seit 53 Jahren verheiratet ist, hatte vor 20 Jahren ein Haus in Baden-Württemberg gebaut, es aber wieder verkauft. „Das neue Zuhause sollte am Meer liegen oder wenigstens am Wasser. Es sollte Atmosphäre haben, eine Garage und eine gute Verkehrsanbindung, außerdem frische Luft“, erzählt Rüdiger. „Und ich wollte frischen Fisch kaufen können, der nicht riecht.“ In Baden-Württemberg habe sogar frischer Fisch immer ein „Geschmäckle“. Die Gegend am Bodensee sei ihnen zu heiß gewesen und außerdem überlaufen, sie hätten dann regelrecht eine Rundreise gemacht.

Dass sie letztlich von der Wohnung, in der sie zuletzt etliche Jahre an der Schlei lebten, doch wieder in ein Haus ziehen wollten, liege an ihrer beider Lieblingsgericht, sagen beide. „Meine Frau kocht häufig Spaghetti aglio olio. Da riecht dann das ganze Haus“, erzählt Rüdiger. Um also endlich wieder ohne Ärger mit den Nachbarn mit Knoblauch kochen zu können, hätten sie sich auf die Suche nach einem Haus gemacht.

Wohnen an der Schlei: Gute Aussichten bereits beim Frühstück

Da es nun doch kein Bungalow geworden ist, haben beide vorgesorgt: „Wir werden ja älter“, erklärt der ehemalige Soldat. Deshalb haben sie alle Räume in dem Einfamilienhaus auf zwei Etagen barrierefrei gestaltet, bei Bedarf ließe sich auch ein Treppenlift einbauen. „Wir leben aber vorwiegend hier oben“, sagt Marion, die als Verwaltungsangestellte bei einer Krankenkasse gearbeitet hat. Sie hat auch in der oberen Etage eine kleine Küche einbauen lassen. „Hier sitzen wir schon morgens beim Frühstück“, sagt sie. Hätten sie einen Bungalow, dann könnten sie die Schlei wohl kaum noch sehen, weil in den Reihen vor ihrem Haus, das in einer Sackgasse steht, schon recht üppig gebaut wurde. „Da sind viele massige Häuser dazu gekommen“, sagt Rüdiger.

Er wohnt mit seiner Frau zwar in der letzten Reihe, aber immerhin in einer Sackgasse. Die anfänglichen Belastungen bezüglich des Lärmes und des Drecks seien inzwischen einem gegenseitigem Akzeptieren gewichen. „Wir grüßen uns gegenseitig, winken uns zu. Die Fahrer der Baumaschinen schalten vor unserem Haus einen Gang runter, aus Rücksicht vor unserem Eremitendasein“, sagt Rüdiger. Sie seien zu bewundern für die schwere Arbeit, die diese bei Wind und Wetter verrichten müssten. „Hier gilt unser besonderer Dank Herrn Christ, dem Schachtmeister der Firma Pohl“, sagt das Paar, das zwei erwachsene Kinder und vier Enkelkinder hat. Es sei spannend, buchstäblich vor Ort die Entstehung eines neuen Stadtteiles mitzuerleben. „Es macht Spaß, weil es jeden Tag neue Entwicklungen gibt.“

Es gibt weder Straßennamen noch Postanschrift

Ein ganz besonderer Umstand solle nicht unerwähnt bleiben, findet Rüdiger. Obwohl es noch keine Straßennamen und keine Postanschrift gebe, funktioniert die Zustellung von Tageszeitung, Post, DHL und Speditionen recht problemlos. „Nur bei Hermes klappt es überhaupt nicht.“

Mit einer seiner künftigen Nachbarin hat Rüdiger übrigens eine Wette laufen. Sie glaube das Gerücht, dass die Schlagersängerin Helene Fischer eine Immobilie in den Schlei-Terrassen gekauft haben soll, er dagegen nicht. Wetteinsatz: eine Flasche Champagner. Der Strandkorb wäre ein idealer Platz, um sie zu trinken.