Schleswig-Holstein

AKW-Schutt: Diese vier Deponien kommen für Lagerung infrage

Für die Lagerung von Akw-Schutt kommen in Schleswig-Holstein noch vier Standorte in Frage.

Für die Lagerung von Akw-Schutt kommen in Schleswig-Holstein noch vier Standorte in Frage.

Foto: dpa

Zehntausende Tonnen Material aus dem Abriss von Atomkraftwerken müssen gelagert werden. Doch Gemeinden und Bürger wehren sich.

Kiel. Bis zu 50.000 Tonnen Schutt werden beim Abriss der drei Atomkraftwerke in Schleswig-Holstein binnen 10 bis 20 Jahren anfallen. Für die Lagerung des Materials zieht das Land jetzt noch vier Deponiestandorte in Betracht, wie Energieminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) am Montag in Kiel mitteilte. Drei Deponien, die auch als grundsätzlich geeignet gelten, wurden aus Kapazitätsgründen ausgeschlossen. Zu lagern sind unter anderem Mineralwolle, Bauschutt und Isolierungen. Die Deponien im Land nehmen jährlich rund 800.000 Tonnen Abfall auf.

"Es handelt sich um nichtradioaktives Material", sagte Albrecht. "Es ist im Grunde genommen Abfall wie jeder andere." Als Standorte kommen nach dem Gutachten nun noch in Betracht: Wiershop im Kreis Herzogtum Lauenburg, Lübeck-Niemark, die Deponie Johannistal in Gremersdorf (Kreis Ostholstein) und Harrislee (Schleswig-Flensburg). Großenaspe und Damsdorf/Tensfeld im Kreis Segeberg sowie Schönwohld im Kreis Rendsburg-Eckernförde wurden ausgeklammert, weil sie in ein bis zwei Jahren voll sein werden und die in nächster Zeit aufzunehmenden Dämmmaterialien aus bautechnischen Gründen nicht deponieren können. Für das seit Jahren abgeschaltete Akw Brunsbüttel ist der Abriss bereits genehmigt.

Das Material wird an den Akw-Standorten "freigemessen". Es muss dafür von der Umgebungsstrahlung abgeschirmt werden, erläuterte Atomaufsichtsleiter Jan Backmann. Als Maximalwert für einen Menschen im Kalenderjahr sind zehn Mikrosievert erlaubt, die weit unterhalb der natürlichen Umgebungsstrahlung liegen. Jeder Mensch "strahlt" laut Ministerium mit durchschnittlich 300 Mikrosievert im Jahr, weil er radioaktive Stoffe einatmet oder mit Nahrungsmitteln aufnimmt. Wer täglich zwei Paranüsse isst, steigert laut Bundesamt für Strahlenschutz seine körpereigene Jahresstrahlung um bis zu 160 Mikrosievert. Die gesamte natürliche Strahlenbelastung beträgt in Deutschland im Mittel 2100 Mikrosievert im Jahr.

Bürgerinitiative bleibt bei Nein

Trotz der niedrigen Werte bei "freigemessenem" AKW-Schutt lehnten Gemeinden mit Deponien die Aufnahme bisher ab. Mit "doppeltem Boden" werde sichergestellt, dass niemand gesundheitliche Gefahren befürchten müsse, sagte Albrecht. Er erhoffe sich auf Grundlage des neuen Gutachtens auch an Deponiestandorten eine Versachlichung der Diskussion. "Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Betreiber von kerntechnischen Anlagen und Deponien gemeinsam zu einer angemessenen Verteilung der zu deponierenden Abfälle aus den Kernkraftwerken finden und dass diese Lösungen Akzeptanz finden", sagte Albrecht.

Jetzt sind AKW- und Deponiebetreiber am Zuge, um Entsorgungsverträge abzuschließen. "Wir können im Grunde sofort beginnen", sagte Albrecht. Das Material könnte theoretisch exportiert werden, aber er sehe das Land in der Verantwortung, hier anfallende Abfälle auch hier zu entsorgen. In wie vielen Deponien das geschehen wird, ist offen. Es wäre laut Albrecht auch an allen vier Standorten möglich.

Sollten die Betreiber keine Lösung finden, könnte das Land als Ultima Ratio auf Basis des Kreislaufwirtschaftsgesetzes Zuweisungen vornehmen. Er habe aber nicht den Eindruck, "dass alle sagen: Bei uns auf keinen Fall", sagte Albrecht. Die Bürgerinitiative Harrislee blieb beim Nein: "Das Ergebnis ändert nichts an der Tatsache, dass der betroffenen Bevölkerung eine zusätzliche Strahlenbelastung und somit ein erhöhtes Gesundheitsrisiko zugemutet wird", sagte Sprecherin Angela Wolff. "Eine Strahlendosis in Höhe von zehn Mikrosievert pro Jahr ist etwa doppelt so hoch wie die jährliche Strahlenbelastung durch ein Atomkraftwerk im Normalbetrieb." Untersuchungen hätten Gefahren von Niedrigstrahlung belegt.

BUND kritisiert Harrislee-Wahl

"Der Minister lässt sich unter Zeitdruck setzen", befand BUND-Atomexperte Rainer Guschel. Der vorbeugende Strahlenschutz werde nicht ernst genug genommen. Er sei irritiert, weil Albrecht Harrislee weiter im Rennen sehe, sagte der SSW-Umweltpolitiker Flemming Meyer. Die Nähe zu Dänemark spiele offenbar keine Rolle. "Wenn die Landesregierung es wirklich ernst meint mit der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und guter Nachbarschaft, dann muss allein die Grenznähe Harrislees ein klares Ausschlusskriterium sein."

Dass niemand den freigemessenen Abfall haben wolle, sei im ersten Moment verständlich, meinte der CDU-Umweltpolitiker Heiner Rickers. Aber: "Als Verursacher sind wir als Land mit den Kreisen und Betreibern in der Pflicht, diesen zu entsorgen".