Gesundheit

Jeder vierte junge Schleswig-Holsteiner ist psychisch krank

Ein junges Mädchen schlägt die Hände vors Gesicht. Depressionen verbreiten sich immer stärker (Symbolbild)

Ein junges Mädchen schlägt die Hände vors Gesicht. Depressionen verbreiten sich immer stärker (Symbolbild)

Foto: Nicolas Armer / dpa

An der Spitze der Leiden stehen Depressionen. Fallzahlen deutlich gestiegen. Experten fordern ein Umdenken.

Kiel. Jeder vierte junge Erwachsene in Schleswig-Holstein muss sich beim Psychologen Hilfe holen. 27,6 Prozent der 18- bis 25-Jährigen wurden im Jahr 2016 wegen einer psychischen Störung ärztlich behandelt, das entspricht etwa 70.000 Betroffenen, heißt es in einer am Dienstag in Kiel veröffentlichten Studie der Barmer Krankenkasse. Insbesondere Depressionen machen den jungen Schleswig-Holsteinern zu schaffen. Körperliche Beschwerden ohne organische Ursache sind die zweithäufigste psychische Störung.

Der Studie zufolge ist die Diagnoserate in allen Kreisen Schleswig-Holsteins innerhalb von zehn Jahren deutlich gestiegen. In Neumünster wurde bei 11,2 Prozent der 18- bis 25-Jährigen eine Depression ärztlich dokumentiert, zehn Jahre zuvor lag die Rate bei 6,2 Prozent. Auch in Lübeck lag die Diagnoserate 2016 mit 10,9 Prozent im Vergleich zu 2006 mit 7,2 Prozent höher. Der Landkreis Dithmarschen weist landesweit die niedrigste Betroffenenquote, aber ebenfalls einen Anstieg auf: von 4,8 Prozent in 2006 auf 6,4 Prozent in 2016.

„Risiken reduzieren statt nur reparieren!“

Studierende galten bislang als weitgehend gesunde Gruppe. „Unsere Auswertungen zeigen aber, dass allein in Schleswig-Holstein schon fast 7.000 Studierende in der Altersgruppe 18 bis 25 Jahre an einer psychischen Erkrankung leiden“, so Bernd Hillebrandt von der Barmer Schleswig-Holstein. Die Probleme könnten so groß werden, dass der normale Uni-Alltag nicht mehr zu bewältigen sei und es zu Studienabbrüchen und existenziellen Krisen kommen könne.

Für den Kieler Psychologen Heiko Borchers sind die Zahlen der Beleg für bedenkliche Entwicklungen, die er aus dem Praxisalltag kennt. „Eine Gemengelage aus aufgelösten Familienstrukturen, Kinderarmut, schulischem und universitärem Leistungsdruck erhöht das Risiko, schon jung an einer psychischen Störung zu erkranken“, erklärte Borchers. Gesellschaft und Politik forderte er zum Handeln auf. „Wir müssen weg vom heutigen Krankheits-Reparaturbetrieb.“ Stattdessen sollten Risiken für psychische Störungen reduziert werden.

„Nur die Spitze des Eisbergs ist sichtbar“

„Die Zahlen der Krankenkasse sind nur die Spitze des Eisbergs“, sagte der Psychologe David Daniel Ebert von der Universität Erlangen Nürnberg: „57 Prozent der Menschen mit psychischen Erkrankungen suchen keinen Arzt auf.“ Viele Betroffene verspürten stattdessen den Wunsch, Probleme selbstständig in den Griff zu bekommen. Sie reden eher mit Freunden als psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. So vergehen laut Ebert im Schnitt acht bis zehn Jahre, bis sich Betroffene mit psychischen Erkrankungen in Behandlung begeben.